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Gastbeitrag: Auf der Überholspur

Die Jugendzeit ist ein knappes Gut; in ihr soll schnörkellos gelernt werden. Von Benno Hafeneger

Der Weg in die eigene  Zukunft muss nicht immer gerade sein.
Der Weg in die eigene Zukunft muss nicht immer gerade sein.
Foto: rtr

Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft und im Zeitstress. Man mag über solche großen und verallgemeinernden Attribute und Zustandsbeschreibungen streiten. Aber zahlreiche Indizien belegen solche Trends, von denen niemand ausgenommen ist. Davon betroffen sind aber vor allem das Bildungssystem und die junge Generation.

In den letzten Jahren sind deren gesamte Lern- und Bildungszeit zu einer Test- und Konkurrenzzeit geworden. Ständig wird in der Schule mit Pisa, Iglu und Timms bewertet und getestet, verglichen und standardisiert. Entwicklungen wie die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit, das sechssemestrige verschulte Bachelorstudium mit seinen Akkreditierungen und Evaluationen sowie der Lerndruck bei den Kleinkindern verändern und ökonomisieren die Lern- und Bildungswelt.

Schuld am eigenen Scheitern

Beim Berufseinstieg gerät die gymnasiale und akademische Jugend dann erneut unter das Diktat der Zeit. Die jungen Leute müssen möglichst exzellente Abschlüsse in der Regelstudienzeit schaffen und gleichzeitig Praktika und Auslandsaufenthalte vorweisen.

Jugendlichen aus dem unteren sozialen Drittel, die von Pisa das Etikett "Risikogruppe" bekamen, wirft man vor, nicht ausbildungsreif zu sein. Man fordert sie auf, sich mehr anzustrengen. Wenn sie dennoch ganz aus der Gesellschaft rausfallen und ihre Zukunft aufs Spiel setzen wollen, seien sie selbst schuld daran.

Die Argumentation ist ökonomisch stimuliert und gesellschaftlich gerahmt von der demografischen Entwicklung, der wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands im globalen Wettbewerb und der effizienten Verwendung angeblich knapper Ressourcen. Die wiederholt angebotenen marktzentrierten Stichworte und Appelle sind, dass wir schneller und effizienter, besser und billiger werden müssen, wenn wir in der Konkurrenz bestehen und auf dem Weltmarkt mithalten wollen.

Alle diese Tendenzen generieren eine neue Lernrealität und ein neues Jugendbild, mit denen die Gesellschaft "ihre" Jugend auf die Zukunft vorbereitet.

Danach ist die Jugendzeit ein knappes Gut und in ihr soll schnörkellos gelernt und vorbereitet werden; keine Zeit darf verloren gehen, verschwendet und kein Umweg gemacht werden. Es gilt nicht nach rechts und links zu sehen, sondern auf der Überholspur zu bleiben, der Erste zu sein und die Zeit im Wettbewerb zu nutzen.

Damit soll die Jugend nach der Schule, der Ausbildung und dem Studium - so das Versprechen - möglichst schnell in die Arbeitswelt einmünden, um die Akademikerquote zu erfüllen und die Facharbeiterlücke zu schließen.

Bei diesem Druck geht der jungen Generation vor lauter Zukunft und Beschleunigung ihre Gegenwart, ihr Hier und Jetzt, verloren. Es erodiert das traditionelle Moratorium, das gesellschaftlich lange Zeit zugestandene Eigenleben und der eigene Sinn der Jugendphase. Diese wurde immer auch als Zeit verstanden, in der man sich ausprobieren und testen, Umwege gehen und sich selbst bilden kann - um seiner eigenen Entwicklung willen auch Zeit "vergeuden" kann.

Ob die junge Generation auf Dauer bereit ist, das neue Jugendbild zu akzeptieren und den Beschleunigungs- und Realitätsdruck mitzumachen, oder ob sie sich auch mit politischen Protestformen verweigert, das ist offen.

Klar ist jedoch schon jetzt, dass das Belohnungsversprechen der erfolgreichen ökonomisch-sozialen Integration in die Gesellschaft für viele Jugendliche brüchig ist und mit Enttäuschungen verbunden bleibt. Oftmals folgen einer verdichteten, gestressten und damit nicht gelebten Jugendzeit nur prekäre Verhältnisse: Ungewissheiten und unsichere Zukunft statt Karriere.

Benno Hafeneger ist Professor für

außerschulische Jugendbildung am

Institut für Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Autor:  BENNO HAFENEGER
Datum:  16 | 2 | 2009
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