Fachkräftemangel – dieses Wort wird man in den kommenden Jahren immer häufiger hören. Einige Branchen suchen bereits jetzt händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften und der demografische Wandel in Deutschland lässt befürchten, dass sich diese Lücken nicht mehr schließen lassen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) jedenfalls hält Deutschland in ihrem diesjährigen Bericht „Bildung auf einen Blick“ vor, das Land müsse mehr tun, um dem „sich abzeichnenden Fachkräftemangel“ entgegenzuwirken.
Die Studie, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Dienstag in Berlin vorstellte, hat den Schwerpunkt auf die berufliche Bildung gelegt. Insgesamt kommt sie für Deutschland zu einem positiven Ergebnis: „Die berufliche Bildung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt und ist ein entscheidender Faktor für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit“, so OECD-Analystin Kathrin Hoeckel. Das duale System, das Lernen im Betrieb und in der Berufsschule verbinde, sei arbeitsmarktnah und effektiv, so Hoeckel. Dass es weltweit Anerkennung finde, sei auch dem hohen Engagement der ausbildenden Unternehmen zu verdanken.
Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat sich in ihrem aktuellen Bildungsbericht vor allem die Berufsausbildung in den einzelnen OECD-Staaten angeschaut.
In Deutschland nehmen trotz erheblicher Verbesserungen in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich immer noch zu wenig junge Menschen ein Studium auf. Auch die Studienabbruchquote ist nach wie vor hoch. Zwar konnte in der Bundesrepublik der Anteil junger Menschen, die sich für ein Studium entscheiden, auf 43 Prozent gesteigert werden. In vielen anderen OECD-Staaten und wirtschaftlichen Konkurrenten Deutschlands sind dies jedoch bereits weit über 50 Prozent.
Die Berufsausbildung stehe aber auch vor einer Reihe von Herausforderungen, mahnt die Studie. Zu wenigen Schülern gelinge der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung. Vielen fehlen hierfür die grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Nahezu ein Drittel der Jugendlichen bleibt zudem in sogenannten Übergangssystemen hängen – Qualifizierungsmaßnahmen, die sie für die Berufsausbildung fit machen sollen. Nicht selten reiht sich für die Betroffenen allerdings nur eine berufsqualifizierende Maßnahme an die andere. Eine endlose Warteschleife, so Hoeckel, die teuer und ineffizient ist.
Die OECD empfiehlt deshalb, die Übergangssysteme zu koordinieren und auf ihre Kosteneffizienz zu überprüfen. Vor allem aber müsse bereits in der Schule größere Aufmerksamkeit auf die Allgemeinbildung, auf Lesen, Schreiben und Rechnen, gerichtet werden. Die bislang letzte Initiative des Bildungsministeriums, „Bildungsketten“, zielt in diese Richtung. Sie wird vom Bund mit 362 Millionen Euro gefördert und soll vor allem sogenannten „Risikoschülern“ den Übergang von der Schule ins Berufsleben erleichtern. Bei Schülern der siebten Klasse werden Potenzialanalysen erstellt und anschließend für die abschlussgefährdeten Schüler individuelle Förderpläne entwickelt. Die Initiative wird derzeit bundesweit an 1000 Hauptschulen durchgeführt.
Doch auch das duale System der Berufsausbildung ist nicht so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte. Die OECD schlägt vor, den Absolventen von Berufsschulen mehr Wege der beruflichen Weiterbildung zu eröffnen. Sie entscheide über Flexibilität und langfristige Erwerbschancen. Die Empfehlung lautet deshalb, die Leistungen an der Berufsschule dadurch aufzuwerten, dass die Abschlussprüfungen von Berufsschule und Kammer zusammengelegt werden. Zudem müsse den Absolventen einer Berufsausbildung der Zugang zu den Hoch- und Fachhochschulen erleichtert werden. Noch sind es nur 0,6 Prozent der beruflich Qualifizierten ohne Abitur, die ein Studium aufnehmen.
Die Zahl der Uni- und Fachhochschulabsolventen insgesamt ist dagegen zwischen 2000 und 2008 um mehr als ein Drittel auf jetzt 260000 im Jahr gestiegen. Das entspricht einem Anteil von jetzt 25 Prozent eines typischen Abschlussjahrgangs. Auch die Zahl der Studienanfänger nahm zu und liegt jetzt bei 43 Prozent eines Jahrgangs.
Im OECD-Mittel verlief diese Entwicklung allerdings weitaus dynamischer und auf einem höheren Niveau: Hier wuchs der Anteil der Hochqualifizierten im gleichen Zeitraum von 28 auf 38 Prozent. Deutschland bleibt in diesem Vergleich nach der Türkei, Belgien und Mexiko das Land mit der „geringsten Studierneigung“.
Sieht man dieses Ergebnis vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, wird Deutschland seinen Bedarf an Hochqualifizierten schon in nächster Zukunft nicht mehr decken können. Zwischen 1998 und 2008 stieg die Zahl der Erwerbsfähigen mit Hoch- oder Fachhochschulqualifikation jährlich um durchschnittlich 0,9 Prozent. Im OECD-Mittel um 4,6 Prozent pro Jahr. Von Vorteil ist diese Entwicklung nur für diejenigen, die bereits einen Hochschulabschluss haben. Sie verdienen im Schnitt 67 Prozent mehr als Erwerbstätige, die nur über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen.
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