"Die Schule finanziert sich über die Gemeinde", erzählt Schultz. "Und glauben Sie mir, das ist nicht einfach." Die Miete muss bezahlt werden, der Umbau, die Lehrergehälter. Staatliche Zuschüsse gibt es erst in drei Jahren. Wenn die Schule dann noch besteht. Aber daran glaubt er ganz fest. "Diese Schule ist ein Wunsch Gottes", sagt Schultz und schaut eindringlich über seine Brille hinweg. Ein Gemeindemitglied kommt dazu, es hat mitgehört. "Man kann als Vater seinen Kindern nicht alles erlauben. Ich bin froh, dass ich früher mal eine gekriegt habe und mir der Weg gewiesen wurde." Dabei holt der Mann mit der flachen Hand aus, als wolle er gleich zuschlagen.
Die "Evangelische Grund- und Hauptschule Windischenbach e.V." liegt am Rande eines Industriegebietes. Hier, in direkter Nachbarschaft zu einer Kfz-Werkstatt und einer Autolackiererei, haben die Evangeliums-Christen ein Fabrikgebäude angemietet, in dem der Nachwuchs nach den Regeln Gottes auf ein gehorsames, ehrfürchtiges - und freudloses - Leben vorbereitet wird. Ein Besuch der Schule und des Unterrichts sei derzeit nicht möglich, hatte der Schulleiter am Telefon erklärt, man müsse sich erstmal einrichten.
Die Räume sind an diesem Vormittag dunkel, nur im zweiten Stock brennt ein Licht, am Fenster hängt eine weiße Sonne aus Papier. Ansonsten weist nichts darauf hin, dass hier eine Schule ist. Weder Schüler noch Lehrer sind hier zu sehen. Und es gibt auch keinen Schulhof, nicht mal eine Klingel. Durch die Fenster im Erdgeschoss sind aufgestapelte Stühle zu erkennen, ansonsten nur Bauschutt.
Der erste Unterrichtsbesuch durch das Schulamt Künzelsau findet drei Wochen nach dem offiziellen Unterrichtsbeginn statt. Die Schulräte sind angemeldet. Die Kinder sind in kleine Gruppen aufgeteilt. Sie machen einen offenen, freundlichen Eindruck. Auch das Gebäude sei in einem ausreichenden Zustand, urteilen die Kontrolleure. Den Biologieunterricht besuchen die Schulräte nicht. Immerhin lässt das Regierungspräsidium Stuttgart verlauten, man wolle die Schule "weiterhin besonders beobachten und sowohl angekündigte als auch unangekündigte Unterrichtsbesuche vornehmen". Natürlich auch wenn es um die Evolutionstheorie gehe. Gerade das ist ein heikler Punkt: Die fundamentalistische Gemeinde der Evangeliums-Christen, die sich zu den Baptisten und damit zu den evangelischen Freikirchen zählt, nimmt die Bibel wortwörtlich. Sie glaubt an die Schöpfungsgeschichte und daran, dass Gott die Erde vor wenigen tausend Jahren erschaffen hat. Die Darwinsche Evolutionstheorie stößt hier auf taube Ohren.
Sabine Fohler, sektenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, ist skeptisch, was die Kontrollmöglichkeiten des Schulamtes angeht. "Die Träger der Schule liefern immer nur scheibchenweise das, was gerade gefordert wird. Die haben ja bewusst eine eigene Schule gegründet, um die Kinder jenen Einflüssen zu entziehen, die jetzt zur Auflage geworden sind."
Die Erziehungsziele der "Kreationisten", glaubt sie, lassen sich nicht "mit dem Erziehungsauftrag des Landes für staatliche Schulen, nach dem Kinder und Jugendliche zu mündigen und selbstständigen Bürgern erzogen werden sollen", vereinbaren.
Damit steht sie nicht allein: "Den Kindern wird die Möglichkeit genommen, frei zu entscheiden. Sie werden isoliert und am normalen Leben vorbei erzogen", findet auch Torsten Kunkel, der Bürgermeister der Gemeinde Pfedelsbach. Kunkel hält das für gefährlich. "Die Kinder werden dem gesellschaftlichen Leben entzogen. Dadurch bilden sich Parallelgesellschaften." Zudem sieht der SPD-Mann die Gefahr, dass bald andere religiöse Splittergruppen nachziehen könnten. "Mit welcher Begründung", fragt er sich, "kann man jetzt noch Islamschulen oder private Schulen der Scientologen verbieten?"
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