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Ethik an den Unis: Suche nach anständigem Verhalten

Das Studenten-Netzwerk Sneep kämpft für modernere Lehr- und Forschungspläne an den Universitäten. Das Credo: "Wirtschaftsethik muss Pflicht werden". Von Susanne Bergius

Kinderarbeit, wie hier in einer  Metallwerkstatt im Libanon, ist nur die Spitze   des Eisbergs, wenn es um unethisches unternehmerisches Handeln geht.
Kinderarbeit, wie hier in einer Metallwerkstatt im Libanon, ist nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um unethisches unternehmerisches Handeln geht.
Foto: afp

Angehende Manager sollten einen Eid leisten, gesellschaftlich verantwortungsbewusst zu handeln." Das meinen 57 Prozent der Studenten in Deutschland. Zwei Drittel sagen: "Wirtschafts- und Unternehmensethik sollte ein Pflichtfach in der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung sein." Das hat der Kölner Zweig des bundesweiten Studentischen Netzwerks für Wirtschafts- und Unternehmensethik (Sneep) ermittelt. Es macht sich an rund 30 Universitäten für eine Modernisierung von Lehr- und Forschungsplänen stark.

Ressourcenknappheit, Klimawandel, Hunger, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt, Korruption und Finanzturbulenzen; all das entsteht auch deshalb, weil die Ökonomie die entsprechende Forschung, Lehre und Praxis seit Jahrzehnten vernachlässigt - zumindest in Deutschland. Nachbarländer korrigieren dies Versäumnis tatkräftig, indem sie nachhaltiges Wirtschaften und Wirtschaftsethik zum Pflichtfach machen und Studiengänge interdisziplinär ausrichten.

Sneep

Nur knapp sieben Prozent der 13.000 bei der Hochschulrektorenkonferenz registrierten Studiengänge sehen ein Praxissemester vor, so der "Ländercheck Wissenschaft" des Stifterverbandes der deutschen Wirtschaft. Die Lokalgruppen von Sneep (Studentisches Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik) organisieren darum Erfahrungsaustausch mit Unternehmen durch Firmenbesuche, Vorträge und Workshops.

Es gibt auch ein Unterrichtsmodul für Studierende des Pilotprogramms "Young Leaders for Sustainability" des Collective Leadership Institute Potsdam. In dem von Sneep konzipierten Modul geht es um Fallstudien und Lösungen für ethische Dilemmata, etwa bei Korruption oder Standortverlagerung.

In Hamburg, Hannover, Mainz, Oldenburg und anderen Unis gibt es studentische Forschungsprojekte zu verschiedenen Aspekten ethischen unternehmerischen Handelns. Sneeper in Frankfurt, Hamburg, Passau und Stuttgart kooperieren, um Unternehmen und angehende Manager auf Zweifelsfälle der Praxis vorzubereiten.

Manche Lokalgruppen werden gar unternehmerisch aktiv. Die Oldenburger Hochschulgruppe SOLARanschluss kooperiert mit der Genossenschaft Bürger-Energiepark Ammerland Oldenburg , um Solaranlagen auf die Dächer zu bringen.

Die Marburger Sneeper haben gewettet: Sie wollen diese Woche 2010 alte Handys sammeln, um Bürger und Firmen für das Thema Recycling und nachhaltigen Konsum zu sensibilisieren. (sb)

Die Marburger Sneeper wollen  2010 Handys sammeln.
Die Marburger Sneeper wollen 2010 Handys sammeln.
Foto: privat

Die deutsche Hochschullandschaft aber hinkt - von Ausnahmen abgesehen - hinterher. "Es ist besonders zu begrüßen, dass Sneep als studentische Initiative dem Mangel abhilft", sagt Professor Peter Koslowski von der Freien Universität Amsterdam zum fünfjährigen Bestehen.

Während im November allerorten Studenten die Hörsäle besetzten, rief diese Gruppe den Sneep-Day aus: Es ging nicht um Protest, sondern um Wissensvermittlung. An zehn Universitäten veranstalteten Lokalgruppen Informationstage für Kommilitonen. In München etwa diskutierten sie mit Vertretern der Ratingagentur Oekom Research, wie weit die Verantwortung von Investoren reicht.

An der Universität Münster schilderten Professoren und Firmenvertreter von Apetito, LVM Versicherungen und Grüne Wiese, was Nachhaltigkeit, Wirtschafts- und Unternehmensethik (WUE), Corporate Social Responsibility (CSR) sowie unternehmerische Verantwortung praktisch bedeuten; außerdem: auf was sich Studenten einstellen müssen, welche Fähigkeiten künftige Bewerber brauchen und in welchen Veranstaltungen sie diese erwerben können.

"Konkret geht es um Berufsperspektiven und Anforderungen sowie spannende Forschungsfelder und Erfahrungen, nicht nur für Betriebswirte, sondern für Absolventen aller Fachrichtungen, denn hier ist interdisziplinäres, langfristiges Denken nötig", sagte Sneeperin Svenja Haverkamp. Fachübergreifend will Sneep Studierenden die Augen öffnen, denn Verantwortung spielt für alle Beschäftigten eine Rolle, vom Produktdesign über Beschaffung, Personalentwicklung, Controlling bis zu Vertrieb und Service.

Im Netzwerk organisiert sind Studierende aus nahezu allen Fachrichtungen: angehende Betriebswirte, Philosophen, Soziologen, Pädagogen, Theologen, Politik- und Staatswissenschaftler sowie Informatiker, Juristen, Umweltwissenschaftler, Landschaftsökologen, Geographen, Germanisten, Sozialarbeiter, Kultur- und Agrarwissenschaftler, Publizisten, Kommunikationsdesigner, Psychologen, Historiker und vereinzelte interdisziplinär qualifizierte Nachhaltigkeitsmanager.

Sneep will Universitäten wach rütteln. "In Deutschland hinkt die Unternehmensethik/CSR-Debatte mindestens zehn Jahre hinter den USA und anderen europäischen Ländern her", sagt Guido Palazzo von der Uni Lausanne. Während Unternehmen hier Kompetenzen verlangten, sage die deutsche BWL noch mehrheitlich, das sei kein relevantes Thema. "Angesichts der globalen Krise des Kapitalismus eine absurd weltfremde Position", kritisiert Palazzo.

Manche Lokalgruppen stellen darum das auf die Beine, was Universitäten ihrer Meinung nach liefern müssten. So organisierten die Münchner mit den Fachschaften BWL und VWL von Mai bis Juni eine elfteilige Ringvorlesung "business meets ethics" und seit Oktober weitere Diskussionsforen.

Dabei sind die Hürden, die Sneep überwinden muss, beachtlich. "Im Vorfeld der ersten Runde gab es Professoren älteren Jahrgangs, die über die Studiengebührenkommission versuchten, unsere beantragten Mittel zu streichen. Normative Fragen haben ihrer Meinung nach mit Wirtschaft nichts zu tun. Wir konnten uns nach diversen Kämpfen durchsetzen", berichtet Jonas Gebauer vom Koordinationsteam. Die Zielstrebigkeit der Studierenden wurde kürzlich belohnt: "Business meets Ethics" ist 2010/11 offizielles UN-Dekadeprojekt Bildung für nachhaltige Entwicklung. "Sneep ist ein wichtiger Treiber der Debatte in Deutschland geworden", sagt Palazzo.

Mühsam ist es, für die Veranstaltungen Credit Points zu erhalten, Punkte, die Universitäten bei Bachelor und Master anerkennen. "Die Etablierung einer regulären Vorlesung mit Credit Points dauert ein bis anderthalb Jahre. Das ist für eine ehrenamtliche Initiative schwierig", sagt Romy Feldmann aus Hamburg. In Karlsruhe gelang 2008 eine Credit-Point-Ringvorlesung "Verantwortung für die Zukunft" in Kooperation mit dem Institut für Philosophie der Universität (TH) und der FH Heidelberg. Die Uni Göttingen rechnet ehrenamtliches Engagement als Studienleistung an. Die dortige Sneep-Hochschulgruppe bemüht sich, Credit Points für ihre Arbeit zu erhalten, so Lokalgruppenleiter Fabian Flohr.

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Autor:  Susanne Bergius
Datum:  19 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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