Solchermaßen vermittelte moralische Werte seien dann Verhaltensgesetze, "die einen inneren Zwang ausüben", so Becker. "Die Menschen empfinden diese Werte als ihr Eigenes." Was sie auch sind. Denn wie Becker betont, "können moralische Werte zwischen Bürgern eines Staates erheblich differieren". Zwar betont auch Becker die Bedeutung des Vorbilds, der Beispiele, die die Eltern geben. Doch warnt sie auch: "Moralentwicklung kann von außen unterstützt, aber nicht zielgerecht gesteuert werden." Das Gewissen sei das Ergebnis "einer individuellen Verarbeitung von persönlicher Erfahrung und individueller Reflexion".
Das zeigen schon die Erkenntnisse des US-Hirnforschers Antonio Damasio anhand von Patienten, die als Säugling eine Schädigung im präfrontalen Kortex, also im vorderen Stirnhirn, erlitten haben, und die deshalb nie in der Lage waren, moralisch denken zu lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Sitzt das Gewissen also über dem Auge - in eben diesem "präfrontaler Kortex" genannten Bereich des Gehirns? Wer vermag das zu sagen? Klar scheint allerdings zu sein, dass dieser Ort im Gehirn stark mit moralischen Entscheidungen verknüpft ist. Becker, die sich seit Jahren mit den Ergebnissen der Hirnforschung auseinandersetzt, macht das an drei Tatsachen fest: Verletzungen (Läsionen) des vorderen Stirnhirns in der frühen Kindheit "führen dazu, dass die Betroffenen moralisches Wissen nicht erwerben. Moralisches Verhalten ist ihnen unmöglich."
Sorgt ein Unfall bei einem Erwachsenen für eine Läsion des präfrontalen Kortex, "bleibt das moralische Wissen erhalten, es ist aber nicht mehr handlungsanleitend". Darüber hinaus hätten manche Traumata neurophysiologische Folgen, die einer Läsion gleichkämen. "Ein lädiertes Gehirn kann Folge nicht nur von Unfällen, sondern auch tragischer Erziehungserfahrungen sein." Wer selbst keine Empathie erfahren, keine einfühlsame Bezugsperson gehabt habe, der lerne selbst nie, sich in andere Menschen einzufühlen.
"Moral ist zwar nicht angeboren", folgert Becker aus diesen Erkenntnissen, "doch sie ist an Neuronen genauso gebunden wie andere geistige Fähigkeiten". Moralentwicklung könne nicht von anderen Hirnregionen übernommen werden. Bei der Frage, was daraus zu lernen sei, zuckt Becker allerdings mit den Schultern: "Die Frage, wie optimale Moralerziehung aussehen soll, kann uns die Hirnforschung nicht beantworten."
Sie gebe schon gar keine Antwort auf das Problem, wie sich die Gesellschaft gegenüber jenen verhalten solle, die keine Moral kennen, denen moralische Überlegungen egal sind. Oder gegenüber denjenigen, die zwar über Moral theoretisieren, aber nicht danach handeln können: Wenn es stimmen sollte, dass Psychopathen nicht "resozialisierbar" sind, also keine Moral und kein Gewissen mehr lernen können: Was machen wir dann mit dieser Walter zufolge nicht sehr kleinen Gruppe? Immerhin drei bis sieben Prozent der Männer und ein bis zwei Prozent der Frauen haben laut Walter eine dissoziale oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, sind also Menschen, die keine Einfühlung kennen. In Gefängnissen wachse der Anteil sogar auf mindestens 25 Prozent.
"Es gibt Hirnforscher wie Gerhard Roth, die sagen, wenn das Gewissen nicht in früher Jugend angelegt ist, kann man das nicht mehr nachholen", sagt Becker. "Andere wie der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer versichern, man könne Psychopathen auf ein moralisch angemessenes Verhalten konditionieren. Ich nehme beides zur Kenntnis." Becker ärgert sich darüber, dass Pädagogen dazu neigten, Studien, die ihrem professionellen Optimismus zuwider liefen, einfach nicht wahrzunehmen. "Der Pädagoge glaubt gern, man könne jedem Menschen zu einem guten Leben verhelfen."
Könnte sein, dass das nicht in allen Fällen möglich ist. Aber in den meisten schon: Davon ist Ladenthin überzeugt. Moral, sagt der Pädagoge, müsse der Mensch nämlich nicht lernen. "Die können wir schon. Was wir lernen müssen, sind moralisch richtige Entscheidungen." Jeder, der handele, realisiere auch Werte, schreibt Ladenthin in einem von ihm mit herausgegebenem Buch zur "Werterziehung". "Aber vielleicht kennt er nicht genügend Werte, um abwägen zu können. Schule muss die Wertevielfalt vergrößern."
Diese Moralerziehung dürfe man nicht den Eltern allein überlassen, argumentiert Ladenthin: "Eltern neigen dazu, das eigene Leben zu rechtfertigen." Die Schule ergänze diese Zufälligkeit des Lebens. Ihre Aufgabe sei es, deutlich zu machen, dass es wertvolle, schützenswerte Dinge gibt und liefere Sachargumente für moralische Entscheidungen.
Werteerziehung habe ja bei jedem Kind andere Folgen, betont Ladenthin und erzählt die Geschichte von seinem damals sechsjährigen Sohn, der sich weigerte, zur schwer erkrankten Oma zu fahren. "Nein", sagte er Ladenthin zufolge, "wir haben heute in der Schule gelernt, dass Autofahren die Umwelt zerstört." Aber Mobilität sei nun mal auch ganz wichtig, ergänzt der Pädagoge. Ein leidenschaftlicher Mountainbikefahrer habe vermutlich eine andere Einstellung zum Wald als ein späterer Förster. "Jeder lebt schließlich in einer anderen Lebenswelt." Kindern müsse die Möglichkeit gegeben werden, nachzudenken, und sich dann selbst zu entscheiden. Voraussetzung sei, dass sie die Methode des Wertens lernen. Andernfalls finde keine Erziehung mehr statt.
Noch schwieriger wird das Ganze, wenn man der Sicht des Karlsruher Pädagogen Jürgen Rekus folgt - Ladenthins Mitherausgeber beim Werterziehungsbuch. Dieser hat als Problem der Zeit ausgemacht, "dass in unserer offenen Gesellschaft kaum eine einheitliche Wertauffassung auszumachen ist". Dieser gesellschaftliche Pluralismus spiegele sich manchmal auch innerhalb einer Person: "Man ist heute für eine Sache, morgen ist man dagegen, oft ist es einem egal. Zur mangelnden Urteilsfähigkeit gesellt sich dann mangelnde Entscheidungskompetenz." Statt weiterer Wertangebote benötigten Kinder und Jugendliche "Hilfe zum begründeten eigenständigen Werten- und Entscheiden-Lernen". Die Frage ist, wie?
Ist es das, was vielleicht ein Drittel der 30 Personen im Bonner Tagungsraum bei der Abstimmung zum Zug-Dilemma dazu veranlasste, gar nicht den Finger zu heben? Sie konnten sich nicht entscheiden? "Kann sein, dass sie noch nachdachten", räumt Henrik Walter ein und gibt damit der Möglichkeit Raum, dass eben doch nicht jeder aus dem Bauch heraus entscheidet. Das Abwägen von Prinzipien kann nun mal einen Moment dauern. Den man im konkreten Fall vielleicht nicht hätte. Doch wie die theoretischen Weichensteller und Nicht-Weichensteller tatsächlich handeln würden, erfährt man ohnehin erst auf dem Gleis.
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