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Sozialpsychologe Harald Welzer: Erinnertes muss nicht wahr sein

"Wenn wir unsere Erinnerungen nicht teilen können, haben wir keinen Maßstab mehr, ob etwas richtig oder falsch ist."

Auch Fotos können lügen, das ist bekannt. Und doch erzeugen sie meist ein exakteres Erinnerungsbild als unser Hirn.
Auch Fotos können lügen, das ist bekannt. Und doch erzeugen sie meist ein exakteres Erinnerungsbild als unser Hirn.
Foto: photocase/zettberlin

Professor Welzer, Sie sind zu einer Party eingeladen, auf der Sie niemanden kennen. Stöhnen Sie da schon vorher über die Klischeefragen, mit denen Sie konfrontiert sein werden?

Warum sollte ich? Wenn Menschen sich kennenlernen, können sie sich schließlich nichts aus der Zukunft erzählen, sondern nur etwas aus der Vergangenheit, allenfalls noch etwas aus der Gegenwart. Eine Beziehung entsteht immer aus Erzähltem. Ohne Gedächtnis haben soziale Situationen überhaupt keinen Referenzpunkt. Und auch das Ich gibt es nur in seinem Bezug zur Vergangenheit: „Hier haben wir gewohnt, das ist meine Mutter, dieses Spielzeug hat mir meine Oma geschenkt.“ In Gesellschaften unseres Typs definiert man sich über den Beruf, den sozialen Status und über Konsum. Was bleibt einem übrig als die üblichen Partyfragen? „Was machst denn du so?“, ist also eine zwangsläufige Frage: Woran soll man sich sonst erkennen?

Zur Person
Professor Harald Welzer ist Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Gedächtnisforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

Professor Harald Welzer ist Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Gedächtnisforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Der 52-Jährige lehrt Sozialpsychologie an den Universitäten Hannover und Witten-Herdecke. Er ist Mitherausgeber des interdisziplinären Handbuchs „Gedächtnis und Erinnerung“.
Erinnerung ist keine Frage der Moral, sagt Welzer, jedenfalls solange es nicht um juristische oder historische Fragen geht. Wer sich falsch erinnert und sich über das Erinnerte mit anderen einig wird, kann letztlich erinnern, was er will. „Das Gedächtnis nimmt alles, was es gebrauchen kann, und wenn es aus einem Roman stammt.“

Und das ist eine Grundvoraussetzung menschlicher Existenz, die ja auf Kooperation setzt. Was hat das Gedächtnis damit zu tun?

Wer kein Gedächtnis hat, kann sich nicht mit seiner Umwelt abstimmen, nicht synchronisieren. Diese Umwelt ist ein unglaublich komplexes, zugleich aber erstaunlich synchronisiertes System. Arbeitszeit, Verabredungen, abfahrende Züge, Fernsehprogramm, alles fußt darauf, dass man in der Lage ist, sich Termine zu merken und einzuhalten. In der Kommunikation ist der Bezug zur Vergangenheit enorm wichtig. All das geht nicht ohne Gedächtnis. Wer sich nicht erinnern kann, ist asynchron, gehört nicht dazu.

Gäbe es die Menschen, so wie sie heute sind, ohne das Gedächtnis überhaupt?

Sicher nicht. Zwar haben auch Tiere ein Gedächtnis, aber kein autobiographisches. Nur Menschen können sich erinnern, dass sie sich erinnern, also absichtlich zugreifen auf Erinnertes, wenn auch nicht immer bewusst. Vieles an unserem Leben ist Routine und Gewohnheit: Wer das Wasser aufdreht, überlegt vorher nicht lange, und doch ist das eine routinisierte Erinnerung. Bewusster Zugriff auf Erinnertes zeichnet die menschliche Lebensform aus. Die Entwicklung von Symbolen, Sprache und Schrift machte es dann möglich, große Teile des Gedächtnisses aus dem Gehirn, also aus dem Inneren, auszulagern und anderswo zu speichern: In Worten, in Texten, in anderen Personen, im Internet. Das hat kulturelle Entwicklung ermöglicht: Es wurde Kapazität frei für Kooperationen jeder Art, für Kreativität und komplexe Problemlösungen. Nur deshalb ist unsere Entwicklungsgeschwindigkeit so groß − im Gegensatz zum Elefanten.

Dabei soll der so ein großes Gedächtnis haben.

Ja, das braucht er auch, weil er es nicht geschafft hat, jemand anderem zu sagen: „Merk’ Dir das mal für mich!“

Beim Kind setzt die autobiographische Erinnerung erst mit etwa drei Jahren ein. Warum?

Um sich autobiographisch erinnern zu können, brauchen wir einen gewissen Grad der Ich-Entwicklung, der Sprach- und Symbolverwendung, und auch das Gehirn muss rein physiologisch soweit entwickelt sein, dass es über Kapazitäten zur Langzeitspeicherung verfügt.

Was hat das Ich mit Erinnerung zu tun?

Wenn es noch kein Ich-Konzept gibt, kann ein Kind seine Erlebnisse nicht auf sich selbst beziehen. Kleine Kinder machen keinen Unterschied im Erzählen, wem etwas wann passiert ist. Übrigens gibt es bei der Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses kulturelle Unterschiede. Im asiatischen Raum dauert die sogenannte kindliche Amnesie länger: Die selbstbezogene Erinnerung setzt erst mit 3,5 bis fünf Jahren ein.

Und warum?

Das liegt daran, dass diese Gesellschaften bisher nicht so individualisiert sind wie die westlichen. Während die Kinder bei uns von klein auf darauf getrimmt werden, dass es auf sie persönlich ankommt, ist in asiatischen Gesellschaften die Gruppe wichtiger. Dadurch wird das autobiographische Ich später ausgebildet. Es wäre hochspannend zu schauen, wie sich das in Asien künftig weiter entwickelt.

Häufig erinnern wir uns ja auch falsch. Warum?

Warum nicht? Das Gedächtnis ist dazu da, in der Gegenwart etwas zu tun, um die Zukunft zu bewältigen. Da ist es völlig egal, ob es auf eine eigene Erinnerung zurückgreift oder auf die von anderen. Das menschliche Gedächtnis nimmt alles, was es gebrauchen kann, und wenn eine Romanfigur hilfreich ist, dann nutze ich deren Erfahrungen auch. Ich habe nichts gegen false memories, wie wir die falschen Erinnerungen nennen, es sei denn juristisch oder historisch. Aber für den sozialen Wahrheitsbegriff ist es nur wichtig, Übereinstimmung mit anderen zu erreichen.

Aber gerade da hapert es doch oft.

Ja, sicher, der klassische Ehestreit: „Das war doch ganz anders!“ Da fehlt dann die Übereinstimmung über das Erinnerte, und sofort kracht es. Aber in 98 Prozent der Fälle findet die Übereinstimmung eben statt.

Findet sie auch dann noch statt, wenn das Erinnerte objektiv unwahr ist?

False memories sind keine moralische Frage. Hauptsache, die sich Erinnernden sind sich einig, dann kann plötzlich alles Mögliche wahr sein.

Ist es denn eine Eigenschaft des Gedächtnisses, dass es sich immerzu neu erfindet, unabhängig von einer objektiven Wahrheit?

Ja.

Aber warum macht es uns dann Angst, wenn wir merken, dass wir uns nicht richtig erinnern?

Weil wir in hohem Maße abhängig sind von der sozialen Übereinstimmung. Wenn wir unsere Erinnerungen nicht teilen können, haben wir keinen Maßstab mehr, ob etwas richtig oder falsch ist. Dann sind wir allein in der Welt, und das ist zutiefst verunsichernd.

Sie kennen die Situation am Kneipentisch: Da sitzen zwei und ihnen fällt der Name eines Films oder eines Schauspielers nicht ein. Schwupps wird per Handy gegoogelt. Beängstigt Sie das?

Nein, überhaupt nicht. Dass man auf äußere Speicher, auf Lexika zum Beispiel, zugreift, gab es schon immer, das Einzige, was sich ändert, sind die Speicher. Gedächtnis wurde immer ausgelagert.

Interview: Frauke Haß

Datum:  26 | 7 | 2010
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