Neulich berichtete mir eine Referendarin ganz aufgebracht von einer Unterrichtsstunde, in der sie – ganz entgegen ihrer Vorsätze und ihrer sonst zugewandten Art – „aus der Haut fuhr“ und die Klasse derart anschrie und beschimpfte, dass sie vor sich selbst erschrak. Hinterher tat es ihr leid, doch sie fühlte sich von der Klasse so zur „Weißglut“ getrieben, dass sie nur noch emotional zu reagieren vermochte und ihre Aggressionen gegen die Klasse richtete.
Dies ist ein typisches Beispiel, wie Lehreraggressionen oder „Lehrergewalt“ entstehen können. Die Schüler durchkreuzten die Unterrichtsplanung. Dies wird von der Lehrperson als persönlicher Angriff, als Kränkung wahrgenommen, was bei ihr Aggressionen auslöste, die wiederum zur Gegenaggression führten.
Lehreraggressionen können ganz unterschiedliche Formen annehmen. Fallstudien belegen folgende Varianten: Beschimpfen und Beleidigen, gezieltes Bloßstellen und öffentliches Abwerten vor der Klasse, Ignorieren und Ausgrenzen, Witze machen über Schüler, deren Kleidung oder Aussehen („Du fette Sau“), Demütigungen und Entmutigungen („Du schaffst es ja eh nicht!“), sexuelle Diskriminierung, besonders im Sportunterricht, bis zur körperlichen Attacke − Kopfnüsse, Ohrfeigen, Werfen von Gegenständen. Beliebt ist auch der Einsatz von Noten als Disziplinierungsmittel gegen unangepasste Schüler.
Obwohl „Lehrergewalt“ noch immer tabuisiert wird, ist sie beileibe keine Randerscheinung an Schulen. Manche Forscher behaupten gar, dass Schülerinnen und Schüler häufiger Lehrerangriffen ausgesetzt seien als Schülerangriffen.
Der aktuellen Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge ist jeder vierte 15-Jährige im vergangenen Schulhalbjahr von einer Lehrperson lächerlich gemacht oder gemein behandelt worden, 2 bis 3 Prozent sogar wöchentlich. 2,5 Prozent waren danach gar Opfer körperlicher Gewalt durch eine Lehrkraft. Aspekte der institutionellen Gewalt wie Leistungs- und Notendruck sind hierbei noch gar nicht inbegriffen.
Wechselt man die Perspektive und schaut auf die Aggression und Gewalt eines Teils der Schülerschaft gegenüber Lehrpersonen wird eines deutlich: Aggression und Gewalt entstehen meist in der alltäglichen Lehrer-Schüler-Interaktion und sind Ergebnis von Konflikten, die aufgrund mangelnder Kommunikations- und Konfliktlösungskompetenzen eskalieren.
Doch gewaltfreies Kommunizieren, Konfliktlösen und eine wertschätzende Grundhaltung kann man lernen. Die Lehrkräfte sollten dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Die vielerorts praktizierten Streitschlichterprogramme sind vor allem dann erfolgreich, wenn das Lehrerkollegium selbst aktiv mitwirkt, die Schulleitung eingeschlossen.
Ein Kommunikations- und Mediationstraining kann Lehrern wie der zornigen Referendarin helfen. Solche Trainings sollten für alle Lehrerinnen und Lehrer verbindlich sein. Mehr sozial kompetente Lehrerinnen und Lehrer bedeuten auch eine bessere Kommunikations- und Streitkultur in den Kollegien, was Lehrern wie Schülern gut tun würde.
Ohnehin aber gilt: Wer keine Achtung und Wertschätzung für Kinder entwickeln kann, sollte den Lehrerberuf gar nicht erst ergreifen.
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