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Eliteforscher Hartmann zur Promotion: "Inflation der Titel"

Michael Hartmann, Eliteforscher und Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, über Promotionsberatung, Titelhandel und Spitzenpositionen.

Michael Hartmann ist Eliteforscher und Professor für Soziologie an der TU Darmstadt.
Michael Hartmann ist Eliteforscher und Professor für Soziologie an der TU Darmstadt.
Foto: privat

Herr Professor Hartmann, dubiose Promotionsberatung ist in Deutschland offenbar ein florierendes Geschäft. Was macht den Titelhandel so populär?

Es gibt zum einen ein höheres Gehalt, laut der Unternehmensberatung Kienbaum rund 15.000 Euro im Jahr. Gleichzeitig aber gibt es eine Inflation bei akademischen Titeln. Ein einfaches Studium reicht längst nicht mehr, um sich positiv abzuheben. Da steigt natürlich auch die Versuchung, beim Titelerwerb zu pfuschen. Außerdem hat sich an den Universitäten das Denken stark verändert, Geld hat einen viel höheren Stellenwert bekommen.

Der Doktortitel ist in den Führungszirkeln also keine Auszeichnung mehr, sondern Standard?

Immerhin tragen rund 60 Prozent der Manager in Spitzenpositionen einen Titel. Auch im mittleren Management wird er mehr und mehr vorausgesetzt. Zur Zeit schließen viele Studenten ihr Studium ab und finden keine Stelle. Statt eine Lücke im Lebenslauf zu riskieren, setzen viele auf die Promotion. Ich bekomme ständig Anfragen von Studenten, die einen Doktorvater suchen - die beruflichen Perspektiven sind schlecht. Das senkt natürlich den Marktwert eines Titels. Deutlich begehrter bei den Spitzenmanagern ist mittlerweile die Honorarprofessur.

Wie sieht das bei den Freiberuflern aus?

Hier kann ein Titel über die berufliche Existenz entscheiden. Zum Beispiel bei den Anwälten ist der Doktor am Türschild Teil der Außenwerbung - das Vertrauen potenzieller Mandanten ist einfach größer, da sie hinter dem Zusatz eine solidere Ausbildung vermuten. In den 60er Jahren gab es vielleicht 30.000 Anwälte, die gehörten automatisch zur besseren Gesellschaft. Heute sind es 140.000, die in starker Konkurrenz stehen.

Sind vor allem die Deutschen scharf auf einen Doktortitel?

Das hat historische Wurzeln. In Deutschland war das klassische Bildungsbürgertum eine stabile gesellschaftliche Gruppe. Berufsgruppen wie die Ingenieure mussten um Anerkennung regelrecht kämpfen. Dazu kommt, dass es in Ländern wie beispielsweise den USA wichtiger ist, ob man eine der Elite-Universitäten besucht hat. Der Zusatz "Harvard-Absolvent" ist da mehr wert als ein Titel.

Interview: Ismene Poulakos

Datum:  24 | 8 | 2009
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