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Neue Studie : Einsames Frühstück − dickes Kind

In Deutschland sind bereits 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zu dick, ein Drittel von ihnen ist sogar stark übergewichtig. Dass daran nicht nur Pommes und Cola schuld sind, zeigt eine Studie der Universität Stuttgart.

        

Viele Kinder essen, was sie wollen − und nehmen zu.
Viele Kinder essen, was sie wollen − und nehmen zu.
Foto: ddp

Dicke Kinder, so das Fazit der mehr als fünf Jahre lang laufenden Untersuchung sind vielmehr eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung: Zum einen liefere die Überflussgesellschaft die Voraussetzungen, zum anderen fehle sozialer Halt. Auseinanderfallende Familien, berufsbedingte Abwesenheit der Eltern und unterschiedliche Zeitabläufe bei den Familienmitgliedern führten dazu, dass Kinder oft sich selbst überlassen sind und gemeinsame Mahlzeiten die Ausnahme bleiben. Kalorienreiche Lebensmittel stehen jedoch jederzeit zur Verfügung. Oft ersetzen dann Schokoriegel und Burger das Pausenbrot und Schulmittagessen.

„In den betroffenen Familien isst jeder, salopp gesagt, wann, wo und was er will, und die Freizeitgestaltung folgt dem selben Muster“, sagt der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Michael Zwick. Hinzu komme bei vielen Kindern Bewegungsmangel. Statt Spielen im Freien ist Chatten angesagt.

Gemeinsam essen ist wichtig

Der gesellschaftliche Wandel habe zu wachsenden Erziehungsdefiziten geführt. „Was die Kinder in Anbetracht der hoch technisierten Überflussgesellschaft vor allem brauchen, ist die Fähigkeit, kompetente Entscheidungen zu treffen und diese regelgeleitet und wenn nötig selbstdiszipliniert zum Wohle ihrer Gesundheit umzusetzen. Diese Fähigkeiten werden normalerweise im Elternhaus erlernt“, betont Zwick. Doch das bleibe immer öfter aus.

Ein Teil der Untersuchung beschäftigte sich mit den Ernährungsgewohnheiten türkischstämmiger Familien und den Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Anders als in deutschen Familien spiele hier die gemeinsame Mahlzeit zwar eine wichtige Rolle. Jedoch sei der hohe Energiegehalt des Essens noch nicht auf die Verhältnisse einer hoch technisierten Gesellschaft abgestellt, in der sich die Menschen im Alltag immer weniger bewegten. Dies sei ein wichtiger Grund, weshalb Kinder aus Migrantenfamilien viermal häufiger von Übergewicht betroffen sind als ihre deutschen Altersgenossen, so Zwick.

Die wirtschaftliche Ausstattung der Familie beeinflusse ebenfalls das Köpergewicht der Kinder. Kommen sie aus finanziell schwach gestellten Familien sind sie öfter dick als Mittelschichtskinder oder der Nachwuchs begüterter Eltern, hat die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (Kiggs) im Auftrag des Robert-Koch-Instituts herausgefunden. Sie wertete die Daten von mehr als 17000 Teilnehmern aus den Jahren 2003 bis 2006 aus.

Um allen Kindern und Jugendlichen gleich gute gesundheitliche Chancen zu ermöglichen, fordern die Wissenschaftler ein radikales Umdenken in der Behandlung des Problems. Statt Kindern Verhaltensänderungen aufzuzwingen, sollten die Rahmenbedingungen im Umfeld der Familien verändert werden.

Eine Forderung, die auch die AOK-Familienstudie 2010 unterstützt: „Kindergesundheit hängt wesentlich vom Vorbild der Eltern ab“, heißt es da. Für die Studie wurden mehr als 2000 Mütter und Väter zu ihrem Alltag mit Kindern befragt. Viele der Eltern machten deutlich, dass sie über die richtige Erziehung durchaus informiert sind. Nur bei der Umsetzung haben sie vor allem bei Ernährungsfragen häufiger Zweifel und scheitern.

Die von Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin zusammen mit Ulrike Ravens-Sieberer vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg geleitete Untersuchung zeigt auch, dass nicht die aufwendigen Dinge für die Kindergesundheit entscheidend sind. Wichtiger seien Routinen im Alltag der Kinder, insbesondere die gemeinsamen Mahlzeiten. Sie seien ein Merkmal für normalgewichtige Kinder, betonen die Forscher. Dabei sei es hilfreich, die Kinder in die Planung und Vorbereitung des Essens einzubeziehen. Was Kinder selbst zubereitet haben, essen sie besonders gern.

Knapp ein Fünftel der Eltern gab an, nie mit den Kindern zu frühstücken. Dabei ist gerade das gemeinsame Frühstück für einen gesunden Start in den Tag bedeutsam, so die Wissenschaftler. Falle es aus, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit eines kindlichen Übergewichts um das 1,6-fache. Bekommen die Kinder zudem kein Mittagessen in der Schule, sei der Zusammenhang zwischen Frühstück und Übergewicht noch größer.

Um die gesunde Ernährung von Kindern zu fördern, hatte der Bundesrat im Herbst 2009 einer Initiative der Europäischen Union zugestimmt. Diese sieht vor, unter finanzieller Beteiligung der Bundesländer kostenlos Obst in Schulen zu verteilen. Bislang planen erst sieben der 16 Bundesländer konkrete Projekte.

Autor:  Silvia von der Weiden
Datum:  6 | 9 | 2010
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