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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

08. November 2011

Die verschwundene Barriere

 Von Hanno Meissner

Ein Gehbehinderter berichtet über das schönste Erlebnis seiner Schulzeit

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Ich wurde als Gehbehinderter im Sommer 1990 in Wolfsburg eingeschult. Damals dachte noch niemand an Inklusion. Alle Schüler mit Behinderung, gleich ob rein körperlicher oder geistiger Art, landeten automatisch in einer Förderschule. Meine Schule war im gleichen Gebäude mit einer Regelschule untergebracht, mit der eine Kooperation bestand. Doch in meiner Förderschule war ich unterfordert.

Und so wurde für einen ebenfalls gehbehinderten Mitschüler und mich nach wenigen Wochen gesonderter Unterricht in den Hauptfächern eingeführt. Die Lehrer unterrichteten uns dort eine Zeit lang in gestraffter Form nach dem Lehrplan der Regelschule, um den bereits entstandenen Rückstand wieder aufzuholen.

Kurz darauf wechselten wir beide in eine 1. Klasse der Regelschule, in der wir fortan integrativ beschult wurden. Einer engagierten Lehrerin und einer hilfsbereiten Betreuerin stand jedoch ein starres System gegenüber, das uns weiterhin als Förderschüler führte. Zu dieser Sonderrolle gehörte die vorgeschriebene Teilnahme an Veranstaltungen der Förderschule, oftmals während der Unterrichtszeit.

Kampf um Schulwechsel

Allein dadurch blieb in der Klasse lange Zeit eine unsichtbare Barriere zwischen den „Normalen“ und den „Behinderten“ bestehen, auch wenn ich nach einiger Zeit nicht-behinderte Freunde fand.

Die Tatsache, dass ich trotz des Unterrichts in der Regelschule weiterhin ein Förderschulzeugnis erhielt, ließ meine Eltern am Ende der 4. Klasse für einen Wechsel auf eine Regelschule in kirchlicher Trägerschaft kämpfen. Doch meine Förderschule leistete wegen geringer Schülerzahlen massiven Widerstand. Erst die Androhung juristischer Schritte sowie die Unterstützung des Schuldezernenten brachten schließlich Erfolg.

Gleich am ersten Tag auf meiner neuen Schule hatte ich dann das schönste Erlebnis meiner gesamten Schulzeit. Ich hatte auf meinem Namensschild „Hanno“ so klein geschrieben, dass der Lehrer es nicht lesen konnte. Er forderte mich deshalb auf, nach vorne zu kommen, um mich selbst davon zu überzeugen. Als ich aufstand und der Lehrer sah, dass mir das Gehen schwer fiel, entschuldigte er sich sofort. Er war sich meiner Behinderung gar nicht bewusst gewesen. Es war das erste Mal, dass ich nicht als Behinderter, sondern als einer von vielen Schülern wahrgenommen wurde.

Bis heute kann ich mit der Zuordnung zu einer „Randgruppe“ wenig anfangen. Dieses Bewusstsein ist mir irgendwann nach der 4. Klasse abhanden gekommen. Zum Glück.

Hanno Meissner ist 27 Jahre alt und lebt in Wolfsburg. Er studiert Politikwissenschaft an der Fernuni Hagen.

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