Als die 16-jährige Sabine nach den großen Ferien ins Schuljahr 2008/09 startet, kommt mit den neuen Schulbüchern schon die erste Ernüchterung. Ihr Erdkundebuch für Klasse elf bietet auf den ersten Blick zwar interessante Informationen: durchschnittliches Einkommen in verschiedenen Branchen, Entwicklung der Verkehrsdichte in Deutschland, Müllaufkommen in Haushalt und Gewerbe. Im Kleingedruckten dann die Enttäuschung: Die Daten im Buch stammen aus den Jahren 1989 und 1990 - damals war Sabine noch gar nicht geboren.
Wie ernst sollen Schülerinnen und Schüler das Bemühen der Schule um ihre Bildung nehmen, wenn ihr Interesse mit veralteten Daten und Materialien abgespeist wird? In Deutschland, das ja demnächst Bildungsrepublik werden soll, knausern Länder und Kommunen, wenn es um die Anschaffung von Schulbüchern geht. Gerade einmal 18,60 Euro brachte die öffentliche Hand 2007 durchschnittlich pro Schüler dafür auf. Das reicht kaum, um verschlissene Exemplare zu ersetzen. Für die Beschaffung aktueller Bücher ist fast nichts übrig.
Joachim Kahlert lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) Grundschulpädagogik und-didaktik.
Die Konferenz "Das Schulbuch: politisch überschätzt, pädagogisch unterschätzt, wissenschaftlich vernachlässigt?", veranstaltet Kahlert mit. Sie findet am Montag, 29. September, und am Dienstag, 30. September, im Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig (GEI) statt. Veranstalter sind neben LMU und GEI die Technische Universität Dresden, unterstützt vom VdS Bildungsmedien.
So bleiben Fremdsprachen-Bücher mit angestaubten Bilder über Land und Leute im Umlauf, naturwissenschaftliche Schulbücher, die gerade einmal dem zehn oder gar 20 Jahre zurückliegenden Erkenntnisstand gerecht werden.
Dabei lässt sich der Nutzen von Schulbüchern mit aktuellen Informationen, aufbereitet nach dem neuesten Stand pädagogischer und lernpsychologischer Erkenntnisse, nicht bestreiten. Sie unterstützen Lehrkräfte, indem sie große Wissensgebiete strukturieren, Informationen, Aufgaben und Anschauungsmaterial liefern und Ideen für die Gestaltung des Unterrichts geben. Schülerinnen und Schüler können mit ihnen Stoff nacharbeiten, Eltern sich darüber informieren, was ihre Kinder im Unterricht lernen sollen.
Schließlich bringen Schulbücher auch das kulturelle Selbstverständnis zum Ausdruck. Sie halten in der schnelllebigen und unübersichtlich erscheinenden Welt fest, was zu wissen lohnt und welche grundlegenden Wertorientierungen gelten sollen.
Zu Recht wurde das Schulbuch daher einst vom Deutschen Bildungsrat als "geheime Großmacht der Schule" bezeichnet. Völlig unverständlich, wie wenig die öffentliche Hand zu geben bereit ist, um der nachwachsenden Generation das zu bieten, was sich gehört: erstklassige Qualität, möglichst aktuelle Informationen, nach bestem pädagogischem und fachlichem Wissen aufbereitet.
Leider ist auch an Hochschulen und Universitäten das Engagement für Schulbücher kläglich. Verlage finden kaum mehr Universitätsangehörige, die an Schulbüchern mitwirken und sich der Herausforderung stellen, einen pädagogisch anspruchsvollen Mix aus Informationen, Veranschaulichungen, Aufgaben und Übungen auszuarbeiten.
Diese gar nicht vornehme Zurückhaltung wird noch gefördert von einem kleinmütigen und engstirnigen Katalog von Leistungskriterien, mit denen heute Wissenschaftler an Universitäten bewertet werden. Eingeworbene Drittmittel und die Anzahl von Publikationen in hochspezialisierten Zeitschriften gelten dabei viel, die Mitwirkung an Schulbüchern gar nichts. Wer trotzdem an Schulbüchern mitarbeitet, muss sich dafür rechtfertigen. Aber wer hunderttausende von Euro für pädagogische Forschungen ausgeben kann, steht universitätsintern gut da.
Ob Lehrer und Schüler in absehbarer Zeit oder überhaupt jemals etwas vom Erkenntnisfortschritt haben werden, spielt dabei keine Rolle. Die nächste kunstreich konstruierte Forschungslücke wartet schon, wer mag sich da schon mit Schulbüchern aufhalten?
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