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Diplomarbeit: Frankfurter Studenten ganz schön elitär

Zwei angehende Soziologen haben untersucht, wie sich die Studienbedingungen durch die Umstellung auf Bachelor und Master verändert haben - und nebenbei Überraschendes entdeckt.

Auch mancher Student vertritt einen elitären Standpunkt.
Auch mancher Student vertritt einen elitären Standpunkt.
Foto: picture-alliance / KPA/Hardt, O

Ein ordentliches Poloshirt kann verdammt wichtig werden. Erwiesenermaßen in Kombination mit einer frischen Rasur und dann, wenn man 500 Frankfurter Studenten dazu bringen will, einen Fragebogen auszufüllen. Das zumindest ist die eine, die praktische Erkenntnis, die Florian Sommerfeld, bis vor Kurzem selbst an der Goethe-Uni eingeschrieben, aus seiner Diplomarbeit ziehen konnte. Die andere und aus wissenschaftlicher Sicht gewichtigere: Die elitäre Denke vieler Kommilitonen, nach der nicht jeder, der eine Frage hat, automatisch Beachtung verdient, zeigt sich nicht allein in Modefragen.

Der 28-Jährige hat in Frankfurt Soziologie studiert. Mit seinem Kommilitonen Markus Damm fand er in der Zeit des Protests – zuerst gegen die Studiengebühren, die dann in Hessen wieder abgeschafft wurden, dann gegen schlechte Studienbedingungen – das Thema für die gemeinsame Abschlussarbeit. Die beiden gingen darin grundlegenden Fragen nach. Zunächst: Sind die Bedingungen für ein Studium tatsächlich seit der Umstellung auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master mieser geworden, wie es die Demonstranten behaupteten? Und wenn ja: Wie wirken sich diese Umstände auf die politische Haltung der Studierenden aus, wenn ihnen die Reform vielleicht gar nicht mehr die Zeit lässt, über den eigenen fachlichen Horizont zu blicken?

Es galt viele zu überzeugen

Um mit repräsentativen Ergebnisse aufwarten zu können, peilten Damm und Sommerfeld die Befragung von 1,5 Prozent aller Studierenden aus jedem Fachbereich an, das sind in absoluten Zahlen exakt 504. So viele galt es zu überzeugen, sich rund eine Viertelstunde für einen Fragebogen Zeit zu nehmen. Nicht alle waren kooperativ, zumindest nicht sofort.

Damm und Sommerfeld postierten sich auf den verschiedenen Campi der Uni, starteten zuweilen mehrere Befragungsversuche – auch in wechselnden Outfits. „Einmal wartete Markus in kurzen Hosen, mit Dreitagebart und verwuschelten Haaren. Nach sechs Stunden hatte er immer noch nicht einen ausgefüllten Fragebogen“, erzählt Sommerfeld. Er selbst unternahm einen zweiten Anlauf und tat diesmal alles, um nur nicht so auszusehen, als sei er gerade erst aufgestanden. Und siehe da: Mit blauem Poloshirt, Trenchcoat und weniger Bart füllten sich auch die Bögen.

Nicht alle Ergebnisse ihrer Arbeit überraschen – führen aber eine vieldiskutierte Schieflage im deutschen Bildungssystem noch einmal plakativ vor Augen: Ob sie überhaupt ein Studium aufnehmen und wie sorgenfrei sie dieses dann erleben können, hängt auch im Fall der Frankfurter Studierenden stark am Einkommen der Eltern. Über drei Viertel werden nach eigenen Angaben finanziell von der Familie unterstützt, fast die Hälfte bestreitet auf diesem Weg den größten Batzen beim Lebensunterhalt.

Dem Druck, sich das Studium selbst finanzieren zu müssen, sind laut Studie vor allem Kinder ausgesetzt, deren Väter der Arbeiterklasse angehören (61 Prozent) – sowie jene, deren Familien ein niedrigeres Bildungsniveau und einen Migrationshintergrund mitbringen. Bafög und Stipendien nehmen sich als alternative Finanzquellen laut Studie nur marginal aus.

So überrascht es auch nicht, dass sich letztlich wohl auch viele, deren Situation weniger privilegiert ist, gegen ein Studium entscheiden: Nicht einmal jeder zehnte Befragte gab an, ein Arbeiterkind zu sein. Jene von ihnen, die dennoch ein Studium aufnehmen, jobben nicht selten mehr als 14 Stunden in der Woche.

Kaum zeit zum Jobben

Verschärfend kommt laut Sommerfeld und Damm hinzu, dass gerade denen, die auf eine Nebentätigkeit angewiesen sind, das neue Bachelorstudium mit seiner Menge an Pflichtveranstaltungen immer weniger Zeit zum Jobben lässt. Staatsexamenskandidaten und Bachelorstudierende klagen weit häufiger als ihre Kommilitonen in den alten Diplom- und Magisterstudiengängen darüber, kaum die Möglichkeit zu haben, sich wissenschaftliche Probleme außerhalb des Hörsaals zu erarbeiten. Für sozial Schwächere, schließen die Autoren, käme ein Studium künftig so nur noch in Frage, wenn sie sich über Kredite finanzierten und verschuldeten.

Um schließlich herauszufinden, wie es angesichts eines so engmaschigen Studiums um die politische Bildung der Studierenden bestellt ist, befragten Damm und Sommerfeld ihre Kommilitonen auch nach deren Demokratieverständnis. Beruhigend: An dem Grundpfeiler, dass Deutschland als Demokratie im Wesentlichen gut funktioniert, hatten mehr als zwei Drittel nichts zu rütteln.

Nur: Haben sie das Prinzip Demokratie auch richtig verinnerlicht? Gefragt danach, ob nicht einigen Mitgliedern der Gesellschaft ein größeres Mitspracherecht einzuräumen sei, so wie dies etwa 2008 der Ex-Vorsitzende des konservativen Studentenverbands RCDS, Gottfried Ludewig, mit einem doppelten Wahlrecht für Leistungsträger gefordert hatte, stimmten erstaunlich viele zu: rund 40 Prozent. „Dass so viele ein solch elitäres Verständnis von Demokratie haben, hat mich erschüttert“, sagt Sommerfeld.

Und dabei, so nimmt er aus einzelnen Gesprächen mit, sähen sich viele selbst als Teil dieser Elite, der ein größerer politischer Einfluss gebühre. Sommerfeld erklärt sich das so: „Offenbar gibt es unter den Studenten die Tendenz, sich nur noch auf das eigene Fachwissen zu konzentrieren. Das sorgt dann dafür, dass viele nicht mehr so politisch gebildet sind.“

Autor:  Yvonne Globert
Datum:  21 | 4 | 2011
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