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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

14. November 2012

Digitale Medien: Der Computer allein macht nicht dumm

 Von Pauline Krebs
Der Wandel des Menschen zum Computerwesen. Für manche Forscher birgt er vor allem Gefahren. Mitunter ist aber auch noch körperliche Arbeit nötig. Foto: AP/dapd

Wie verändern digitale Medien die Sprache, das Denken und die Kommunikation? Machen Computer wirklich dumm? Forscher ziehen eine gemischte Zwischenbilanz.

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Wie verändern digitale Medien die Sprache, das Denken und die Kommunikation? Machen Computer wirklich dumm? Forscher ziehen eine gemischte Zwischenbilanz.

Twittern, chatten, bloggen. Jeden Tag ergießen sich Meinungen, Liebesbotschaften und Freundschaftseinladungen in die digitalen Weiten des Internets – meist ungefiltert, selten unkommentiert. Was macht die digitale Welt mit den Menschen, dem Denken, der Sprache? Machen Computer wirklich dumm, wie manche Neurobiologen und Psychologen behaupten?

Seit Wochen hält sich ein Buch mit dem Titel „Digitale Demenz“ in der Bestseller-Liste und wird auf On- und Offline-Kanälen heftig diskutiert. Geschrieben hat es Manfred Spitzer, der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Während besorgte Eltern und Kulturpessimisten seine Warnungen willkommen heißen, kritisieren ihn Forscher verschiedener Fachbereiche für seine verallgemeinernden Thesen.

Empathiefähigkeit nimmt ab

„Das Problem an Manfred Spitzers Formulierungen ist, dass er die Neuen Medien pauschal als schädlich verurteilt“, sagt Astrid Carolus, Psychologin am Institut für Mensch – Computer – Medien der Universität Würzburg. „,Computer machen dumm’ ist eine ebenso undifferenzierte Aussage wie ,Bücher machen dick’.“ Die Angst vor technischen Neuerungen habe es schon immer gegeben – bei der Erfindung der Schrift, der Eisenbahn, des Radios oder des Fernsehens. „Ein Medium selbst kann nicht dumm machen, höchstens dessen falsche Nutzung“, sagt die Psychologin. „Computer sind schon heute Teil unserer Lebenswelt, deshalb sollte man sie nicht verdammen, sondern lernen, mit ihnen umzugehen.“

Denn neben Risiken, die zweifellos existieren, bringt der Umgang mit digitalen Medien auch viel Positives. Die Wissenschaft zieht nach den ersten Langzeitstudien eine gemischte Bilanz.
„Durch regelmäßige PC-Nutzung verbessert sich die Hand-Augen-Koordination und das räumliche Denken“, sagt Martin Korte, Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig. Für ältere Generationen habe die Auseinandersetzung mit Computern und Internet geradezu positive Effekte auf die geistige Fitness. „In hohem Alter noch eine neue Sprache zu lernen, ist ebenso Training fürs Gehirn, wie sich in E-Mail-Programme und Chat-Funktionen einzufuchsen.“ Pauschal hochjubeln will er die Neuen Medien dennoch nicht, denn auch hier gebe es zwei Seiten.

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„Bei den Digital Natives, jener Generation, die mit Computern großgeworden ist, beobachten wir nicht nur die genannten positiven Effekte, sondern auch Folgen wie Konzentrationsstörungen oder fehlende Reflexion über wahrgenommene Sachverhalte.“ Das liege mitunter daran, dass sie viel häufiger und länger vor dem Computer sitzen, als ihre Eltern oder Großeltern.

„Interessant ist, dass sich bei den Digital Natives die Denkstrukturen ändern“, sagt Martin Korte. „Auf eine Wissensfrage suchen ältere Generationen im Faktengedächtnis nach der Antwort, denken also assoziativ. Digital Natives gehen analytisch vor und überlegen, wo sie die Antwort am schnellsten nachschlagen können.“ Es erscheint wie eine logische Entwicklung. Sie resultiert aus der Endlichkeit der Speicherkapazität im menschlichen Gehirn und der heutzutage schier unendlichen Möglichkeiten, auf Wissen zurückzugreifen.

Per se sei keine der beiden Methoden besser oder schlechter, sagt Martin Korte, denn Denkstrukturen änderten sich seit jeher durch neue Entwicklungen. Kritisch sieht er allerdings die Tatsache, dass Jugendliche die Wissensinhalte, auf die sie im Netz zugreifen, seltener reflektieren und hinterfragen.

Ein weiterer Aspekt, den die Neurobiologen derzeit verstärkt untersuchen, ist die Annahme, dass bei den Digital Natives mit hohem Medienkonsum die Empathiefähigkeit abnimmt. „Den Jugendlichen fällt es im Rahmen von neurologischen Tests schwer, andere Menschen zu verstehen oder sich in sie hineinzuversetzen“, erklärt Martin Korte. Er sieht hier tatsächlich eine bedenkliche Entwicklung.

„Vermutlich liegt es daran, dass ein Großteil des Kontakts bei jungen PC-Nutzern heute digital und nicht face-to-face abläuft“, sagt Korte, „ihnen fehlt das Training des direkten Kontakts, weshalb bestimmte Hirnareale nicht aktiviert werden.“ Ob und inwiefern sich das tatsächlich im zwischenmenschlichen Handeln niederschlage, müsse längerfristig untersucht werden. Wichtig sei es auch hier, zu differenzieren. „Die Dosis macht das Gift: Wenn Heranwachsende nie ein Buch lesen und 17 Stunden täglich vor dem Computer sitzen, wird ihre Phantasie verkümmern“, sagt er. „Genauso müssen Inhalte unterschieden werden: Treibt sich der Jugendliche in sozialen Netzwerken herum, googelt er schulisch relevante Inhalte oder spielt er den ganzen Tag die berühmt-berüchtigten Ego-Shooter?“ Deshalb sei es besonders wichtig, die Medienkompetenz zu schulen und den Computer nicht als billigen Babysitter zu begreifen – so wie es früher schon für den Fernseher diskutiert wurde.

Dass die Empathie sinkt, kann Astrid Carolus aus psychologischer Sicht nicht pauschal bestätigen. In ihrer Promotion ist sie der Frage nachgegangen, welchen Reiz soziale Netzwerke ausüben. Sie stellte fest, dass sich die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse und damit auch die Lust an zwischenmenschlicher Kommunikation kaum verändert haben, sondern nur der Rahmen, in dem sie stattfindet. „Der Mensch ist von Grund auf ein soziales Wesen, der sich nach Kontakt zu anderen sehnt.“ In einer Zeit, in der man nicht mehr ein Leben lang an seinem Geburtsort bleibe, ermöglichten E-Mails und soziale Netzwerke, Beziehungen zu pflegen. Für die Digital Natives sei das bereits vollkommen selbstverständlich.“ Das bestätigen Studien.

Warnung vor dem Lesen

„Dass vor allem junge Menschen technische Innovationen schnell adaptieren oder im regen Austausch mit ihrer Peer-Group stehen, ist kein neues Phänomen – früher hingen sie vermehrt am Telefon“, sagt der Sprachwissenschaftler Torsten Siever aus Hannover, der sich seit Jahren mit der Kommunikation in Neuen Medien befasst. Auch er ist der Meinung, dass sich nicht die Kommunikation selbst, sondern nur die Form geändert habe. Es gebe bei den meisten vermeintlichen Veränderungen ein analoges Vorbild aus der Zeit vor dem Internet. Abkürzungen wie CU ltr (See You later) stammten aus dem CB-Funk. „Wenn man heute seinem Schwarm ein Herzchen an die Pinnwand postet, hat das früher der Liebesbrief auf dem Pausenhof erledigt.“

Zwar sei die Schriftsprache lockerer geworden – anstatt eines „Sehr geehrter“ darf es auch ein „Lieber“ oder ein „Hallo“ sein. Doch darin sieht Torsten Siever eine natürliche Entwicklung: „Die Sprache hätte sich vermutlich ohnehin in diese Richtung gewandelt, da sie diesen Weg auch früher schon eingeschlagen hat – das Internet hat diesen Fortgang nur beschleunigt.“ Im Zwischenmenschlichen habe sich allen Warnungen zum Trotz kaum etwas geändert, vermutet der Linguist und stimmt mit Astrid Carolus überein. Diese sagt: „Auch früher gab es den engen Freundeskreis und eine Masse an Bekannten, die man regelmäßig auf Partys traf, mit denen man eine Schule besuchte oder die Freunde von Freunden waren.“ Junge Menschen unterschieden nach wie vor zwischen engen Freunden und entfernten Bekannten. Und auch Online-Freundschaften hätten meist noch eine Verankerung in der realen Welt, die auf gemeinsamen Erlebnissen beruhe.

Mögliche Probleme ergeben sich für die Psychologin allerdings aus den „Reduced Social Cues“, dem Mangel an zwischenmenschlichen Signalen, die normalerweise in der realen Welt funktionieren. „Das Internet bietet die Möglichkeit, sich als jemand anderes auszugeben, andere Bilder zu posten, lange über die richtige Formulierung nachzudenken oder Hemmungen zu überwinden.“ Das könne für schüchterne Jugendliche von Vorteil sein, berge jedoch auch immer die Gefahr, dass sich jemand mit fragwürdigen Absichten als eine andere Person darstelle. Auch hier müsse Aufklärung stattfinden. Verdammung oder Verbote helfen wenig.

Die Wissenschaft steht noch ganz am Anfang, was den Medienkonsum und die Kommunikation in sozialen Netzwerken betrifft. Einig sind sich viele Forscher darin, dass man lernen müsse, mit den Neuen Medien umzugehen. Weder drohe akute Verdummungsgefahr, noch ein Verfall der Sprache oder soziale Isolation. „All diese gesellschaftlichen Ängste werden heute schnell auf das Internet projiziert“, sagt Torsten Siever. „Dabei gab es die Befürchtungen vor dem kulturellen Verfall schon immer, und seit jeher wurden dafür Medien verantwortlich gemacht.“

Man denke an die Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert. Hier wurde das Lesen aus Vergnügen als gefährliches Laster dargestellt. Heute dagegen wünscht man sich, dass Kinder endlich wieder aus Vergnügen lesen.

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