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17. März 2011

Eisenmangel: Blasse Mädchen lernen schlecht

 Von Anne Brüning
Eisenmangel wirkt sich negativ auf die Lernfähigkeit aus.Foto: dpa

Fünf Prozent der Kinder in Deutschland leiden unter Eisenmangel - und das bremst die schulischen Leistungen. Jedes vierte Mädchen in der Pubertät ist betroffen.

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Wichtiges Mineral

Der Körper enthält etwa zwei bis vier Gramm Eisen. 60 Prozent davon sind eingebunden in den roten Blutfarbstoff Hämoglobin und dienen der Sauerstoffversorgung. Eisen ist auch wichtig für den Energiestoffwechsel und für Gehirnfunktionen.

An Symptomen wie Blässe, Haarausfall, rissigen Mundwinkeln, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Konzentrationsstörungen ist Eisenmangel zu erkennen. Chronischer Eisenmangel führt zu Blutarmut (Anämie), also zu einer Verminderung des Blutfarbstoffs in den roten Blutkörperchen.

Ein Verdacht auf Blutarmut liegt vor, wenn folgende Hämoglobin-Werte unterschritten werden: Jungen und Mädchen von einem bis zehn Jahren: elf Gramm pro Deziliter Blut; Jungen und Mädchen von elf bis 13: zwölf Gramm pro Deziliter; Jungen von 14 Jahren an 13 Gramm, Mädchen : zwölf Gramm.

Quellen für Eisen sind Rosenkohl, Rote Bete, Feldsalat, Hirse, Amaranth, Sesam, Hafer und Roggen. Fleisch enthält aber mehr und besser verwertbares Eisen. Eisen-Aufnahme lässt sich fördern durch Vitamin C. Hemmend wirken Schwarztee, Kaffee, Milch und Weizenkleie. abg

Fünf Prozent der Kinder in Deutschland leiden unter Eisenmangel. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (Kiggs) des Berliner Robert-Koch-Instituts. Eigentlich ein gutes Ergebnis: Laut Weltgesundheitsorganisation leiden weltweit 47 Prozent der Kinder im Vorschulalter an einer Eisenmangel-Anämie (Blutarmut), in Afrika und Südostasien sind es sogar mehr als 60 Prozent.

Ist Eisenmangel also kein Thema hierzulande? „Doch, für das öffentliche Gesundheitswesen ist er sogar ein großes Thema“, betont Karl E. Bergmann, Kinderarzt und Professor an der Klinik für Geburtsmedizin der Charité Berlin. Er hat zusammen mit seiner Frau Renate Bergmann, ebenfalls Kinderärztin und Professorin an der Charité, die Kiggs-Daten ausgewertet und dabei festgestellt, dass in Deutschland Eisenmangel und Blutarmut bei bestimmten Altersgruppen überdurchschnittlich häufig vorkommen – und zwar bei Kleinkindern und bei Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren. Jedes zehnte Kind unter zwei Jahren leidet unter Eisenmangel. Von den Mädchen, die ihre Regel haben, ist jedes vierte betroffen.

Dank der Fülle an Daten, die bei der Kiggs-Studie erhoben wurden, konnte sich das Forscherpaar auch einen Überblick über die Konsequenzen verschaffen – und war selbst beeindruckt von den Ergebnissen. „Eisenmangel kann gravierende Folgen haben“, berichtet Karl E. Bergmann. Neben körperlichen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schwäche fanden sich auch psychische Effekte. Bei Jungen mit einer Eisenmangelanämie ist zum Beispiel deutlich häufiger das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) zu beobachten. Auch für das Selbstwertgefühl ist die Versorgung mit Eisen offenbar wichtig.

Erstaunlich ist auch der Effekt auf die Schulnoten. „Bei Sieben- bis Zehnjährigen mit einer Eisenmangelanämie haben wir neunmal häufiger schlechte Schulleistungen beobachtet als bei gleichaltrigen Kindern mit normalen Blutwerten“, berichtet Bergmann. Auffällig ist, dass bei Mädchen offenbar vor allem die Mathezensur schwach wird, bei Jungen dagegen die Deutschnote.

„Das ist ein Phänomen, das wir noch nicht erklären können“, sagt Bergmann. Ihre noch unveröffentlichten Ergebnisse präsentierten die Bergmanns auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Potsdam.

Für die Auswertung standen den Forschern repräsentativ erhobene Daten von 14000 Kindern und Jugendlichen aus ganz Deutschland zur Verfügung. Als Indikatoren für die Eisenversorgung nutzten sie unter anderem die Werte des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin und des Eisenspeicherstoffs Ferritin.

Was Bergmann an den Ergebnissen beunruhigt, ist die Tatsache, dass die Kinder auch schon in ihrem Wohlbefinden, ihrem Sozialverhalten, ihrer Entwicklung und ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein können, wenn sie „nur“ einen Eisenmangel aufweisen, also noch keine Blutarmut haben. „Früher dachte man, dass erst die Blutarmut mit Beeinträchtigungen einhergeht. Unsere Auswertung zeigt aber, dass das auch schon bei Eisenmangel der Fall sein kann“, sagt Bergmann.

Vor allem sorgt er sich um die zehn Prozent der Kleinkinder mit Eisenmangel. „Ihre geistige Entwicklung kann nachhaltig beeinträchtigt werden“, sagt der Kinderarzt. Denn Eisen ist nicht nur im Hämoglobin ein zentrales Element und damit für die Sauerstoffversorgung nötig. Auch in Enzymen, die für die Entwicklung und Funktion des Gehirns wichtig sind, spielt es eine Schlüsselrolle.

Nötig für Hirnentwicklung

„Wenn der Körper schon in der frühen Kindheit über zu wenig Eisen verfügt, dann kann sich das Nervensystem nicht optimal entwickeln“, erläutert Bergmann. Wie der Forscher herausfand, sind Kinder, die länger als sechs Monate voll gestillt wurden sowie Kinder mit Migrationshintergrund, aus Städten und armen Familien besonders häufig von Eisenmangelanämie betroffen. Bergmann votiert dafür, dass spätestens bei Einjährigen routinemäßig das Blut untersucht wird.

Auch bei Mädchen zwischen 14 und 17 wünscht er sich einen Routinecheck. „Die Tatsache, dass 25 Prozent von ihnen unter Eisenmangel leiden, bereitet uns Sorgen.“ Die Gefahr sei groß, dass die Mädchen den Mangel über Jahre hinschleppen und mit schlechten Hb-Werten schwanger werden. „Ihre Kinder würden sich schon im Mutterleib schlechter entwickeln.“

Wie die Studie zeigte, beeinträchtigt der Mineralstoffmangel jedoch sowohl ihr körperliches als auch ihr psychisches Wohlbefinden. Darüber hinaus haben die betroffenen Mädchen oft weniger Freunde und bringen eher häufiger schlechte Noten nach Hause.

Jungen dagegen sind, wie die Studie zeigte, im Alter von 13 Jahren an durchweg besser mit Eisen versorgt. Das haben sie vor allem dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zu verdanken. „Das Hormon stimuliert die Bildung von Muskelmasse. Dadurch erhöht sich der Sauerstoffbedarf des Körpers und der Organismus verwertet Eisen aus der Nahrung besser“, erläutert Bergmann. Bei Mädchen und Jungen driften deshalb die mittleren Hb-Werte im Teenageralter auseinander. Während die Forscher bei Jungen zwischen 14 und 17 im Schnitt Hb-Werte von 14,9 Gramm pro Deziliter Blut feststellten, waren es bei Mädchen dieser Altersgruppe 13,4 Gramm pro Deziliter Blut.

Bergmann zufolge ist es nicht nur der Blutverlust durch die Menstruation, der so viele junge Mädchen bleich und blutarm macht. Auch ein Migrationshintergrund, bewusster Verzicht auf Fleisch, ein niedriger sozialer Status und ein hoher Sozialstatus erhöhen das Risiko für einen Eisenmangel und eine Anämie.

Jungen Vegetarierinnen rät Bergmann vorsorglich niedrig dosierte Eisenpräparate einzunehmen, beispielsweise täglich zehn Milligramm. Auch manche pflanzlichen Präparate wie Kräuterblut hält er für geeignet. „Das Eisen darin ist gut verfügbar für den Körper“, sagt Bergmann. Darüber hinaus ist Vitamin-C-reiche Kost wichtig. Denn das Vitamin verbessert die Aufnahme von Eisen im Darm.

Ein Eisenmangel und erst recht eine Blutarmut lässt sich Bergmann zufolge nur schwerlich allein über die Ernährung beheben. „Mit Eisentabletten in einer Dosis von 100 Milligramm alle zwei Tage oder 40 Milligramm täglich normalisieren sich die Werte aber meist recht schnell“, sagt der Kinderarzt. Zugleich warnt er davor, Kindern ohne ärztliche Diagnose Eisenpräparate zu geben. „Zu viel Eisen ist giftig für den Organismus. Wird es in großen Mengen aufgenommen, dann schädigt es durch seine peroxidative Wirkung das Gewebe“, sagt Bergmann.

Er will die Ergebnisse bald veröffentlichen und hofft, dass seine Fachkollegen, die niedergelassenen Kinderärzte, auf das Problem aufmerksam werden. Auch setzt er darauf, dass Eltern die Initiative ergreifen und ihren Kinderarzt ansprechen, wenn sie einen Eisenmangel bei ihren Kindern vermuten. „Wenn wir klar machen, wie weitreichend die Folgen auch im schulischen Bereich sind, müssten eigentlich viele Eltern aufhorchen“, sagt Bergmann.

Eine Garantie, dass blasse Kinder dank Eisentabletten besser rechnen, will er zwar nicht geben. „Zumindest ist dann sichergestellt, dass das Kind seine Möglichkeiten wieder voll ausnutzen kann.“

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