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06. Mai 2014

Erich Honecker: Der Journalist Erich Honecker

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1992: Vor Prozessbeginn noch ein Rotfront-Gruß.  Foto: Reuters

Anke Fiedler erforscht, wie Parteigrößen in der DDR Medienberichte steuerten. Werbung für den Staat stand vor allem in der DDR an erster Stelle. Auch Erich Honecker wurde nie müde seine Meinung über den Sozialismus zu bekunden.

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Knapp 30 Jahre stand Erich Hoecker an der Spitze der DDR und all die Jahre wurde er nicht müde, das Loblied auf den Sozialismus öffentlich anzustimmen – sogar nach seiner Absetzung als Generalsekretär des Zentralkomitees im Jahr 1989 hielt er die Fahnen weiter hoch. Werbung für den Arbeiter-und-Bauern-Staat zu machen stand zu DDR-Zeiten vor allem auch in den Medien ganz hoch im Kurs – und zwar ganz gezielt und staatlich verordnet. Als Generalsekretär gab Honecker viele Jahre lang die Marschrichtung vor: er legte fest, worüber berichtet wurde, welche Schwerpunkte gesetzt werden sollten und was auf keinen Fall in die Zeitungen stehen sollte.

Die Realität wurde im Zuge dieser Zensur hemmungslos geschönt: „Während die Presse titelte, dass der Wohnungsbau voranschreitet, warteten die DDR-Bürger in ihren Bruchbuden jahrelang auf bessere Unterkünfte“, berichtet die Münchner Kommunikationswissenschaftlerin Anke Fiedler. Bis zuletzt sei sogar dem Ausland erfolgreich vorgegaukelt worden, dass die DDR ein solventer Staat sei.

„Honecker glaubte, er sei ein Journalist“, so Fiedler. Noch in der Weimarer Republik begann dieser zu publizieren, etwa für die „Arbeiter-Zeitung“. Allerdings „steckten die Artikel oft voller Fehler und waren unleserlich“. Später, bei besonderen Anlässen wie Jahrestagen setzte der SED-Politiker gern sein Kürzel „AZ“ unter die Leitartikeln in der SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“, frei nach dem Motto: „von A bis Z“ wurde alles gesagt. Ansonsten bestand seine Hauptarbeit darin, sich den Seitenspiegel der Zeitung vorlegen zu lassen und zu entscheiden, wo welche Artikel platziert werden sollten. Seine „journalistische Ader“ ging sogar so weit, dass er „in den Texten anderer Redakteure herumredigierte“, so Fiedler.

Zusammen mit Professor Michael Meyen hat Fiedler an der Ludwig-Maximilians-Universität München unter anderem die Bezirks- und Regionalpresse in der DDR untersucht. Ihre Recherchen vertiefte das Team für das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt „Sattsam bekannte Uniformität? Die Zentralorgane von SED, FDJ, CDU und LDPD zwischen Lenkungsabsicht, Kontrollpraxis und Leserbedürfnissen“. 2010 veröffentlichten die beiden Autoren dann das Buch „Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR“. Während ihrer Archivbesuche in Berlin stellte Fiedler fest, dass viel Material noch nie ausgewertet wurde und so entstand ihre Dissertation zum Thema „Medienlenkung in der DDR“, die nun im Böhlau Verlag (494 Seiten) erschienen ist.

Darin untermauert sie die These, dass zwar seit Gründung der DDR 1949 die Presse kontrolliert wurde, aber diese unter Honecker in den 1980er Jahren eine neue Dimension erreichte. Keine Mühen wurden gescheut, um die Massen zu beeinflussen. Denn nur das wurde abgedruckt, was mit Honeckers politischen Ziele vereinbar war und dem „Unternehmen DDR“ nutzte.

Erich Honecker prägte knapp 30 Jahre die DDR-Presse.  Foto: Andreas Arnold

Ein Autokurier transportierte die zu bearbeitenden Nachrichten hin und her zwischen den Redaktionen und dem Zentralkomitee. Wegen der enormen Benzinkosten – 3070 Liter wurden 1980 für die Zensurdienste bei der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) und 1600 Liter beim Neuen Deutschland (ND) verbraucht –, plädierte ND-Chefredakteur Günter Schabowski für die Einführung eines Fernschreibers. „Wenn Honecker auf der Jagd war oder Besprechungen sehr lang dauerten, wartete der Sekretär für Agitation und Propaganda Joachim Herrmann bis spät in die Nacht, aus Angst, etwas Falsches zu veröffentlichen“, sagt Fiedler.

80 Prozent hatten Zugang zu Westmedien

Obwohl DDR-Bürger, die zu 80 Prozent Zugang zu Westmedien hatten, „mit Skepsis an die Lektüre gingen“, verfehlte die staatlich verordnete Propaganda nicht ihre Wirkung. Fiedler hat viele Belege dafür gefunden, dass die unkritische Berichterstattung letztlich zu Stagnation führte.

Oberstes Ziel war dabei, dem Westen keine Angriffsfläche, keine Munition zu liefern. Aus diesem Grund wurden Missstände lieber verschwiegen und Fehleranalysen blieben aus – mit fatalen Folgen, so Fiedlers Resümee: Ohne Kritik gab es für Innovationen keinerlei Ansatzpunkt und ohne Korrektiv brach das System am Ende in sich selbst zusammen.

An dem Selbstbetrug wirkten auch die Journalisten in der DDR kräftig mit, „die mit ihrer Arbeit das System unterstützen wollten“, so Fiedler. „Sie glaubten daran, dass die Dinge tatsächlich irgendwann besser würden“ – und dass es ihnen gelingen könnte, den funktionierenden Sozialismus quasi herbeizuschreiben. Dabei ging es den Redakteuren weniger um Geld oder schicke Wohnungen, sondern vielmehr um die Nähe zur Macht und das Privileg ins Ausland reisen zu dürfen, sei es mit Spitzensportlern oder mit Künstlern.

Bei einem seiner Besuch in Finnland unterlief Erich Honecker jedoch ein peinlicher Fauxpas. Werner Micke, stellvertretender Chefredakteur vom Neuen Deutschland, berichtet, dass er eine Reportage schreiben sollte, wie der passionierte Jäger Honecker einen Elch schießt. „Aus der Schorfheide war er gewohnt, dass die Tiere mit Getreide gelockt wurden. So etwas machten die Finnen nicht“, erzählt Micke in einem Interview. Als Honecker endlich zum Schuss kam, traf er allerdings eine Elchkuh, die Schonzeit hatte. Honecker „hat uns inständig gebeten, das nicht zu schreiben“, was dann selbstverständlich niemand aus der Presse erfuhr.

Eine innen- wie außenpolitische bedeutsame Kehrtwende vollzogen die DDR-Medien beispielhaft in den 1980er Jahren: In die Geschichte eingegangen ist 1983 der vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) eingefädelte Milliarden-D-Mark-Kredit an die DDR. In Folge des so genannten Strauß-Kredits änderte sich die Berichterstattung im Osten schlagartig: „Über Strauß, der zuvor als ultrareaktionärer Kapitalist dargestellt wurde, der die BRD atomar aufrüsten wollte, wurde auf einmal sehr positiv berichtet“, sagt Anke Fiedler.

Denn trotz aller Propaganda Erich Honecker sei stets darauf bedacht gewesen, die internationalen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen nicht zu stören, etwa um „Schaden vom Exportgeschäft abzuwenden“.

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