Kurz nach Weihnachten erwischte es ihn. Gregor Gordon vermutete einen schlichten grippalen Infekt. Doch als er nach drei Wochen weiterhin heftige Hustenanfälle hatte, machte der Hausarzt einen Bluttest. Das Ergebnis: Der Hamburger hatte sich mit 54 Jahren einen Keuchhusten eingefangen. "Aber den hatte ich doch schon als Fünfjähriger, das ist doch eine Kinderkrankheit", wundert er sich.
Leider ist das ein Irrglauben, wie Fred Zepp am Donnerstag auf der ersten nationalen Impfkonferenz in Mainz sagte. "Es muss in das Bewusstsein der Menschen zurück, dass das Impfen lebenslang wichtig ist", forderte der Mediziner. Denn kein Schutz halte ewig. "Die Leute verlieren den Blick dafür, dass Kinder und auch Erwachsene noch heute an angeblich ungefährlichen Kinderkrankheiten sterben können, wenn sie nicht geimpft werden."
Den Impfgegnern rechnete der Professor vor, dass auch als harmlos angesehene Krankheiten wie Windpocken zu Komplikationen führen. Drei Prozent der Windpocken-Kinder müssten deshalb in ein Krankenhaus eingeliefert werden, es gebe sogar Todesfälle. Bei den derzeit auftretenden Masern-Ausbrüchen müsse befürchtet werden, "dass eines von 500 erkrankten Kindern an dieser bedrohlichen Infektion sterben wird". Die Impfung gegen Masern verhindere in Deutschland schätzungsweise 1500 Todesfälle, zudem Tausende schwere Gehirnschäden.
"Deutliche Mängel" beim medizinischen Personal
Den unzureichenden Impfschutz der erwachsenen Bevölkerung kritisierte in Mainz auch Professor Frank von Sonnenberg vom Tropeninstitut der Uniklinik München. "Nur wenn es ans Kofferpacken und Reisen in ferne Länder geht, wirft der Großteil der Bevölkerung einen freiwilligen Blick in den Impfpass", sagte er. Die Reisemediziner forderte von Sonnenberg auf, den Patienten auch alle anderen wichtigen Impfungen zu empfehlen, die sie auffrischen sollten. Neben den Reiseimpfungen seien Auffrischungen des Schutzes gegen Tetanus und Diphtherie wichtig, daneben regelmäßige Impfungen gegen Grippe und Pneumokokken, die Lungenentzündungen auslösen können.
Friedrich Hofmann, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut, forderte Unternehmen und Einrichtungen des Gesundheitswesen auf, ihre Mitarbeiter besser zu informieren. So empfehle sich für Beschäftigte in Restaurants, Kantinen und Kindertagesstätten eine Impfung gegen Hepatitis A. "Hier steht der Patienten- und Verbraucherschutz im Mittelpunkt", sagte der Professor. "Deutliche Mängel" herrschten auch im Gesundheitsbereich, wo nur 70 Prozent des medizinischen Personals gegen Hepatitis B geimpft seien. Diese gefährliche Viruserkrankung werde schon durch kleinste Mengen Blut übertragen.
Erfreulich nannte Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts, dass sich die Impfgegner auf dem Rückzug befänden. Eltern ließen ihre Kinder wieder besser schützen. "Die Impfquoten sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen", sagte Hacker. Sie liegt bei Schulanfängern für Masern bei 95 Prozent. Auslöser für das Umdenken war auch die Masernepidemie von 2006, als es 2300 Infizierte in Deutschland gab, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. RKI-Präsident Hacker lobte deshalb NRW, das daraufhin im Vorjahr eine intensive Impfkampagne unter Schülern begonnen hatte.
Bis Samstag diskutieren in Mainz mehrere hundert Experten, um eine neue bundesweite Impfstrategie zu entwickeln. Bislang regelt das jedes Bundesland selbst.
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