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08. November 2010

Falling-Walls-Konferenz: Das HI-Virus wird ausgetrickst

 Von Anne Brüning
Bundespräsident Christian Wulff bei der "Falling Walls Conference".  Foto: dapd

Auf der Berliner Falling-Walls-Konferenz diskutieren Wissenschaftler mögliche Mauerfälle in der Forschung. So gibt es bei der Heilung von Aids neue Hoffnung.

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Normalerweise ist das ehemalige Pumpwerk am Berliner Ostbahnhof ein Ort für Künstler und Kreative. Am Montag fand dort ausnahmsweise ein wissenschaftlicher Kongress statt: die Falling Walls Conference 2010. Mehr als 600 Teilnehmer aus 75 Ländern diskutierten mögliche Mauerfälle in der Forschung. So gibt es bei der möglichen Heilung von Aids neue Hoffnung. Dank der antiretroviralen Therapie können Tausende von Infizierten inzwischen einigermaßen gut mit dem Virus leben. Eckhard Thiel von der Charité Berlin aber hat es geschafft, einen HIV-Infizierten zu heilen. Eine Knochenmarktransplantation vollbrachte das kleine medizinische Wunder. Die Transplantation war notwendig, weil Thiels Patient an Leukämie erkrankt war.

„Es standen ungewöhnlich viele passende Spender zur Verfügung und so konnten wir dem Patienten die Blutstammzellen eines Spenders übertragen, der genetisch resistent gegen Aids ist“, berichtete Thiel. Schon länger ist bekannt, dass eine Mutation im CCR5-Gen vor Aids schützt. Das Gen codiert für einen Rezeptor, ohne den HI-Viren nicht in die Körperzellen eindringen können.

Thiel und seinem Team gelang es auf diese Weise, den Patienten von der Leukämie zu heilen und von HI-Viren zu befreien. „Seit drei Jahren muss der Patient nun keine Medikamente mehr gegen die Viren mehr einnehmen“, berichtete Thiel. Allerdings blieb es bis heute bei dem Einzelfall. Denn eine Knochenmarktransplantation ist riskant. Und die Chance, passende Spender zu finden ist gering.

Dennoch setzt Thiel weiter auf die Strategie. Zu diesem Zweck arbeitet er mit Forschern des California Institute for Regenerative Medicine in San Francisco zusammen, die eine Therapie auf der Basis von Stammzellen entwickeln wollen. Ihr Ziel ist es, die Blutstammzellen des Patienten selbst zu verwenden und sie vor der Übertragung genetisch derart zu verändern, dass sie einen Schutz vor den HI-Viren bieten.

Sollte das Konzept aufgehen, böte sich erstmals die medizinische Möglichkeit, Aids zu heilen. „Wenn die Großforschungsprojekte in Kalifornien gut und sicher einsetzbare Stammzellprodukte erbringen, könnte eine solche Therapie in fünf Jahren zur Verfügung stehen“, sagte Thiel. Eine medizintechnische Neuerung stellte Yael Hanein von der Tel Aviv University in Aussicht. Sie arbeitet mit ihrem Team daran, erblindeten Menschen wieder zum Sehen zu verhelfen.

Menschen, die unter einer Netzhautdegeneration leiden, verlieren nach und nach das Augenlicht. Lange Zeit war die Medizin machtlos dagegen. Seit einigen Jahren gibt es nun Hoffnung. Forscher experimentieren erfolgreich damit, den Blinden elektronische Chips in die Netzhaut einzubauen, die optische Eindrücke über den Sehnerv in Gehirn melden. Hanein hat sich vorgenommen, diese Chips zu verbessern. „Bisher wurden für die Experimente herkömmliche Chips verwendet, wie sie auch in Computern und Handys zum Einsatz kommen“, sagte Hanein. Ihr Forschungsteam hat nun ein Material gefunden, das sich besser für den Einsatz im Auge eignet.

„Kohlenstoffnanoröhrchen sind ideal dafür“, berichtete die israelische Forscherin. Dass es gelingen könnte, die Funktion der Netzhaut ganz und gar zu imitieren, glaubt sie allerdings nicht. Hanein: „Unser Auge arbeitet zwar im Prinzip so wie ein Kamerachip, es ist aber immer noch viel besser.“

Auf welche weiteren Durchbrüche darf die Welt hoffen? Zum Beispiel auf Fortschritte bei der umstrittenen Endlagerung von Atommüll. Weltweit arbeiten Kernforscher daran, den hochradioaktiven Abfall aus Atomkraftwerken derart zu entschärfen, dass nur noch schwach oder mittelstark radioaktives Material endgelagert werden müsste.

Etwa ein Prozent des Atommülls besteht aus hochradioaktiven Isotopen wie Plutonium und sogenannten minoren Actiniden. Sie sind die Problemkinder der Kernenergie, denn sie bleiben Hunderttausende von Jahren radioaktiv.

„Mit Partitioning und Transmutation wollen wir das ändern“, sagte Joachim Knebel vom Programm Nukleare Sicherheitsforschung des Karlsruher Instituts für Technologie der Helmholtz-Gemeinschaft.

Beim Partitioning (Abtrennung) werden das Plutonium und die minoren Actiniden aus den abgebrannten Brennelementen herausgelöst. Bei der Transmutation werden sie mit hochenergetischen Neutronen beschossen und dadurch in stabile, nicht strahlende Elemente oder in kurzlebige Isotope umgewandelt.

„Die einzelnen Komponenten für diese Technologie stehen zur Verfügung, im Labormaßstab wurde das Verfahren bereits erfolgreich erprobt“, berichtete Knebel. Nun gehe es darum, eine Demonstrationsanlage zu errichten. Im belgischen Kernforschungszentrum in Mol könnte Europas erste Anlage dieser Art nun entstehen – zunächst zu wissenschaftlichen Testzwecken. „Bis die Technologie industriell verfügbar ist, wird es noch 15 bis 20 Jahre dauern“, sagte Knebel. Um das Problem der Endlagerung radioaktiven Abfalls komme man so zwar nicht herum, betonte der Forscher. Immerhin aber würde sich das Gefährdungspotenzial des hochradioaktiven Abfalls um den Faktor 1000 verringern, die Einlagerungszeiten würden weniger als 500 Jahre betragen und die Menge des endzulagernden Atommülls wäre deutlich reduziert.

Wie Knebel deutlich machte, ist die Transmutationstechnologie bedeutsam, egal ob und wann ein Land aus der Kernenergie aussteigt. Denn den radioaktiven Abfall gibt es bereits. Knebel: „Bis zum Jahr 2020 werden in Deutschland schätzungsweise 17 000 Tonnen abgebrannte Brennelemente anfallen, um die wir uns kümmern müssen.“

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