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Evolution: Wir sind nicht für die Zivilisation gemacht

Krankheiten entstehen nach Meinung von Evolutionsmedizinern, weil sich der Lebenswandel des Menschen zu weit von der Steinzeit entfernt hat. Ergo sollten Mediziner mehr über Evolution lernen. Von Inga Richter

Eine Ausstellung im kroatischen Krapina versucht, das Leben der Neanderthaler nachzustellen.
Eine Ausstellung im kroatischen Krapina versucht, das Leben der Neanderthaler nachzustellen.
Foto: rtr

Möglicherweise brüten Medizinstudenten demnächst über dem Stammbaum der Artentwicklung. Vielleicht werden sie die Wirbelsäulen von Affen und Menschen vergleichen oder die Lebensweise ihrer Urahnen rekonstruieren. "Evolution" im Vorlesungsverzeichnis der Mediziner, das wünscht sich eine Gruppe von Wissenschaftlern, die ihre Vorschläge jüngst in den Proceedings der US-amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte.

"Mediziner müssen verstehen, dass unser Körper keine Maschine, sondern ein Produkt aus evolutionären Kompromissen ist", erläutert Peter Ellison, einer der Autoren und Anthropologe in Harvard. Die Ärzte der Zukunft sollten einen Blick in die Vergangenheit werfen, um ihren Patienten besser helfen zu können, sagt er.

Denn Krankheiten entstehen nach Meinung der Evolutionsmediziner, weil sich der Lebenswandel des Menschen zu weit von seinem Erbe aus der Steinzeit entfernt habe. Zwar gaben in Mitteleuropa vor etwa 7500 Jahren die ersten Menschen das Jagen und Sammeln auf, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Doch erst in den vergangenen 150 Jahren verlagerte sich der Alltag von Feld- zu sitzender Büroarbeit, vom Fußmarsch aufs Auto, vom Eintopf zur Tiefkühlpizza.

Dass dieser vermeintliche Wohlstand sich zum verhängnisvollen Gesundheitskiller entwickelt hat, glaubt auch Detlev Ganten, Pharmakologe, Molekularmediziner und Ex-Vorstandschef der Charité-Universitätsmedizin: "Im Zoo, und nicht nur dort, werden die Kinder mit industriellen Zuckerbomben versorgt, während die Affen Äpfel und Bananen bekommen."

Fettleibigkeit, Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen sind die Folgen. "Durch Rückbesinnung auf die Lebensbedingungen der vergangenen zwei Millionen Jahre könnte man viele unnötige Medikationen verhindern", sagt Ganten. Ernährungsempfehlungen und Sport als Therapie statt Symptombekämpfung per Pille.

Dennoch ruft der Einzug von evolutionärem Gedankengut in die Medizin auch Kritiker auf den Plan. Zum Beispiel Anne Gammelgaard, Medizin-Ethikerin an der University of Kopenhagen. Gesundheit kann durch Evolution nicht definiert werden, schreibt sie. Bei der Evolution ginge es um Selektion: "Fitte" Lebewesen, die sich ihrer Umwelt am besten anpassen, geben ihre Gene weiter und setzen sich durch. In der Medizin aber sollte das Wohlbefinden des Einzelnen im Vordergrund stehen, sagt sie.

Indem die Ethikerin von "Darwin Medizin" spricht, verleiht sie ihren Worten Würze. Denn Darwin war es, der seine Erkenntnisse zur natürlichen Selektion von Tieren später auf den Menschen übertrug. 1871 schrieb er, die Natur sehe vor, dass nur die kräftigsten Individuen überleben. Wir zivilisierten Menschen aber bauten Heime für Idioten, Krüppel und Kranke, um deren Leben so lange als möglich zu erhalten.

Eigentlich wollte Darwin damit nur die menschlichen Eigenschaften hervorheben. Nun aber dienten sie als Vorlage für die Eugenik. Deren Verfechter setzten es sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum Ziel, negative Erbanlagen von Kranken oder Behinderten durch staatlich kontrollierte Fortpflanzung auszumerzen. Eine Idee, die Hitler später für die "Rassenhygiene" missbrauchte.

Gammelgaard glaubt, durch eine evolutionäre Medizin könne der Eindruck entstehen, kranke Menschen zu behandeln, sei widernatürlich. Schließlich würden so "schlechte" Gene von Generation zu Generation weitergegeben.

"Jeder Wissenschaftszweig hat seine Kritiker", entgegnet Randolph Nesse, Psychiater an der University of Michigan und Mitbegründer der aufkeimenden Fachrichtung. Selbstverständlich sei Gesundheit nicht mit evolutionärer Fitness gleichzusetzen. Es gehe darum, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen, und nicht, sie aus dem Genpool zu löschen.

Wohlstandskrankheiten

Nicht wegzudiskutieren sind die Erkenntnisse rund um die Wohlstandskrankheiten. Ganten nennt den Blutdruck. Hatte das zuständige Renin-Angiotensin-System einst die Aufgabe, den Blutdruck trotz Hitze, körperlicher Anstrengungen, Salz- und Wassermangel aufrechtzuerhalten, so ist es durch die gegenteiligen Bedingungen komplett überfordert. Zuviel Salz und zu wenig Sport führen dazu, dass jeder zweite Erwachsene hohen Blutdruck hat. Gefäße, Nieren und Herz werden geschädigt.

Oder Diabetes Typ II. Durch die übermäßige Nutzung von Autositz und Sofa steigt der Blutzuckerwert an, denn nur aktive Muskeln ziehen den Zucker aus dem Blut. In der Folge gerät der Insulinhaushalt durcheinander und nahezu alle Gefäße nehmen Schaden. Etwa zehn Millionen Bundesbürger sind betroffen. Jährlich erblinden 4000 Diabetiker, 20000 Amputationen gehen auf das Konto der Erkrankung.

"Ein Umdenken ist zwingend erforderlich.", resümiert Ganten. Recht geben ihm die Resultate einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke mit 23000 Teilnehmern. Wer sich gesund ernährte, viel bewegte, nicht rauchte und nicht übergewichtig war, senkte sein Diabetes-Risiko gegen Null. Die Gefahr eines Herzinfarktes verringerte sich um 81, die Schlaganfallrate um 50 und die Krebsrate um 36 Prozent. Detlev Ganten, Thomas Deichmann, Thilo Spahl: Die Steinzeit steckt uns in den Knochen. Piper 2009, 19,95 Euro.

Autor:  Inga Richter
Datum:  20 | 3 | 2010
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