Viele Krippen und Kindergärten müssten in den kommenden Jahren unausgebildetes Personal einstellen, weil es zu wenig Erzieherinnen und Erzieher gibt. Davor warnt Norbert Hocke, Experte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für frühkindliche Bildung. Mit Blick auf den Bildungsgipfel der Bundesregierung im Oktober fordert er eine Offensive für die Erzieherinnenausbildung: "Um genügend Personal für die nächsten Jahre zu haben, müsste man dreigleisig ausbilden", sagte Hocke. Er schlägt vor, dass neben den bereits bestehenden Erzieherinnen-Fachschulen viel mehr grundständige Studiengänge an den Fachhochschulen eingerichtet werden.
Erzieherinnen sind in vielen Bundesländern schon jetzt Mangelware. Der Trend werde sich durch das Krippen- und Kinderbetreuungsprogramm von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) noch verstärken, befürchten Experten: Bis 2013 wollen Bund und Länder mehrere Milliarden Euro in die Hand nehmen, damit wenigstens 35 Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz bekommen. Bisher werden laut Bundesfamilienministerium lediglich 15 Prozent der Kinder in einer Einrichtung oder durch eine Tagesmutter betreut.
Zwar räumt die Bundesregierung ein, dass für die Betreuungsoffensive mehr Personal nötig ist, doch einen Fachkräftemangel will sie nicht erkennen. Das Familienministerium prognostiziert bis 2013 einen zusätzlichen Bedarf von 49 000 Erzieherinnen, um den Ausbau in den Kindertagesstätten zu stemmen. Hinzu kommen rund 30 000 Tagesmütter. In beiden Fällen geht das Ministerium von einem Betreuungsschlüssel von eins zu fünf aus.
Die Bundesregierung setzt auf die Fachschulen und Fachakademien für Erzieherinnen. Doch schon jetzt ist klar, dass diese allein die Lücken nicht füllen können. Auch sollen Erzieherinnen zurückgewonnen worden, die in anderen Berufen tätig sind, oder sich in der Familienphase befänden.
Ob das gelingt, ist jedoch zweifelhaft. Obwohl überall für den Erzieherberuf getrommelt und geworben wird, ist der große Andrang auf die Fachschulen bisher ausgeblieben. Das liegt auch daran, dass es immer noch das gleiche Geld für den anstrengenden Job gibt - nämlich sehr wenig. Nach fünf Jahren Ausbildung verdient eine Erzieherin nur rund 1000 Euro netto.
In vielen Großstädten zeichnet sich schon jetzt ein Mangel ab. Beispiel München: Mit einer gemeinsamen Kampagne versuchen die Stadt und andere Träger von Betreuungseinrichtungen den Nachwuchs für den Erzieherberuf anzulocken - bisher mit mäßigem Erfolg.
"Der Markt ist total abgegrast", sagt Julia Sterzer, Referentin für Kindergärten und Krippen bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in München. Der Verband eröffnet demnächst eine eigene Fachakademie, um mehr Nachwuchs als bisher auszubilden. Doch bis der "Nachschub" da ist, dauert es mindestens fünf Jahre.
Da bleibt für den Engpass nur, im Umland oder anderen Bundesländern zu wildern. Doch damit tun sich viele Großstädte schwer. Was für die bayerische Landeshauptstadt gilt, trifft auch für andere Metropolen zu: die Anwerbung von auswärtigem Personal funktioniert mehr schlecht als recht, weil eine Erzieherin mit ihrem knappen Monatsbudget die hohen Lebenshaltungskosten in München oder Frankfurt am Main kaum schultern kann.
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