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Evangeliums-Christen: Freudlosigkeit im Namen des Herrn

Mit Darwin haben sie Probleme, normaler Unterricht ist ihnen zu freizügig - in Schwaben gründeten fundamentalistische Christen nun ihre eigene Schule.

Mit Darwin haben sie Probleme, normaler Unterricht ist ihnen zu freizügig - in Schwaben gründeten fundamentalistische Christen nun ihre eigene Schule.
Mit Darwin haben sie Probleme, normaler Unterricht ist ihnen zu freizügig - in Schwaben gründeten fundamentalistische Christen nun ihre eigene Schule.
Foto: rtr

Die Eingangstür ist mit Wellblech beschlagen. Daneben ein Rolltor, hinter dem man Förderbänder und Arbeiter in schweren Sicherheitsschuhen erwarten würde. Einzig das kleine Schild neben der Tür verrät, dass dies kein Warenlager ist: "Evangeliums-Christen-Baptisten-Gemeinde" steht da. Es ist Sonntag, kurz vor 17 Uhr. In einem kahlen, hell erleuchteten Raum sitzen knapp siebzig Menschen auf einfachen Holzstühlen. Frauen links, Männer rechts. Die Frauen haben knöchellange Röcke und Blusen an, ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten, wer verheiratet ist, trägt Kopftuch. Die Männer und Jungen stecken in schwarzen Anzügen.

Waldemar Schultz ist Gemeindevorsteher der christlich-fundamentalistischen Gruppe. Er spricht wie die meisten im Raum mit kaum wahrnehmbarem russischem Akzent, während er den Gottesdienst eröffnet. Zum Gebet knien alle Teilnehmer auf dem Linoleumfußboden, nacheinander tragen sie ihre persönlichen Danksagungen oder Fürbitten vor. "Danke, dass Du uns vor den irdischen Freuden bewahrst, dass Du uns die Kraft gibst, die einzig wahre Freude, die Freude an Dir, Herr, zu erkennen." Es gibt kein Kreuz, keine Bildnisse, keine Kerzen. Nichts, an dem der Blick haften bleiben könnte.

Streitpunkt Schulpflicht

Die Evangeliums-Christen waren 2007 in die Schlagzeilen geraten, weil die Tochter einer religiösen Schulver- weigerer-Familie nicht von der Schulpflicht befreit wurde. Das Verwaltungsgericht Stuttgart hatte die Klage einer Familie bibeltreuer Christen aus Windischenbach abgewiesen. Der Erziehungsauftrag der staatlichen Schu- len fördere auch den Erwerb sozialer Kompetenzen, hieß es in der Begrün- dung. Bereits 2006 hatte das Bundes- verfassungsgericht entschieden, dass Eltern ihre Kinder nicht aus religiösen Gründen von der Schule fernhalten dürfen. Die Schulpflicht habe Vorrang vor dem Erziehungsrecht.

Der Bundesgerichtshof wiederum bestätigte 2007 das Urteil, wonach einer Familie aus Paderborn sogar mit dem Entzug des Sorgerechts gedroht worden war, weil die Eltern ihre Kinder aus religiösen Motiven zu Hause unterrichteten. Die Begründung: Die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, dass sich keine religiös oder weltanschaulich geprägten Parallelgesellschaften bildeten.

Mal treten die Kinder ans Mikrofon und singen, mal nur die Männer, die sich Brüder nennen. Ein Mädchen, keine zehn Jahre alt, steht teilnahmslos am Mikrofon, redet hastig und undeutlich, als wolle sie das Gedicht, das man ihr aufgetragen hat, so schnell wie möglich hinter sich bringen. Eine der ältesten Frauen mit weißem Haar und faltigem Gesicht dankt der "Jugend" für den Hausbesuch. Dann kippt ihre Stimme und sie schluchzt unverständliche Danksagungen an ihren Herrn.

Die wellblechbedeckte Halle liegt am Rande des beschaulichen Dorfes Windischenbach, einem Ortsteil der Gemeinde Pfedelbach im schwäbischen Hohenlohekreis. "Schwäbisch Sibirien" nennt man im fernen Stuttgart diesen nur schwach bevölkerten Teil des Landes. Im Tausend-Seelen-Dorf reihen sich Fachwerk- und Bauernstuben an moderne Einfamilienhäuser. Es gibt keinen Supermarkt, lediglich einige Obstbauern preisen ihren Most und selbstgebrannte Schnäpse an. Unentdeckt zu bleiben, ist hier nicht möglich. Jeder kennt die Evangeliums-Christen. "Das sind sehr nette Leute, die grüßen immer freundlich", sagt eine Bewohnerin. Die ersten Spätaussiedler kamen vor knapp 25 Jahren nach Pfedelbach, negativ aufgefallen sind sie nie. Es weiß aber auch niemand genau, welche Ansichten die Evangeliums-Christen, vertreten und wie sie leben - in ihrer eigenen Welt.

Ein wenig ist die Gemeinde der christlichen Fundamentalisten selbst schuld, dass sie nun genauer beobachtet wird, dass Reporter auftauchen, über sie geredet wird, und dass sie sich Fragen nach der Erziehung ihrer Kinder gefallen lassen müssen. Die Evangeliums-Christen haben eine eigene Schule gegründet. Eine Schule, in der sie ihre Kinder zu Gehorsam erziehen wollen - gegenüber Gott, ihren Eltern und der Obrigkeit.

Waldemar Schultz ist nicht nur Gemeindevorsteher, er ist auch der Initiator der privaten Bekenntnisschule. Er war es, der vor einigen Jahren seine Kinder plötzlich nicht mehr in die öffentliche Schule schickte und der Schulpflicht trotzte. Viele Gemeindemitglieder folgten seinem Beispiel und unterrichteten ihre Kinder zu Hause. Schultz ist Mitte sechzig, Schreinermeister und alleinerziehender Vater von 14 Kindern. Seine Frau starb vor einigen Jahren. Schultz ist ein schwer beschäftigter Mann.

Für ein längeres Gespräch habe er momentan keine Zeit, die Schule sei noch im Umbau. Die einzige Möglichkeit ihn zu treffen ergibt sich nach dem Gottesdienst. Es ärgert ihn, dass so negativ über die Schule und über die Gemeinde gesprochen wird. "Es gibt doch auch viele andere Privatschulen", sagt er. Jahrelang hat der hochgewachsene Mann mit dem lichten Haarkranz für seine Schule gekämpft, um seine Kinder vor sündhaften irdischen Freuden zu bewahren. Schultz versteht die ganze Aufregung nicht. "Rechtlich ist doch jetzt alles geklärt", sagt er.

Im Oktober hatte das Regierungspräsidium Stuttgart, nachdem 2006 ein Antrag der Gemeinde abgelehnt worden war, der Klage der Evangeliums-Christen nun stattgegeben. Seit November dürfen 42 Kinder in der Bekenntnisschule unterrichtet werden. Einige sind gerade dazugekommen: Eine zweite Baptisten-Schule wurde im Januar geschlossen. Dies im Einvernehmen mit den Eltern, die ihre Kinder nun ebenfalls an der Schule in Öhringen angemeldet haben. Verantwortlich für den Unterricht sind vier staatlich geprüfte Lehrkräfte, von denen zwei bereits pensioniert sind und aus dem Kreis der Evangeliums-Christen stammen. Der Lehrplan soll dem einer staatlichen Schule angepasst werden.

Aus seiner ledernen Aktentasche kramt Schultz zwei Zettel hervor und überreicht sie wie ein Beweisstück. Er hat Passagen aus einem Biologiebuch der sechsten Klasse kopiert, das in baden-württembergischen Schulen im Sexualkundeunterricht verwendet wird. Der Geschlechtsakt und die dabei empfundene Freude sind anschaulich beschrieben. "Das ist Werbung für Sex", sagt er empört. "Dabei sind die Kinder erst zwölf Jahre alt. Das kann ich nicht akzeptieren." Doch es geht ihm nicht nur um die Lerninhalte. Auch das bunte Treiben auf dem Schulhof sei ihm zu verführerisch, sagt er. Nachvollziehbar ist das nur für jene, die wie er und seine Gemeinde leben - ohne Fernseher, ohne Kino, ohne Zeitschriften.

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Autor:  BASTIAN HENRICHS
Datum:  20 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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