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Gastbeitrag: Die Ängste wegschlucken

Kinder und Jugendliche konsumieren heute deutlich mehr Alkohol als früher. So wollen sie sich aus ihrer Vereinzelung und Vereinsamung lösen. Von Wolfgang Bergmann

Wer als Jugendlicher dazugehören will, muss ganz schön was vertragen.
Wer als Jugendlicher dazugehören will, muss ganz schön was vertragen.
Foto: getty

Kinder und Jugendliche konsumieren heute deutlich mehr Alkohol als früher. Häufig vor der Party, oft in großen Mengen und kurzer Zeit - die Rede ist vom sogenannten "Komasaufen". In milderer Form als von der Boulevard-presse wiedergegeben, ist dies bereits ein Stück Lifestyle. Jugendliche und Kinder schütten sich zu, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, dass sie miteinander Spaß haben können.

Alkohol ist wie eine Betäubung, ohne die das Allereinfachste - das Zusammensein, das Spaßhaben - gar nicht losgeht. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Sie liegen vor allem in einer großen Vereinsamung junger Menschen. Kontakte und Kommunikation ereignen sich nicht mehr selbstverständlich. Es ist so, als müsse sich jeder erst aus seiner Vereinzelung und Vereinsamung lösen, bevor er Kontakt aufnehmen kann.

Der Autor

Wolfgang Bergmann ist Jugend- und Familientherapeut in Hannover.

Jugendliche trinken dabei kaum noch wie frühere Generationen - also nicht mit einer gewissen Angebergeste, die auf ihr Erwachsensein hinweisen sollte. Heute ist Alkohol vielmehr eine Eintrittskarte in soziale Vorgänge. Nach dem Motto: Wer ganz nüchtern ist, verdirbt uns nur den Spaß. Alkohol ist ein Mittel zur Enthemmung und zur Übertönung von Einsamkeit geworden. Jugendliche rivalisieren heute stärker als früher; auf manchen Partys geht es zu wie auf einem Laufsteg. Styling, Coolsein sind elementar. Das führt zu einer starken Hemmung bei ohnehin sozial weniger geübten, weniger begabten modernen Medien-Kids und -Teens. Alkohol beschwichtigt Vergleichsängste.

Auf vielen Partys kommen die meisten schon angetrunken an - sonst wird der Abend langweilig. Damit ist ein zweites Motiv benannt. Viele wissen mit sich selber wenig anzufangen, und miteinander auch nicht. Da sind drei Fläschchen "kleiner Feigling" oder der demonstrative Schluck aus einer Wodkaflasche schon im Körper, bevor man die anderen überhaupt richtig wahrgenommen hat. Alkohol gilt gar nicht mehr so sehr als Beweis dafür, "cool" zu sein. Vielmehr ist es so: Wer ganz nüchtern ist, kann nicht locker genug drauf sein. Hier beginnt die Ausgrenzung. Vor vielen Discos findet sich kaum ein Jugendlicher, der nicht trinkt.

Der Gruppenzwang ist dabei gar nicht so offensichtlich. Sprüche wie "Traust dich wohl nicht?" wurden mehr von früheren Generationen geklopft. Heute besteht der Zwang darin, dass Alkohol sozusagen der Türöffner für Gruppenkommunikation ist. Entsprechend schwierig, fast unmöglich ist es für einen einzelnen, sich aus dieser Umklammerung zu lösen. Löst er sich doch damit auf Dauer ganz aus dem Gruppenverbund.

Natürlich gibt es auch andere Freundeskreise unter Jugendlichen. Aber sie sind seltener. Dass Bindung und Freundschaft als Gefühle und Werte an sich schwinden, habe ich bereits an dieser Stelle und in einigen Büchern und Studien mehrmals beschrieben. Der Alkoholzwang ohne Spaß, das schnelle Wegschlucken sozialer Hemmungen und Ängste hat mit diesen allgemeinen Bindungsverlusten zu tun.

Autor:  Wolfgang Bergmann
Datum:  17 | 8 | 2009
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