Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Zweihundert Männer und Frauen haben sich vom Fußboden erhoben. Regungslos stehen sie da; die Hände vor der Brust gefaltet, den Kopf gesenkt. Minutenlang. So lange dauert es, bis der Mönch, der wie jeden Morgen pünktlich um acht durch einen Seiteneingang herein kommt, an seinem Platz sitzt.
In und nach jedem Schritt hält der kleine Mann kurz inne, bevor er den nächsten Fuß vor den anderen setzt. Schließlich lässt er sich in einer ebenso fließenden wie langsamen Bewegung im Lotussitz nieder. Fast flüsternd und ohne Zuhilfenahme jedweder rhetorischen Mittel fängt der in seiner weiten braunen Kutte fast zerbrechlich wirkende alte Mann zu sprechen an.
Die viertgrößte Religion der Erde entstand in Indien. Sie geht zurück auf die Lehren des Siddhartha Gautama, der auch als "historischer Buddha" bezeichnet wird.
Laut Legende reiste Siddharta und erlebte erstmals, wie die Menschen unter Krankheiten und Tod litten. Er fand die Erlösung in einem spirituellen Weg zu Harmonie und Glück.
Nach der Lehre des Buddha ist jeder selbst für sein Leben verantwortlich und kann sich selbst erlösen, wenn er der Weisheit Buddhas folgt.
Von einer kurzen Pause unterbrochen, wird er das den ganzen Vormittag tun - und nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die etwa 50 Kinder bringen es fertig, schweigend sitzen zu bleiben und zu lauschen. Bis sie sich schließlich in demselben Tempo, in dem der Meister es vorgemacht hat, von ihren Sitzkissen erheben.
Bis zu einer Viertelstunde dauert es, bis jeder in gebührender Langsamkeit den Raum verlassen hat. Es gibt vieles, was es hier nicht gibt - das Offensichtlichste aber ist die völlige Abwesenheit von Eile, oder auch nur: einer Geschwindigkeit, die man von zu Hause kennt.
Einer der meist verehrten Zen-Meister der westlichen Welt
Man könnte es dem zufälligen Besucher - den es allerdings kaum gibt - nicht verdenken, wenn er sich in eine Sekte verirrt fühlte. Nicht in Vietnam oder Tibet, sondern rund 150 Kilometer östlich von Bordeaux lebt der alte Mann mit seiner Gemeinde, und schon am Eingang erwartet den Besucher ein Schild mit der etwas irritierenden Aufschrift: "I have arrived. I am home."
Das ganze Areal trägt den Namen "Plum Village" (Pflaumendorf) - was schlicht damit zu tun hat, dass sich über das mehrere Quadratkilometer große Gelände riesige Areale von Pflaumenbäumen erstrecken.
Tatsächlich ist Plum Village ein buddhistisches Kloster, das im Sommer, Herbst und Winter jeweils für mehrere Wochen Besuchern seine Tore öffnet. Die kommen in Scharen, um IHN zu treffen: Thich Nhat Hanh einen der meist verehrten Zen-Meister der westlichen Welt.
Seit seiner Ausweisung aus Vietnam zu Zeiten des Krieges und nach einem Zwischenstopp in den USA begrüßt Thich Nhat Hanh seine Anhänger in Frankreich, auf einem abgelegenen Gutshof, auf dem es anders als bei Osho im indischen Pune weder Tennisplätze noch sonstige Ablenkungen gibt; kein Café, kein Restaurant, nicht einmal ein Volleyballnetz. Das einzige, was man hier tun kann: sich auf den Weg zu einem achtsamen Leben machen.
Achtsam, das heißt in etwa so viel wie bewusst, ausgerichtet auf den Moment. Wer geht, lehrt Thich Nhat Hanh, soll sich des Gehens bewusst sein, wer isst, des Essens - schließlich stecke in jedem Reiskorn die Arbeit eines armen Bauern, der den Reis an irgendeinem Ort der Welt geerntet habe.
Visuelle Stopp-Schilder
Einer der obersten Leitsätze, den der vietnamesische Mönch predigt, lautet: "Echtes Leben gibt es nur im Hier und Jetzt." Ein zweiter: "Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da, tu etwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas, sondern sitz einfach nur da."
Und so verbringen die Besucher, die außerhalb ihrer Ferien in Deutschland, Frankreich oder den USA einem ganz normalen Beruf nachgehen, ihre Tage in einem ungewohnten Modus. Stundenlang üben sie, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Oder einfach nur dazusitzen und an nichts zu denken.
Mehrmals am Tag wird das wenige, was sie tun, vom Gong einer Glocke unterbrochen. Auf dem gesamten Gelände halten urlaubende wie ganzjährige Buddhisten dann auch noch inne in den minimalen Bewegungen, die sie sich erlauben. Erstarren in dem Moment, um ihn noch bewusster zu erleben.
Diese regelmäßige Unterbrechung ist eine Übung, die die meisten hier auch zu Hause in ihren Alltag eingebaut haben: Mit Hilfe eines Weckers, einer Kuckucksuhr oder auch eines Bildschirmschoners - immer wieder lassen sie ihren Tagesablauf von akustischen oder visuellen Stopp-Schildern unterbrechen.
Zeit ist Vergänglichkeit
Die Entdeckung der Langsamkeit ist wohl einer der wesentlichen Gründe für die immense Attraktivität der buddhistischen Lehre im Westen. Wer jahrelang nach dem Motto "Schneller, höher, weiter" lebte, für den wird das Besinnen auf den Moment zu einem erstrebenswerten Ziel. Wer, wie hier in Plum Village, endlich das Gefühl hat, der Zeit nicht mehr hinterher zu rennen, stellt plötzlich fest: Je weniger man sich vornimmt, desto weniger läuft einem die Zeit davon.
Zeitgefühl, nichts lernt man hier so schnell wie das, hängt eben immer davon ab, was in der Zeit geschieht. Und: Dass auch Meditation für viele eigentlich nichts anderes ist als der Versuch, der Zeit nicht nachzujagen, sondern sie gleichsam einzufangen.
Nun wurde der Buddhismus nicht für gestresste Managertypen im Westen entwickelt. Aber auch die ihm zu Grunde liegende Idee ist von einem veränderten Zeitgefühl geprägt: Zeit ist Vergänglichkeit, Vergänglichkeit die Grundlage allen menschlichen Leidens, der Ausweg aus dem Leiden die Meditation: das Aufhalten in Augenblicken jenseits der Zeit.
In der Meditation wird Achtsamkeit und Mitgefühl entwickelt, wird Begehren durch Demut ersetzt - und nur wer das perfekt beherrscht, hat eine Chance, den ewigen Kreislauf der Wiedergeburten eines Tages zu verlassen. Auch das wörtlich zu verstehende buddhistische "Waldfegen" - Laub von einer Seite zur anderen zu kehren - demonstriert einen interessanten Umgang mit der Zeit, während der Großteil der westlichen Welt eine solche Tätigkeit für völlig sinnlos hält.
Wer das exilvietnamesische Kloster im Süden Frankreichs verlässt, bekommt übrigens gleich die nächste Lektion in Sachen Zeitgefühl erteilt. Wie entschleunigt war einem der Wochenmarkt in der kleinen Stadt vorgekommen, in der der Zug von Bordeaux gehalten hatte! Nach zwei Wochen Schneckentempo unter Pflaumenbäumen erscheint derselbe Markt als totale Überforderung: höllenlaut und hektisch, eine einzige Belästigung.
Jede Marktfrau scheint sich in einem unfassbar übereilten Tempo zu bewegen; das Läuten der Kirchenglocken wirft einen vollends aus dem Konzept: Mitten auf dem Marktplatz bleibt man stehen, mitten in der Bewegung, hält inne, stutzt. Erst nach und nach hält das alte Leben wieder Einzug.
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