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23. Dezember 2015

Erzgebirge: Die Unterwelt des Mittelalters

 Von Eckart Granitza
Archäologen vermessen einen Stollen in den historischen Silberbergwerken in Dippoldiswalde.  Foto: dpa

Die im sächsischen Dippoldiswalde entdeckten mehr als 800 Jahre alten Bergwerke vermitteln einen Eindruck von der mühsamen Arbeit unter Tage.

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Wenn um diese Jahreszeit in Deutschland die Fenster im Lichterglanz blitzen und allerlei Engel und andere Holzfiguren die Wohnzimmer festlich schmücken, handelt es sich in den meisten Fällen um Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge. Die sächsische Region ist weit über die Grenzen Deutschlands bekannt für ihren traditionellen Weihnachtsschmuck, wie Schwibbögen, Lichterbergmänner, Nussknacker oder Weihnachtsengel. Weit weniger bekannt ist deren Herkunft. „So waren es nicht die Bergleute, die nach getaner Arbeit die dunklen und kalten Winterabende zum Schnitzen nutzten, sondern Drechsler und Spielzeugmacher. Nachdem sich Weihnachten in Folge der Aufklärung Anfang des 19. Jahrhunderts zum Familienfest mit Bescherung für die Kinder entwickelt hatte, diente ihnen die Herstellung von Weihnachtsschmuck als neue Erwerbsquelle“, sagt Igor A. Jenzen, Direktor des Museum für Sächsische Volkskunst.

Vom Bergbau stammen allerdings viele Motive der geschnitzten Figuren. So leiten sich die Bergmannsleuchter vom Altarschmuck ab, mit dem die reichen Bergknappschaften damals ihre Altäre in den Kirchen schmückten. „Sich selbst am Altar als Leuchterhalter abbilden zu lassen und sich auf dieser Weise unter die Heiligen zu mischen, war zu dieser Zeit außerordentlich selbstbewusst, ja geradezu frech“, meint Jenzen. Die Bergleute mit den zwei Lichtern in der Hand wurden später von den Spielzeugmachern für ihre Lichterbergmänner und in den Schwibbögen – den symbolisierten Eingängen eines Bergwerkes – übernommen.

Die Bergbautradition im sächsischen Erzgebirge und im angrenzenden Böhmen ist freilich schon viel älter als die bürgerliche Weihnacht. Die Wanderausstellung „Silberrausch und Berggeschrey“, die derzeit im Museum der Westlausitz in der sächsischen Kreisstadt Kamenz gastiert, gibt einmalige und hoch spannende Einblicke in die Arbeitswelt und das Alltagsleben der Bergleute, die im 12. und 13. Jahrhundert dem Ruf des Silbers ins Erzgebirge folgten. „Ausschlaggebend für unser deutsch-tschechisches ArchaeoMontan-Projekt und damit auch für unsere Ausstellung war eigentlich eine Naturkatastrophe“, erklärt die Ausstellungsleiterin Wendy Eixler. „Im Jahr 2002 brachte nämlich ausgerechnet die Hochwasserkatastrophe in Sachsen eine vollständig vergessene Welt unter Tage wieder ans Licht“, erklärt die Archäologin.

Auf Holz bewegen

Das Hochwasser hatte die Grundwasserleiter unter der sächsischen Stadt Dippoldiswalde durcheinandergebracht, die so einige Schächte des mittelalterlichen Bergbaus unter der Stadt frei spülten. Entdeckt wurden die spektakulär gut erhaltenen Bergwerke dann schließlich durch das Sächsische Oberbergamt, das die eingesunkenen und mit Rissen durchzogenen Häuser und Straßen von Dippoldiswalde sichern wollte und dabei auf ein ausgedehntes unterirdisches Grubensystem stieß. Als das Oberbergamt daraufhin das Landesamt für Archäologie in Dresden zur Untersuchung der Schächte auf den Plan rief war schnell klar, dass hier eine der wichtigsten Entdeckungen der europäischen Montanarchäologie gemacht wurde: Mehrere seit 800 Jahren unter der Stadt schlummernde, hochmittelalterliche Bergwerke waren wiederentdeckt.

„Zwar gab es in Sachsen mit den Bergwerken in Freiberg, die auf 1168 nach Christus datiert wurden, wohl ein wenig ältere Bergwerke, als die unter Dippoldiswalde“, sagt Christiane Hemker, Leiterin des Forschungsschwerpunktes Montanarchäologie im sächsischen Landesamt für Archäologie. „Aber die Fundstellen in Dippoldiswalde und im etwas südlicher gelegenen Niederpöbel sind insofern sensationell, als sie nicht von späteren Bergbauphasen überprägt wurden, wie alle anderen in Europa bis jetzt bekannten mittelalterlichen Bergwerke“, freut sich die Archäologin des Landesamts. Vor allem die hölzernen Einbauten wie Leitern, Laufbohlen oder Stützhölzer, aber auch Werkzeugstiele oder Erzmulden zum Abbau und Transport des Erzgesteins waren hier außergewöhnlich gut erhalten. „Das haben wir vor allem dem Umstand zu verdanken, dass sich neben dem ohnehin hohen Grundwasserstand auch große Mengen Schlamm in den Gängen ablagerte, das das Holz bis zum Zeitpunkt der Hochwasserkatastrophe luftdicht abschloss“, sagt Hemker. Ein Glücksfall für die Montanarchäologie. Denn außer der Rekonstruktion eines kompletten Bergwerkes samt seiner Organisation und Bewirtschaftung konnten die Archäologen das Alter des Bergwerkes mit Hilfe der Dendrochronologie – also über die Abfolge der Jahresringe in den gefundenen Hölzern – auch genau bestimmen. Auf 1180 bis 1248 nach Christus werden viele Fundstücke datiert – die Silbergruben stammen also aus dem Hochmittelalter.

Ein Lichterbergmann aus dem 19. Jahrhundert.  Foto: Museum für sächsiche Volkskunst

„Endlich können wir uns ein klareres Bild davon machen, wie die Leute hier früher arbeiteten und lebten“, freut sich die Archäologin. Denn bildliche Darstellungen des Bergbaus aus jener Zeit oder gar schriftliche Quellen, gibt es nicht. Und die Arbeit war hart: Davon zeugen sowohl die Werkzeuge der Bergleute als auch die Abbauspuren an den Wänden der verwinkelten und niedrigen Gänge. Mit Schlägel und Bergeisen haben sich die mittelalterlichen Bergleute langsam durchs Gestein gegraben – immer der Erzader nach. Doch nicht nur der Abbau der Silberadern war mühselig. „Das größte Problem des damaligen Bergbaus bestand darin, die Gruben frei vom Grund- und Niederschlagswasser zu halten“, sagt Hemker. Dafür mussten sogenannte Wasserknechte das Wasser bis zu einer Teufe von 20 bis 30 Meter per Hand nach oben bringen. Dabei standen sie auf Leitern und reichten sich mit Ledereimern – sogenannten Bulgen – das Wasser zu, oder förderten es mit Seilwinden in Schöpfgefäßen über senkrechte Schächte nach Oben. Unter Tage wurde es dafür über ineinander gesteckte hölzernen Rinnen gezielt in Schachtsümpfen gesammelt. Auch die Bergleute selbst bewegten sich unter Tage meist auf Holz – mittels Leitern, Steigbäumen und Laufbohlen. Im Schein von talggefüllten Schalenlampen und Kienspänen gewannen sie dann das Erz. „Nach unseren Berechnungen dauerte es etwa einen Monat um solche engen Gänge, in denen gerade einmal ein Mann gebückt hineinpasste, einen Meter vorzutreiben“, sagt Hemker. Mit Kratzen und Schaufeln luden die Bergleute das vorsortierte Material danach in flache Tröge, die sie mit Schleppseilen zum Füllort transportierten. Dort wurde es von Haspelknechten an die Erdoberfläche gezogen. Über Tage begann dann die Arbeit der Hüttenleute, die das Gestein in speziellen Öfen rösteten. Danach wurde das Röstgut in Schmelzöfen unter Luftausschluss zu silberhaltigem Blei geschmolzen. Abschließend wurde das Blei unter Luftzufuhr zu Bleiglätte umgewandelt, die mehrfach abgeschöpft wurde – zurück blieb das begehrte Silber.

„Natürlich erforderte so eine Arbeit eine Menge Spezialwissen“, sagt Ausstellungsleiterin Eixler. Deshalb nehmen die sächsischen Archäologen auch an, dass viele erfahrene Bergleute aus den noch älteren Bergbaurevieren von Harz und Schwarzwald dem Ruf des Silbers in Sachsen gefolgt sind. „Denn die Bergleute verdienten für die damalige Zeit sehr viel“, erklärt Eixler.

Städte und Siedlungen enstanden

Importierte Keramikgefäße und kostbare Gläser zeugen von ihrem Wohlstand. So zählte Freiberg zu einer der bedeutendsten und reichsten Städte in Sachsen. Nur wenige Jahre später prosperierte auch Dippoldiswalde. Im 13. und 14. Jahrhundert entstehen weitere Bergstädte im Westerzgebirge und seinem Vorland sowie auf böhmischer Seite. Bekannt sind vor allem die Bergstadt Bleiberg bei Chemnitz und seit kurzem die Bergbausiedlung Kremsiger bei Preßnitz auf der böhmischen Seite. „Man muss sich das sogenannte sächsische Berggeschrey und die damit verbundene Einwanderungswelle wahrscheinlich so vorstellen wie den Goldrausch am Klondike“, sagt die Projektleiterin Hemker. „Da die Herrscher dieser Zeit, wie im Falle von Dippoldiswalde die Burggrafen von Dohna und von Freiberg die Markgrafen von Meißen, das Silber für die Prägung ihrer Münzen und damit für die Vermehrung ihres Wohlstandes brauchten, gewährten sie den Bergleuten weitgehende Privilegien und Rechte“, erläutert die Projektleiterin.

„Wo eyn man ercz suchen will.. , das mag her thun mit rechte..“ heißt es im Freiberger Bergrecht um 1300 nach Christus. Mit dieser Aussage ist ein Grundprinzip des Bergrechtes ausgedrückt – die Bergbaufreiheit. Danach steht es jedem frei, ohne Genehmigung des Grundeigentümers nach Erzen zu schürfen. “ Erst im Verlauf der folgenden Jahrzehnte schröpften gewiefte Geschäftsleute und Finanziers, die in den Bergbau investierten, die Bergleute immer mehr ab“, sagt die Archäologin. Bestes Beispiel für eine solche Investition ist das neuentdeckte Bergbaurevier von Niederpöbel zehn Kilometer südlich von Dippoldiswalde. Hier in dem intensiv durch das ArchaeoMontan- Team untersuchten Gruben wurden in den analysierten Erzproben keinerlei Silbergehalt festgestellt. Die vorgefundenen Bergbauanlagen dienten also der reinen Suche nach Silbererzen, ohne je fündig geworden zu sein. Das war sicherlich sehr teuer und erforderte finanzstarke Geldgeber.

Über den Minen entstanden Bergbausiedlungen und Bergstädte, zu denen auch Aufbereitungs- und Verhüttungsanlagen gehörten. In Dippoldiswalde legten die Archäologen vom Landesamt Grubenhäuser – Häuser, die ganz oder teilweise in den Boden eingetieft sind -, Pfostenlöcher, Abfallgruben sowie Überreste von Probieröfen und einer Bergschmiede frei. Alles in unmittelbarer Nähe zu den Schächten. „Da diese Siedlung von der heutigen Stadt Dippoldiswalde überbaut ist, sind dort die Flächen für archäologische Untersuchungen sehr begrenzt“, sagt Hemker. Besser untersucht sind die Bergstadt Bleiberg bei Chemnitz und seit kurzem die Bergbausiedlung Kremsiger bei Preßnitz in Böhmen nahe der deutsch-tschechischen Grenze.

Auch hier lebten die Berg- und Hüttenleute in befestigten Siedlungen in direkter Nachbarschaft zu den Bergwerken. Anfangs in einfachen Grubenhäusern, später in ebenerdigen Häusern in Blockbauweise. Beheizt wurden sie mit Öfen, die auch zum Kochen dienten. Handwerker und Händler versorgen die Berggemeinde mit Lebensmitteln und handwerklichen Erzeugnissen. „Spielzeugfunde legen nahe, dass viele der eingewanderten Bergleute mit ihren Familien in den Siedlungen lebten“, sagt Hemker. Importierte Keramikgefäße und kostbaren Gläser zeugen vom Wohlstand der Siedler. Für das Seelenwohl sorgte die Dorfkirche. Ein in Stein geschlägelter menschlicher Kopf mit darüber schwebenden Doppelkreuz aus einem Bergwerk in Dippoldiswalde zeugt von der Frömmigkeit der Bergleute. Sie waren schon damals sehr religiös, wenn sie sicherlich auch noch nicht Weihnachten im heutigen Sinne gefeiert haben. Ab 1350 kommt es zu einer Krise im Silberbergbau. Ob die Pest, versiegende Silberminen, der Preisverfall des Silbers oder die Summe all dessen: Die Ursache dieser Krise ist strittig. Unstrittig ist, das mit ihr das Ende vieler Bergstädte in ganz Europa einherging.

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