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Erziehungswissenschaftler Fritz Reheis: "Fastfood-Bildung bringt nichts"

Erziehungswissenschaftler Fritz Reheis will, dass alle Schüler nach ihrem Tempo lernen können - auch wenn das in der Konsequenz heißen kann, dass die Lehrpläne drastisch gekürzt werden müssten.

Fritz Reheis.
Fritz Reheis.
Foto: privat

Als Lehrer hat er die Einführung des Abiturs nach acht Jahren erlebt. In seinen Büchern fordert er eine Entschleunigung im Bildungssystem. Als Soziologe und Erziehungswissenschaftler lehrt Fritz Reheis an der Universität Bamberg.

Herr Reheis, Sie vergleichen die Bildung an deutschen Schulen mit Fastfood. Warum?
Die Turbo-Schule versucht, mit hohem Druck Wissen in die Köpfe unserer Schüler zu pressen. Alles wird mundgerecht zubereitet, so dass es schnell runtergeschlungen werden kann, ohne groß gekaut und verdaut werden zu müssen. Es gibt keine Zeit, sich an den Inhalten zu reiben und auf kritische Fragen zu kommen.

Welche Folgen hat das?
Nun, es bereitet die Schüler bestens auf unseren Turbo-Kapitalismus vor. Sie verinnerlichen diese schnelle Wegwerf-Bildung so sehr, dass sie später ideale Konsumenten werden. Sie kaufen alles, wenn man ihnen sagt, das man es braucht. Sie fressen alles in sich hinein und fragen nicht länger nach. Dieser Umgang mit der Zeit hindert Schüler an wirklicher Bildung.

Die Schüler haben keine Wahl. Für die Zukunft in einer globalen Welt brauchen sie gute Noten.
Ja, Leistung gegen Note. Genau diese Tauschwert-Orientierung bestimmt den Lernrythmus. Schüler strengen sich nur noch an, wenn sie auch etwas dafür kriegen. Wenn die Arbeit geschrieben ist und sie ihre Note haben, geht das Engagement gegen Null. Sie lernen nur partiell statt kontinuierlich. Dadurch entsteht ein löchrige Bildungsergebnis.

Wie würden Sie das alles ändern?
Die Schule, die ich mir vorstelle, müsste jedem Kind die Zeit lassen, die es braucht, um zu einem Erfolgsergebnis zu kommen. Schüler sollten nach ihrem eigenen Rhythmen lernen, die eigene Wirksamkeit erfahren, das Gefühl erleben: Ich kann was. Das geht bei dem einen schneller, bei dem anderen langsamer. In unseren Schulen aber, wo alle synchronisiert werden, wird einem Großteil der Schüler das Gefühl des Erfolgserlebnisses verwehrt. Geht es zu schnell oder auch zu langsam voran, steigen sie aus. Das Ergebnis ist Langeweile.

Wie sähe der Stundenplan denn dann ganz praktisch aus?
Die Zeiteinteilung in einzelne Fächer, die 45 oder 90 Minuten dauern, ist kontraproduktiv. Das zerreißt die Welt. Ich bin für einen fächerübergreifenden Unterricht, bei dem in größeren Zeiteinheiten gedacht und in Projektform gearbeitet wird. Dabei lernen Schüler Kulturtechniken – also mathematische, sprachliche oder naturwissenschaftliche Techniken. Damit können sie selbstständig Ergebnisse erzielen – in ihrem eigenen Tempo.

Ein Beispiel?
Nehmen wir das Oberthema Klimawandel. Das lässt sich wunderbar drei Tage lang über ganz verschiedene Disziplinen betrachten: Physik, Wirtschaft, Geografie, Literatur. Neben kognitiven sollten dabei auch viel mehr emotionale und künstlerische Aktivitäten eingeplant sein.

Das würde die Lehrpläne ganz schön durcheinanderwerfen.
Ich würde sowieso 50 Prozent des Inhalts der Lehrpläne streichen, damit Kinder und Lehrer zusammen festlegen können, was gemacht wird.

Aber dann kommt irgendwann die nächste Pisa-Studie und fragt Dinge ab, die unsere Schüler nicht lernen und der Knatsch ist groß.
Den Maßstab Pisa erkenne ich gar nicht an. Pisa ist ein Versuch, so etwas wie ein Welt-Curriculum aufzustellen. Das führt dazu, dass Bildung nivelliert wird. Viele Länder und Kulturen werden gezwungen, sich zu entfremden, nur um Pisa-fähig zu werden.

Das Interview führte Alice Ahlers.

Datum:  22 | 10 | 2011
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