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12. Januar 2013

Drogen "Legal Highs": Designerdroge Crystal: Teuflische Kristalle

 Von Anke Brodmerkel (Text) und Rita Böttcher (Grafik)
Eine Zollfahnderin zeigt sichergestelltes N-Methylamphetamin (umgangssprachlich abgekürzt Meth oder Crystal). Foto: dpa

Designerdrogen werden immer beliebter. Die neuen Substanzen dürfen oft ganz legal verkauft werden, sind deswegen aber nicht minder gefährlich: So ist Methamphetamin schlimmer als Kokain und Heroin.

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Es macht wach, es macht stark, es macht glücklich – und führt den, der es nicht nur einmal probiert, meist auf direktem Weg in die Hölle. Die Rede ist von Crystal oder, wie Chemiker sagen, N-Methylamphetamin, kurz Methamphetamin. Das unscheinbare weiße Pulver gilt derzeit als eine der unheilvollsten Drogen überhaupt, gefährlicher als Kokain und Heroin. Denn es macht nicht nur extrem schnell abhängig, sondern zerstört auch innerhalb kürzester Zeit Psyche und Körper.

Und dennoch ist Crystal weltweit auf dem Vormarsch. Einem aktuellen Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) nach wurden im Jahr 2010 allein in der EU rund 600 Kilogramm Methamphetamin beschlagnahmt. Fünf Jahre zuvor waren es noch 100 Kilogramm gewesen.

Nicht mehr nur osteuropäisches Problem

Auch ist die Droge nicht länger nur ein osteuropäisches Problem. War Crystal früher vor allem in Tschechien und der Slowakei verbreitet, taucht das Pulver aus den dortigen Drogenküchen nun immer häufiger auch in den angrenzenden Bundesländern Thüringen und Sachsen auf. „Von den im Jahr 2011 in Deutschland sichergestellten 18 Kilogramm Crystal fielen 13,5 Kilogramm in das Gebiet des Dresdener Zollfahndungsamtes, das für Thüringen und Sachsen zuständig ist“, sagt Norbert Drude, der Präsident des deutschen Zollkriminalamtes. Auch Bayern sei vermehrt vom Drogenschmuggel betroffen.

Nicht nur Drude befürchtet zudem, dass sich der Markt weiter öffnen wird. Tschechien verfolgt nämlich eine recht liberale Drogenpolitik und geht gegen Dealer nicht konsequent vor. Hinzu kommt, dass Crystal äußerst billig herzustellen ist. Ausgangsstoff sind die Substanzen Ephedrin oder Pseudoephedrin, die beide in gängigen rezeptfreien Erkältungsmitteln enthalten sind. Um aus ihnen Methamphetamin herzustellen, braucht es nur ein paar Chemikalien, die sich ebenfalls in jeder Apotheke kaufen lassen. Und so kommt es, dass Crystal auf dem Schwarzmarkt derzeit leichter erhältlich ist als jede andere harte Droge.

Rund 30 Euro kostet ein Gramm in Tschechien; in Deutschland erhalten Dealer locker 100 Euro dafür. Für den erhofften Kick braucht es meist nur ein bisschen mehr als zehn Milligramm. In den USA gilt Crystal daher schon seit Längerem als die Droge der Armen.

Die weißen Kristalle werden geschnupft, geraucht oder, in Wasser aufgelöst, injiziert. Die Wirkung tritt meist nach wenigen Minuten ein. „Anfangs hab ich überhaupt nichts gespürt, doch dann schossen die Glücksgefühle einfach nur durch meinen Körper. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich war total glücklich und hätte die ganze Welt umarmen können“, beschreibt ein 17-jähriges Mädchen auf der Internetseite Drug Scouts seine ersten Erfahrungen mit Crystal. Auch andere Konsumenten berichten davon, dass die Droge – zumindest in der ersten Zeit – euphorisch macht, selbstbewusst und jegliches Bedürfnis nach Schlaf, Essen und Trinken über Stunden, manchmal Tage hinweg schwinden lässt.

Meth setzt Dopamin frei

Wie sie das macht, haben Wissenschaftler inzwischen ziemlich präzise durchschaut. „Methamphetamin bewirkt, dass Nervenzellen des Gehirns große Mengen Dopamin und Noradrenalin ausschütten“, erläutert Andreas Ludwig, Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Erlangen-Nürnberg. „Darüber hinaus hemmt die Droge ähnlich wie Kokain die Rückaufnahme dieser Neurotransmitter in die Nervenzellen, sodass sie länger wirken können.“ Von beiden Botenstoffen ist bekannt, dass sie antriebssteigernd sind. Dopamin gilt darüber hinaus im Volksmund auch als Glückshormon.

„Da Methamphetamin fettlöslicher ist als beispielsweise das als Medikament gegen ADHS zugelassene Amphetamin, gelangt es auch leichter als dieses ins Gehirn“, sagt Ludwig. Wegen seiner massiven Effekte, die es dort erzielt, sind Konsumenten oft schon nach dem zweiten oder dritten Rausch süchtig nach dem neuen Kick. Die Rückfallquote Abhängiger liegt bei mehr als 90 Prozent.

Auch wenn Crystal im Gegensatz zu Heroin und Kokain zu den Designerdrogen zählt: Eigentlich ist die Substanz eine uralte Bekannte. Erstmals im Jahr 1893 in Japan synthetisiert, brachten die Berliner Temmler-Werke sie 1938 unter dem Namen Pervitin in Form von Tabletten auf den Markt. Deutsche Soldaten schluckten millionenfach die „Panzerschokolade“, um an der Front länger durchzuhalten. Auch Heinrich Böll soll seine Familie in Briefen immer wieder um Nachschub gebeten haben. Erst 1988 wurde das süchtig machende Medikament vom Markt genommen.

Insekten unter der Haut

Verglichen mit dem Stoff von heute waren die Pillen von damals allerdings geradezu lächerlich niedrig dosiert: Eine Tablette enthielt gerade einmal drei Milligramm Wirkstoff. Wer heute Crystal schnupft, nimmt dabei leicht die zehnfache Menge auf. Mit fatalen Folgen: Zu hoch dosiert lässt Methamphetamin massenweise Hirnzellen sterben. Es kommt zu Realitätsverlusten und Wahnvorstellungen. „Crystal-Konsumenten haben oft den Eindruck, als säßen unter ihrer Haut Insekten, weswegen sie massiv zu kratzen anfangen und ihre Haut dann mit Ekzemen übersät ist“, berichtet der Pharmakologe Ludwig. Da die Droge auch zu starker Mundtrockenheit führt, haben Dauerkonsumenten darüber hinaus meist massive Probleme mit Karies.

So gilt Methamphetamin zwar als eine der zerstörerischsten Drogen, die derzeit auf dem Markt sind. Die Substanz ist aber bei Weitem nicht das einzige Designer-Rauschgift, das Experten Sorgen bereitet: Wurden im Jahr 2010 der EBDD noch 24 neue Substanzen gemeldet, waren es 2011 bereits 49. In der noch nicht vorliegenden Bilanz für 2012 wird die Zahl noch einmal kräftig ansteigen.

Synthetische Opioide haben beispielsweise Heroin, die noch immer tödlichste Droge, mancherorts vom Markt verdrängt. Für viele Abhängige ist Fentanyl zur neuen Hauptdroge geworden. Die Substanz, die extrem schwer dosierbar und daher deutlich gefährlicher als Heroin ist, kommt unter anderem in Schmerzpflastern vor, die schwer Krebskranken verabreicht werden. Auf der Suche nach Stoff durchwühlen manche Süchtige den Krankenhausmüll, um benutzte Pflaster auszukochen und sich die so erhaltene Lösung zu spritzen. Andere lutschen Pflaster, die oft noch deutliche Restmengen des Wirkstoffs enthalten, einfach aus – ein Experiment, das auch hierzulande schon tödlich endete. Auch künstliche Cannabinoide und Cathinone, als Räuchermischungen, Pflanzennahrung oder Badesalz getarnt, nehmen dem EBDD-Bericht zufolge an Beliebtheit zu.

"Legal Highs"

Das Problem bei allen neuen Abkömmlingen bekannter Rauschmittel ist, dass sie zwar meist ähnlich wirken wie die Stammsubstanz, aber noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Wird ein Wirkstoff verboten, ändern die Hersteller die chemische Zusammensetzung geringfügig und umgehen so die Kontrollen. Die EBDD hat 2012 schon rund 700 Internetshops ermittelt, in denen solche Legal Highs genannten Wirkstoffe verkauft werden.

Legal Highs, das klingt in den Ohren vieler Menschen harmlos. Doch der Pharmakologe Andreas Ludwig warnt: „Gerade bei diesen im Internet verkauften Stoffen weiß der Konsument meist nicht, was genau drinsteckt.“ Es ist ein Glücksspiel – mit manchmal tödlichem Ausgang.

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