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10. August 2012

Gähnende Affen: Der Affen-Chef reißt das Maul auf

 Von Kerstin Viering
Was der Vorsitzende tut, hat viele Nachahmer. dpa/Rainer Jensen Foto: dpa/dpaweb

Lange galt der Mensch als einzige Art, bei der das Gähnen an andere übertragen wird. Nun zeigt sich dieser Effekt auch bei verschiedenen Affenarten. Dies zeigt ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen der Tiere. Anders als bei Menschen wirkt aber besonders das Gähnen des Männchens ansteckend.

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Lange galt der Mensch als einzige Art, bei der das Gähnen an andere übertragen wird. Nun zeigt sich dieser Effekt auch bei verschiedenen Affenarten. Dies zeigt ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen der Tiere. Anders als bei Menschen wirkt aber besonders das Gähnen des Männchens ansteckend.

Widerstand ist zwecklos. Nach ein paar Sekunden vergeblichen Kämpfens öffnet sich der Mund wie von selbst und man macht das, was man gerade bei seinem Nachbarn gesehen hat: herzhaft gähnen. Nur wenige andere Verhaltensweisen motivieren Menschen so sehr zum Mitmachen wie dieses. Nicht einmal Lächeln wirkt ähnlich ansteckend. Und zwar egal, ob der Vor-Gähner ein Mann oder eine Frau ist.

Das allerdings scheinen unsere nächsten Verwandten anders zu sehen, berichten Jorg Massen von der Universität im niederländischen Utrecht und seine Kollegen im Fachjournal Plos One. Schimpansen lassen sich demnach lieber von Männchen als von Weibchen zum kollektiven Maulaufreißen anregen.

Zeichen des Einfühlungsvermögen

Lange hatte der Mensch als einzige Art gegolten, bei der dieser typische Ausdruck von Müdigkeit von einem Gesicht zum nächsten springt. In den letzten Jahren aber haben Forscher den Effekt auch bei verschiedenen Affenarten wie Blutbrust-Pavianen und Schimpansen beobachtet. Hunde scheinen sich mitunter sogar von gähnenden Menschen mitreißen zu lassen. Hinter diesem Verhalten steckt nach Ansicht vieler Wissenschaftler ein besonderes Talent: Wer das Gähnen eines anderen übernimmt, muss sich in dessen Gefühlslage hineinversetzen können. Er zeigt also zumindest eine einfache Form von Einfühlungsvermögen.

Beim Menschen scheint dieser Zusammenhang relativ klar zu sein. Patienten, die unter Schizophrenie oder Autismus leiden und sich deswegen nur schwer in andere hineinversetzen können, übernehmen zum Beispiel auch seltener das Gähnen ihres Gegenübers. Und es gibt noch mehr Indizien. So hat ein italienisches Forscherteam an mehr als hundert Erwachsenen in verschiedenen Erdteilen beobachtet, wie ansteckend deren Gähnen auf ihre Umgebung wirkte. Demnach überträgt sich das Verhalten umso besser, je enger die Beziehung zwischen zwei Menschen ist. Dem Gähnen von Verwandten oder guten Freunden können die meisten Menschen kaum widerstehen. Ähnliche Effekte haben Wissenschaftler auch bei Tieren gefunden. Hunde übernehmen zum Beispiel eher das Gähnen ihrer Besitzer als das von unbekannten Menschen. Blutbrust-Paviane ahmen mit Vorliebe diejenigen Artgenossen nach, denen sie auch häufig das Fell pflegen. Und auch Schimpansen scheinen sich lieber von engen Bekannten inspirieren zu lassen.

Diesen Effekt kann die neue Studie nun allerdings nicht bestätigen. Jorg Massen und seine Kollegen haben einer Gruppe von 15 erwachsenen Schimpansen im Zoo der niederländischen Stadt Arnheim Videos ihrer gähnenden Mitbewohner vorgespielt und die Reaktionen aller Tiere beobachtet. Von Verwandten oder engen Freunden ließen sich die Affen dabei nicht häufiger zum Mitgähnen anstacheln als von anderen Artgenossen. Nach Ansicht der Forscher könnte das daran liegen, dass sich alle Mitglieder dieser relativ kleinen Schimpansen-Gesellschaft ohnehin ziemlich nahe stehen. Entfernte Bekannte, auf die man nicht so recht reagieren will, gibt es einfach nicht.

Verhalten aufeinander abstimmen

Dafür aber kam in dem Versuch ein anderer Unterschied zutage. Während bei Menschen das Gähnen beider Geschlechter gleich ansteckend zu wirken scheint, reagierten die Schimpansen viel stärker auf männliche Vorbilder. Auch dafür haben die Wissenschaftler eine Erklärung. Es geht dabei offenbar um Macht. So haben in Schimpansen-Kreisen eindeutig die Männchen das Sagen. Sie entscheiden darüber, ob die Gruppe noch weiter wandert oder Feierabend macht und sich für die Nacht einrichtet. Die Signale solcher einflussreichen Tiere sind für ihre Gefährten wahrscheinlich wichtiger als die der eher machtlosen Weibchen – deshalb werden sie womöglich eher übernommen.

Wenn diese Theorie stimmt, liefert sie auch einen Hinweis darauf, wozu kollektive Gähn-Anfälle überhaupt gut sind. Möglicherweise helfen sie, das Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder besser aufeinander abzustimmen. Wenn alle Schimpansen nach einer Ruhepause erst einmal kräftig gegähnt haben, fällt ihnen der gemeinsame Aufbruch womöglich ein bisschen leichter. Das ist bisher allerdings nur eine Vermutung.

Weshalb Gähnen auf Menschen und Tiere ansteckend wirkt, weiß bisher noch niemand so genau. Klar ist nur: es funktioniert. Beim Menschen sogar ohne mundaufreißendes Gegenüber. Wer beim Überfliegen dieses Artikels ein paar Mal kräftig gähnen musste, dürfte in guter Gesellschaft sein. Und das muss nichts mit der Qualität des Textes zu tun haben. Über das Thema zu lesen, genügt häufig schon.

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