Wer die Welt von Monika S.* betritt, macht einen Schritt in die Vergangenheit. In der Küche stehen Kaffeemühlen, im Badezimmer ein Waschbrett und die Toilette ist nicht mit der Aufschrift WC, sondern mit kleinen Herzen gekennzeichnet. Dass die über 90-jährige Frau heute inmitten von antiquarischem Hausrat lebt, hat nichts mit Altersarmut zu tun. Monika S. ist an Demenz erkrankt. Ihr sollen die Gegenstände aus der Jugend helfen, sich in der Welt zurechtzufinden. Was einen Menschen in den ersten 25 Jahren geprägt hat, gewinnt im Alter wieder an Bedeutung, hat der Wiener Professor Erwin Böhm herausgefunden. Böhm gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet der Pflegepsychologie und ist der Meinung, dass herkömmliche Formen der Altenpflege gut gemeint, aber nicht gut für die Demenzkranken seien. Viele von ihnen fühlen sich ausgeschlossen. Sie ziehen sich zurück oder nehmen eine Abwehrhaltung ein, weil sie die Welt nicht mehr verstehen.
Ein rigider Tagesablauf, wie in Altenheimen oder Krankenhäusern üblich, verunsichere diese Menschen manchmal noch mehr, meint Böhm. Viel besser sei es, den Betroffenen wieder mehr Selbstbestimmungsrecht zurückgeben. Dafür aber muss man ein Milieu schaffen, in dem sie sich zu Hause fühlen.
Monika S. war seit ihrer Jugend als Hausmeisterin tätig. Jahre lang gehörte es zu ihren Aufgaben, den Hauseingang zu überwachen und das Treppenhaus sauber zu halten. Diese Tätigkeit erfüllt sie nun in der Wohngruppe „Am Rathausplatz“ im zweiten Stock des Seniorenheims Vitanas. Hier lebt Monika S. gemeinsam mit 13 weiteren Patienten, deren Erkrankung schon sehr weit fortgeschritten ist. Sie leben in einer Welt, die an Großmutters Zeiten erinnern.
Alte Schlager erklingen
An den Wänden hängen alte Fotos vom Brandenburger Tor, in einer Ecke, über der das Wort „Kranzler“ in alten Schriftzeichen steht, finden sich schmiedeeiserne Parkbänke und aus einem Radio tönen Schlager aus den 30 Jahren. Einige Damen rauchen.
Wenn sie nicht wischt, sitzt Monika S. gerne in dem Sessel vor der alten Nähmaschine. Manchmal blicken ihre Augen ins Nichts. Dann plötzlich schimpft sie heftig. Der Boden sei nicht anständig geputzt oder Besucher hätten sich nicht angemeldet.
Pflegerin Caroline Pahlke spielt das Spiel mit. Wenn Monika S. meckert, schimpft auch Pahlke. Zu viel Dreck, zu viele Leute, zur unpassenden Zeit, und überhaupt… . Pahlke nennt Monika S. „Chefin“ und scheut sich nicht, Besucher aus der Gruppe zu verweisen, wenn die „Chefin“ das forderte. Es helfe der Frau, so meint Pahlke, ein wenig von ihrem „Ich-Wertigkeit“-Gefühl zurück zu bekommen.
Das Gefühl weiterhin gebraucht zu werden, ist ein wichtiger Teil von Pahlkes Arbeit mit dementiell erkrankten Menschen. Gemeinsam wird zum Beispiel gewaschen und Wäsche aufgehängt. Pahlke wirkt dabei immer mehr wie ein helfender Gast, als eine Altenpflegerin, die Vorschriften macht. Sie trägt einen Putzkittel mit bunten Blumen – den kennen die meisten Frauen aus ihrer Vergangenheit. Sie lacht und raucht mit den Bewohnern, dreht Lockenwickler auf oder hört einfach nur zu.
Fragen nach dem Leben
Caroline Pahlke ist seit mehr als 20 Jahren Altenpflegerin und überzeugt, dass Menschen mit Demenz zwar die Orientierung verlieren, aber emotional noch erreichbar sind. Um diese Emotionen anzuregen und die „Seele der Menschen lebendig zu halten“, müsse sie möglichst viel über deren Leben herausfinden. Wann sind sie geboren? Woher kommen sie? Welches Milieu? Hatten sie Kinder? Beruf? All diese biografischen Informationen helfen Pahlke, ihre Klienten besser zu verstehen. Das erfordert nicht nur eine therapeutische Schulung, sondern auch viel Zeit. Jeder Fall ist unterschiedlich. Für das Heim ist das ein Investment. Neben Pahlke arbeiten 13 weitere Pfleger mit dieser Ausbildung in drei Schichten in den Wohngruppen.
Das Interesse an dem Böhm-Konzept wuchs in dem Seniorenheim vor knapp zehn Jahren, als die Zahl der dementiell erkrankten Patienten zunahm, berichtet die Psychologin Dr. Claudia Zemlin. Zwar müssten nicht alle Kranken nach der Methode des Wiener Professors betreut werden, sagt sie. Viele kämen auch in gemischten Gruppen zu Recht. Das Böhm-Konzept aber sei eine gute Alternative, die das Unternehmen in Zeiten steigender Erkrankung anbieten wolle. Man hole Menschen ins Leben zurück, sagt Zemlin.
Als Lina F. zum Beispiel vor zwei Jahren in die Wohngruppe „Unter den Linden“ kam, hieß es, die Frau könnte nicht laufen. Doch mit kleinen Impulsen, wie alleine eincremen, motivierte Pahlke die Frau, Aufgaben zu übernehmen. Heute läuft Lina F. mit einem Rollator durch die Wohngruppe. Dazu trägt sie häufig Hut, Perlenkette und roten Lippenstift – wie eine Diva. Als junge Frau wollte Lina F. Schauspielerin werden, doch der Vater hatte es verboten. Dieser Wunsch ist für die Frau heute zu einer Realität geworden – und hilft ihr den Alltag zu bewältigen.
*Namen von der Redaktion geändert
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