Dass ihre Heimat ihr fehlt, fällt Emine Sahin vor allem zur Adventszeit auf. Ohne deutsche Lebkuchen und Schoko-Nikoläuse ist so ein Dezember eben nur halb so schön! Und natürlich das gute deutsche Schwarzbrot. "Wer immer mich besuchen kommt, muss welches mitbringen", erzählt die 36-Jährige und lacht. "Dafür lasse ich jeden Börek stehen."
Dass die gebürtige Hessin heute in Istanbul lebt, ist ein bisschen dem Zufall geschuldet - vor allem aber auch der Tatsache, dass sie in Deutschland keinen Job bekam. Nach ihrem Architektur-Studium fand sie zwar eine Stelle in Frankfurt, wurde dann aber in ihrer Probezeit krank. Obwohl das gar nicht zulässig sei, habe ihr der Arbeitgeber gekündigt, erzählt sie. Dass der sich gegenüber einer Deutschen ohne türkische Wurzeln anders verhalten hätte, will sie gar nicht behaupten. "Fest steht aber: Ich war meinen Job los - und ich brauchte Erholung."
Mit einem One-Way-Ticket startete sie zum Elternbesuch in die Türkei. Ihr Vater war nach beinahe 35 Jahren in einer Aschaffenburger Baufirma in Rente gegangen. Jetzt renovierte er das neue Domizil in seiner alten Heimat, freute sich über den Besuch seiner Tochter - und war ganz überrascht, als diese plötzlich mit einem Job nach Hause kam.
Als gelernte Bauzeichnerin und diplomierte Architektin hatte Emine Sahin sich ausgerechnet in der Türkei in einem Männerberuf eine Position erobert, die sie sich in Deutschland immer gewünscht hatte: Sie wurde Bauleiterin in Izmir an der türkischen Westküste. Für weniger Geld als in Deutschland - dafür in einem Job, der sie mehr reizte als alles, was ihr bisher angeboten worden war.
Kampf um ein anständiges Gehalt
Inzwischen hat die 36-Jährige schon ihre vierte Stelle in der Heimat ihrer Eltern angetreten: als Projektentwicklerin bei einer internationalen Immobilienfirma. Dass alles rosig ist in der Türkei, kann sie dabei nicht sagen: Ihre Ausbildung, ihre Mehrsprachigkeit, ihre Erfahrung - all das möchte sie auch anständig honoriert bekommen. Der Kampf um ein anständiges Gehalt aber sei auch in der Türkei hart: "Die Arbeitgeber wünschen sich top ausgebildetes Personal, gern aus dem Ausland. Aber angemessen bezahlen wollen sie all das, was wir können, längst nicht immer." Die Arbeitswoche umfasst zudem 45 Stunden, der Samstag ist ein Werktag, und der Urlaub beschränkt sich in den ersten fünf Jahren auf gerade einmal 15 Tage.
Dass die Kinder es einmal besser haben sollten, stand in ihrer Familie früh fest. Emines Vater arbeitete seit 1973 als Zimmermann. Geld war immer knapp; ein beruflicher Aufstieg nicht in Sicht. Seinen fünf Kindern sollte es nicht so gehen. "Wenn ihr studieren wollt, studiert ihr", sagte Sahins Vater immer wieder. In die Disco durfte die junge Emine zwar nicht - "unser Vater achtete immer sehr auf den Ruf der Familie." Aber sich auf einen Beruf vorzubereiten, war kein Problem.
Deutsch lernten die Kinder in der Kleinstadt Miltenberg damals noch ganz nebenbei. Nicht einmal türkisches Fernsehen, erinnert sich Sahin, hätte es damals gegeben. Nur samstags um elf sendete das ZDF eine Stunde in türkischer Sprache. "Da saßen dann natürlich alle Mann im Wohnzimmer."
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