Es gibt so Fragen, bei denen es nicht wirklich überrascht, dass 13-Jährige im Unterricht plötzlich ganz mitteilsam werden. Die Frage, die Ursula Müller-Wissler an diesem Morgen um kurz nach acht stellt ist so eine: "Welche Rechte haben Kinder?"
Fatih und Mohammed, Zeynep und Sarah, alle melden sich: "Recht auf Freizeit" ruft es aus der einen, "Computerspielen dürfen" aus der anderen, "jeden Monat Taschengeld" aus der dritten Ecke. Sehr schön, sagt die Lehrerin, eine resolute Frau mit 35 Jahren Berufserfahrung - aber vielleicht gibt es ja noch andere? Sie drückt jedem in der 7b einen Zettel in die Hand, auf dem alle möglichen Rechte geschrieben stehen - vom Recht auf Frieden bis zu dem auf ein eigenes Zimmer. Erst jeder für sich, dann in Zweiergruppen sollen die Schüler entscheiden, welche beiden die wichtigsten sind und das dann vor der Klasse begründen.
Zehn Minuten dauert es, dann haben sich die meisten auf eins geeinigt, das ihnen auch die Zustimmung von Amnesty International sichern würde: "Das Recht auf Schutz vor unmenschlicher Behandlung". Warum? Fünf Mal, zwei Mal von Mädchen und dreimal von Jungen, wird das Beispiel zum Sex gezwungener Frauen genannt: "Eine Frau, die vergewaltigt wird, ist von innen zerstört", sagt eine; die anderen fügen hinzu: "Sie fühlt sich blamiert", "Sie will vielleicht nicht weiterleben", "Sie hat für immer Alpträume".
Dilan, ein schmales Mädchen mit dunklen Haaren und ganz in schwarz gekleidet, betont, dass Mädchen sich auch aktiv vor Gewalt schützen müssen und dürfen: "Ich würde lieber von zuhause abhauen als geschlagen zu werden, oder so." Die Klasse nickt. Im Anschluss werden noch ein paar weitere Formen unmenschlicher Behandlung debattiert: Mobbing und Folter und die Rekrutierung von Kindersoldaten.
Es ist eine harmonische Stunde, die die Siebtklässler des Kreuzberger Hermann-Hesse-Gymnasiums absolvieren. Man könnte meinen, das läge am Thema - andererseits war ein ganz ähnliches Thema wie das, das die 7b debattiert, der Anlass dafür, diesen Unterricht überhaupt einzuführen. Als vor fast vier Jahren die junge Deutschkurdin Hatun Sürücü an einer Berliner Bushaltestelle erschossen wurde, weil sie nach Ansicht ihrer Brüder ihren Ehemann nicht hätte verlassen dürfen, war das Verständnis nicht grenzenlos.
Entsetzt stellte ein Lehrer einer Schule in der Nähe des Hesse-Gymnasiums fest, dass ein paar Jungs die Täter besser verstanden als das Opfer: Weil Hatun Sürücü mitten in Berlin "wie eine Deutsche" gelebt habe, habe sie den Tod verdient, tönte es in seiner Klasse. Der Schulleiter machte die Bemerkung publik - und löste Taten aus. Nur ein Jahr später führte der Berliner Bildungssenat Ethik als verpflichtendes Fach von der siebten bis zur zehnten Klasse ein.
Zwei Stunden in der Woche kommen die Schüler seither landesweit zusammen, um über ihr eigenes und das Leben anderer zu debattieren, über Trennendes und Verbindendes. "Werteerziehung" heißt das im Duktus der Senatsverwaltung, oder auch gemeinsames "Nachdenken über unveränderliche Werte, die für ein friedliches und glückliches Zusammenleben in einer freien Gesellschaft konstitutive Voraussetzungen sind".
Ursula Müller-Wissler hätte den Anspruch gern ein bisschen weniger hoch gehängt. "Wertevermittlung ist ein großes Wort", sagt sie, "ein Schulfach kann so manches - aber keine Haltung verändern". Aber was kann es dann? Werte erörtern, verhandeln, abwägen und überdenken, sagt die studierte Deutsch- und Philosophielehrerin. "Ohne Thomas Hobbes oder Aristoteles zu lesen, bietet der Unterricht einen Raum, aus Sicht der Kinder existenzielle Fragen zu verhandeln: Wer bin ich? Was will ich? Was ist mir wichtig? Was ist dem anderen wichtig? Was kann Toleranz leisten? Wo hört Toleranz auf?" Bei den Menschenrechten zum Beispiel.
Die 61-Jährige, die seit mehr als drei Jahrzehnten im Kreuzberger Kiez tätig ist, sieht aber noch ein starkes Argument für das junge Fach: "Der Unterricht gibt nicht nur Schülern Raum zur Selbstreflexion. Er gibt auch uns Lehrern die Chance, unsere Schüler ein bisschen besser kennen und verstehen zu lernen." Im Falle der 7b ist das vielleicht eine größere Herausforderung als an der Berliner Durchschnittsschule: Alle Schüler sind zugewandert oder stammen aus Zuwandererfamilien.
Auch heute ist so ein Tag, an dem die Klasse von einem Mitschüler etwas erfährt. "Gibt es ein Recht auf Frieden?" fragt die Lehrerin. Mohammed, breitschultrig, erste Reihe, tönt: "Warum? Ich habe Krieg erlebt. Ich habe keine Angst." Doch nur eine Ermunterung zu erzählen und wenige Sätze später wird überdeutlich, wie wenig ernst zu nehmen ist, was der junge Libanese im Bloß-keine-Schwäche-zeigen-Alter da gerade gesagt hat. Er legt los: "Jeden Tag saßen wir zuhause und hörten Bomben fallen. Einmal hat die Armee ein Haus getroffen, das nur 20 Meter weg war. Bei uns wackelten die Gläser. Kurz danach sind wir abgehauen. Wir haben tote Menschen gesehen, unter Autos zerquetschte. Wir waren froh, als wir auf dem Schiff waren."
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