Bildung ist schön und sie steht hoch im Kurs. Selbst Kindergärten haben heute einen Bildungsauftrag. Wem es gelingt, sein Projekt mit dem Bildungslabel zu verbinden, der darf auf satte Gewinne hoffen. So geschieht es seit mehr als einem Jahrzehnt mit der sogenannten ökonomischen Bildung.
Deren Vorreiter spekulieren im Zuge der Finanzkrise auf eine hohe Dividende. Wirtschaftsverbände produzieren Studien, die bestätigen sollen, dass die Deutschen zu wenig ökonomisch gebildet sind. Die Verschuldung junger Leute soll mit mehr Wirtschaftsbildung bekämpft werden. Und wer die real existierende soziale Marktwirtschaft etwa aufgrund von persönlicher Ungerechtigkeitserfahrung ablehnt, der braucht nur ein bisschen mehr ökonomische Bildung, um das System wieder zu akzeptieren.
Dass die Ökonomie immer mehr Lebensbereiche fremdbestimmt, gilt jetzt sogar als Grund dafür, ihr weitere Räume zu eröffnen: die Köpfe der Schüler. Die Kampagne drittmittelgeölter Institute hat schon eindrucksvolle Erfolge verbuchen können: Wo früher Gemeinschaftskunde auf dem Stundenplan stand, da findet sich heute vielerorts "Wirtschaft und Politik". Wissen wird gerne bereitgestellt: Metro, EON und die Arbeitgeberverbände der Metallindustrie versorgen Lehrer mit Unterrichtsmaterial. Allianz und Deutsche Bank wollen gleich die eigenen Angestellten in die Schulen schicken.
Die Chancen für einen Empfang mit offenen Armen stehen gut: Denn zur Rettung der Unternehmensgewinne von Versicherern und Banken hat sich der Staat hoch verschuldet. Für Lehrerbildung, geschweige denn für Lehrerstellen ist da kein Geld übrig. Wenn jetzt der nette Bankberater als "Schulpate" von nebenan die Vorteile kapitalgedeckter Versicherungen gegenüber dem altmodischen Solidarsystem erklärt, so nennt sich das "bürgerschaftliches Engagement". Doch mit solchen kostenfreien Angeboten macht man die Böcke zu Gärtnern. Kein Unternehmen macht etwas umsonst. Marketinggrundwissen ist zudem, dass man zuerst ein Bedürfnis herstellen sollte, um später den Anbieter dafür zu präsentieren.
Das ist auch der offen ausgesprochene Plan Michael Diekmanns, des Vorstandsvorsitzenden der Allianz. Aufgrund der ökonomischen Unbildung der Kunden verliefen die Verkaufsgespräche zunehmend schwierig. Am besten, so der Allianzchef, man setzt an der Wurzel des Übels an, um hier Abhilfe zu schaffen. Ökonomische Bildung ist ein Investitionsgeschehen. Tatsächlich ist es um sie in Deutschland nicht gut bestellt. Wie sonst ist es vorstellbar, dass überall auch von der öffentlichen Hand Geschäfte eingegangen wurden, die sich nun als verheerend erweisen?
Eindimensional ist nun die privatwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsbildung, die beispielsweise verschweigt, dass die Finanzkrise den kapitalgedeckten Pensionskassen die Decke weggezogen hat. Schulen brauchen keine Paten. Schon gar nicht solche, die zuvor dafür gesorgt haben, dass der Staat den Schulen nicht mehr selbst helfen kann. Bildung braucht kontroverse Perspektiven. Dabei darf man nicht verschweigen, welche Interessen uns bestimmen wollen. Ökonomische Bildung braucht zudem normative Orientierung. Die kann sie nicht selbst liefern, sie braucht die Einbettung in politische Bildung. Nur dann befähigt sie zur Freiheit, andernfalls produziert sie Diener der Wirtschaft.
Dr. Michael Spieker ist Referent an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.
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