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FR-Serie: Werte (3): Gewissen am Scheideweg

Experten streiten darüber, ob moralisches Denken angeboren ist - viele Pädagogen versichern: auf keinen Fall.

Forscher rätseln, ob wir Entscheidungen aufgrund von Überzeugungen oder aus dem Bauch heraus treffen.
Forscher rätseln, ob wir Entscheidungen aufgrund von Überzeugungen oder aus dem Bauch heraus treffen.
Foto: ap

Die Leute regen sich immer gleich maßlos auf. Henrik Walter kennt das schon. Zügig fasst der Hirnforscher von der Uni Bonn das aus der psychologischen Forschung bekannte Dilemma des führerlosen Zuges zusammen, und schon ist im lichtdurchfluteten Tagungsraum in der Evangelischen Akademie im Rheinland keiner mehr zu halten: Jeder hat eine Meinung. Aber kann er sie auch begründen?

Das Dilemma geht so: Ein führerloser Zug rast auf eine Gruppe von fünf Personen zu, die ahnungslos auf dem Gleis steht. Eine unbeteiligte Person hat die Möglichkeit, die Weiche umzustellen. Der Zug wechselt dann auf ein anderes Gleis. Doch auch dort steht eine Person im Weg: Was ist die moralisch richtige Entscheidung? Opfert man die unschuldige Einzelperson für die ebenfalls unschuldige Gruppe? "Selbstverständlich", argumentiert ein älterer Herr mit lichtem Haupthaar. "Auf keinen Fall", widerspricht ein anderer mit Bart: "Das ist doch dieselbe Situation wie bei Terrorflugzeugen: Man kann Menschenleben nicht gegeneinander aufrechnen." Eine zierliche ältere Dame ruft verhalten in den Raum: "Ich würde vielleicht rufen, und die Leute warnen." Eine andere weist darauf hin, es komme darauf an, ob die Personen Kinder sind oder Erwachsene. Kopfschütteln beim Herrn mit den Terrorflugzeugen. Bei der Abstimmung, an der sich allerdings nicht alle beteiligen, ist die Mehrheit dann doch für das Menschenopfer: einer statt fünfen.

Henrik Walter lächelt fein. "In Ordnung. Und wie würden Sie entscheiden, wenn Sie auf einer Brücke stehen, neben Ihnen ein sehr dicker Mann: Sie können die fünf Menschen nur retten, indem Sie den dicken Mann von der Brücke vor den Zug stoßen." Empörung brandet auf unter den sonst so gesitteten Bonner Tagungsteilnehmern. "Unmöglich", "geht gar nicht", "das ist etwas ganz anderes", schallt es dem nun noch feiner lächelnden Walter entgegen.

Dem Medizinpsychologen geht es gar nicht darum, zu welchem Ergebnis seine Zuhörer kommen. Mit dem kleinen Experiment will er klar machen, "dass unsere moralischen Entscheidungen nicht das Ergebnis gründlicher Überlegungen aufgrund moralischer Prinzipien sind. Vielmehr entschieden die meisten Menschen sehr spontan, ob sie etwas richtig oder falsch finden: ,Das geht!', ,Das geht nicht!' Und sie versuchen dann, im Nachhinein eine Begründung zu finden."

Das Beispiel dient Walter als Argument gegen die Moralphilosophie, "die immer behauptet, wir handelten nach höchsten Prinzipien. Das stimmt leider nicht. Wir fällen - ohne zu zögern - moralische Urteile. Und beim Nachfragen verstricken wir uns in Widersprüche." Denn natürlich gelte für die einzelne Person auf dem Ausweichgleis das gleiche Prinzip wie für den dicken Mann.

Da hebt der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin nicht nur den Finger, sondern den ganzen Arm: "Entscheidungen aus dem Bauch sind keine moralischen Entscheidungen", sagt er im Gespräch mit der FR. Er halte es für einen "naturalistischen Fehlschluss, wollte man aus mechanischen Abläufen Handlungsregeln für moralisches Verhalten ableiten: Der Körper sagt nicht, was moralisch ist und was nicht."

Doch der Bauch trifft in vielen Fällen schnell eine Entscheidung, sei sie moralisch oder nicht. Warum sich die Mehrheit beim Zug-Dilemma so entscheidet, wie sie das tut? Walter nennt zwei Theorien. Eine moralisch aufgeladene Situation rufe automatisch eine intuitive Bewertung auf der Gefühlsebene hervor, die sich durch Argumente kaum mehr beeinflussen lasse. Der Verstand spiele bei moralischen Entscheidungen nur eine Nebenrolle, das vertrete Jonathan Haidt, Psychologe der University of Virginia.

Dem widerspreche der Harvard-Professor und Psychologe Marc Hauser entschieden. Seine Theorie: Das Hirn wäge automatisch die direkten oder indirekten Absichten einer Entscheidung ab: "Wenn jemand etwas tut, um jemand anderen zu schädigen (ihn runterzustoßen), empfinden wir das als nicht akzeptabel", erläutert Walter. Einen Kollateralschaden wie beim Ausweichgleis, als voraussehbare Konsequenz einer Tat, die Menschenleben retten soll, akzeptierten wir eher.

"Ich bin mir nicht sicher, wer Recht hat", sagt Walter, dem die Dilemmata Beweis dafür sind, "dass wir Werte und Normen durch Beispiele, Vorbilder oder Märchen lernen, nicht durch Predigten." Diese moralische Prägung sei so stark, dass das Gehirn von allein reagiere: "So wie das Kind spricht, ohne die Grammatik zu kennen."

Die These Hausers, jeder Mensch werde analog zum Sprachinstinkt mit einer Art moralischen Grammatik geboren, nennt Walter "ein bisschen stark". Und doch sei die Fähigkeit angeboren, Moral zu entwickeln. Um moralische Urteile fällen zu können, brauche das Kleinkind aber Anleitung, Beispiele, Vorbilder.

Das sieht auch die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker von der Uni Tübingen so. Moralentwicklung bezeichne einen Prozess, in dem Kinder lernen, moralische Regeln zu erkennen und danach zu handeln. "Das läuft aber nicht so, dass die Kinder Regeln mitgeteilt bekommen und sie auswendig lernen, sondern durch ein implizites Regelwissen, das das Kind durch Vorleben lernt."

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Autor:  FRAUKE HAß
Datum:  7 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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