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Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

16. Februar 2011

Einblick ins wirkliche Leben: Unis und Schulen fördern Service Learning

 Von Hermann Horstkotte

Die Universität Halle hat die soziale Verantwortung zum Teil des Studiums gemacht. Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft zeichnete die Uni dafür mit der „Hochschulperle des Monats Februar“ aus.

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Sozial lernen

Service Learning, gemeinschaftsdienliches Lernen, ist ein pädagogisches Prinzip aus den USA, und findet seit rund zehn Jahren hierzulande zunehmend Nachahmer. Was Studenten und Schüler in der Theorie an sozialem Wissen lernen, probieren sie gleichzeitig in der Praxis aus, um dann im Unterricht allgemeine Lehren daraus zu ziehen: etwa aus der Nachhilfe für Migrantenkinder.
Den Dreiklang von Wissen, Können und Gemeinnützigkeit will der Stifterverband jetzt noch mehr fördern. H.H.
Links: www.netzwerk-bdv.de; www.lernen-durch-engagement.de www.c2pf.org

Ein voller Kopf ist leer, wenn er sein Wissen nicht nutzbringend anwendet“, sagt Huu Nang Hoang aus Vietnam, zur Zeit Student der Wirtschaftsinformatik in Halle in Sachsen Anhalt. Er macht sich etwa nützlich, indem er eine Online-Zeitung für den Verein „Vietnamesen in Halle und Umgebung“ betreut. Allein dort leben fast tausend von bundesweit rund hunderttausend Zuwanderern aus Hoangs Heimat in Ostasien.

Das ehrenamtliche Engagement bringt Hoang obendrein fürs Studium fünf Leistungspunkte im Lernfeld fächerübergreifender Schlüsselqualifikationen. Bis zum Examen braucht er insgesamt zehn. Eine Mitstudentin gibt Deutschkurse in einem Frauenflüchtlingshaus. Alternativ hätten die beiden auch einfach einen Fremdsprachen- oder Computerkurs belegen können. Aber sie entschieden sich lieber für Wahlpflichtangebote unter der Überschrift „Engagiert. Studiert!“.

Wegen solcher Einbettung sozialer Verantwortung ins Studium zeichnete der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft die Uni Halle jetzt mit der „Hochschulperle des Monats Februar“ aus. Und Mitte Februar wird der Verband zusammen mit der Mercator Stiftung ein halbes Dutzend weiterer Unis und Fachhochschulen für das „Service Learning“ prämieren. Dafür gibt es jeweils 250.000 Euro auf zwei Jahre.

Die Hallenser Semesterkurse sehen konkret so aus: Sie beginnen mit dreißig Stunden akademischer Einführung. Daran schließen 60 Praxis-Stunden wie etwa in der Online-Redaktion an, nebst zehn für begleitende Studienberatung. Die restlichen 50 Stunden dienen der Ausarbeitung der Lernergebnisse. Der wesentliche Unterschied zu einem x-beliebigen Fachpraktikum: Es geht um Erfahrungen auf rein gemeinnützigen Tätigkeitsfeldern.

Experimente in Grundschulen

Kooperationspartner der Uni ist die „Freiwilligen-Agentur Halle“ − eine Bürgerinitiative. „Der Verein hat die Kontakte im sozialen Bereich“, sagt Holger Backhaus-Maul, der die Projekte für die Uni leitet. Der Erziehungswissenschaftler hat das Service Learning an der Universität Chicago kennen gelernt. Seit vier Jahren steht es in Halle auf dem Lehrplan. Seit dem laufenden Semester ist der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) dabei, mit jährlich knapp 60 000 Euro aus dem „Programm zur Förderung der Integration ausländischer Studierender“. Der DAAD schätzt das Projekt in Halle , weil es durch die Kooperation mit „Akteuren außerhalb der Hochschule neue Handlungsfelder erschließt“.

So besuchen zwei Physik-Studentinnen Grundschulen, um durch Experimente mit Überraschungseffekt Neugier für Naturwissenschaften zu wecken. Im laufenden Semester haben sich annähernd 100 Teilnehmer für die diversen Angebote von „Engagiert. Studiert!“ eingeschrieben, zwei Drittel davon Frauen. „Die Bewerberzahl ist deutlich höher“, freut sich Backhaus-Maul. „Angesichts des Betreuungsaufwands haben wir derzeit aber eine Schallgrenze erreicht.“

Engagierte Studenten

„Studierende sind die ehrenamtlich engagierteste Bevölkerungsgruppe in Deutschland“, betont Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW). Das zeige sich alle zwei Jahre beim DSW-Wettbewerb „Studierende für Studierende“. Auch bei den Begabtenförderungswerken können Bewerber mit freiwilligem Engagement in Kirchen oder Sozialverbänden punkten. „Dieser Einsatz wird von den Hochschulen zu wenig gewürdigt“, beklagt Meyer auf der Heyde.

So ist Service Learning nur ausnahmsweise direkter Bestandteil des Studiums. Das „Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung“ vertritt gerade mal acht von bundesweit mehr als 350 Unis und Fachhochschulen. Den Anfang machte vor knapp zehn Jahren der Mannheimer Pädagogik-Professor Manfred Hofer mit angehenden Betriebswirten. Wer in Mannheim die Vorlesung Nonprofit Management mit Leistungspunkten abschließen will, muss einen Service-Teil bei einem gemeinnützigen Wohlfahrtsträger absolvieren. Hofers Schüler Heinz Reinders setzt die Lern-Strategie jetzt an der Uni Würzburg fort: „Eine Eingliederung in die neuen Bachelor-Master-Studiengänge ist aber leider weitgehend verpasst worden“, bedauert er.

Und doch hat Service Learning inzwischen schon an dutzenden Schulen Fuß gefasst. Dahinter stehen persönlich motivierte Lehrer im bundesweiten Netzwerk „Lernen durch Engagement“. Es wird von der Weinheimer Freudenberg Stiftung stark unterstützt. Grundschüler suchen etwa Lesestoff aus, den sie dann in Kitas vortragen. Im Ethikunterricht verbringen Hauptschüler der siebten Klasse wöchentlich drei Stunden mit Behinderten oder Senioren. Gutes Tun hilft auch später auf dem Arbeitsmarkt. Laut Umfragen schätzen drei Viertel aller Unternehmen entsprechende Lebenserfahrung ihrer Mitarbeiter.

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