Mehr als 20 Prozent aller Schüler verlassen in Deutschland die Schule, ohne an einer Schlagzeile unterscheiden zu können, was Werbung, was Meinung und was Bericht ist. Grundlegende Rechenoperationen wie die Planung eines Budgets kriegen sie kaum hin. Sie sind bildungsarm in dem Sinne, dass sie zu einer selbstständigen Teilhabe an der Gesellschaft nicht in der Lage sind.
Diese Jugendlichen - häufig sind sie männlich und haben einen Migrationshintergrund - sehen sich einer Vielzahl kaum kalkulierbarer Risiken ausgesetzt: Armut, Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung, Schwierigkeiten, Partnerin oder Partner zu finden, fehlende Berufsausbildung, Gesundheitsprobleme, Fatalismus, Resignation und Rückzug.
In den Hauptschulen der Großstädte gehören bis zu 75 Prozent aller Schulabgänger zu dieser Gruppe. Insgesamt reden wir von fast zwei Millionen Jugendlichen. Vielleicht wird das nicht als offensichtlicher Skandal empfunden, weil die Existenz einer solchen Gruppe kein ganz neues Phänomen ist. Es hat im Gegenteil schon immer einen etwa konstant großen Anteil von Jugendlichen gegeben, der die Schulen mit fehlenden Basisfähigkeiten verlässt.
Die Schule hält nicht Schritt
Neu sind aber die Konsequenzen, die eine solche Bildungsarmut hat. War es in vergangenen Jahrzehnten noch möglich, mit einem unterdurchschnittlichen oder gar ganz ohne Abschluss den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen, so hat sich das geändert. Jobs der alten industriellen Gesellschaft, die solche Übergänge ermöglicht haben, gibt es immer weniger. Die Schule hat mit diesem Wandel nicht Schritt gehalten.
So richtig es ist, dass auf kommunaler Ebene bis hin zum Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin von der überragenden Bedeutung von Bildung gesprochen wird - es klafft eine eklatante Lücke zwischen bildungspolitischen Sonntagsreden und tatkräftigen Initiativen. Vor allem werden bei all den Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung der Schulen, die zum Anschluss an die Spitze und zur Stärkung unserer Innovationsfähigkeit führen sollen, die Lern- und Lebenschancen von bildungsarmen Kindern und Jugendlichen viel zu wenig beachtet. Aus diesem Befund hat die Schulkommission der Heinrich-Böll-Stiftung in ihren jüngst vorgestellten Empfehlungen für "Mehr Bildungsgerechtigkeit im Lebenslauf - Damit Bildungsarmut nicht weiter vererbt wird" einen radikalen Schluss gezogen. Sie will die "Risikogruppe" ins Zentrum der Bildungsreform stellen.
Das wird nicht ohne verbesserte Ressourcen gehen - mehr Zeit und auch mehr Geld. Es handelt sich bei der Empfehlung aber um kein Nischenprogramm. Denn es geht um die Verbesserung der Förderfähigkeit der Schulen insgesamt. Förderung bedeutet nicht Nachsicht, sondern motivierende und anspruchsvolle Unterrichtsgestaltung, hohe und konsistente Leistungsanforderungen, über die Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen können, was in ihnen steckt.
Die Hauptschule muss weg
Gerechtigkeit darf nicht mit Gleichbehandlung verwechselt werden oder damit, Schüler zu möglichst gleichen Ergebnissen zu führen. Kaum etwas ist ausgrenzender als Lehrer, die von ihren Schülern wenig erwarten, nur weil diese aus schwierigen Verhältnissen kommen. Wenn die Potenziale aller Schüler optimal gefördert werden, sind die Unterschiede, die eine konsequente Leistungsorientierung hervorbringt, auszuhalten. Ja sie sind fair.
Priorität muss die Hilfe zum Erwerb dieser Basiskompetenzen haben. Anderes muss zunächst zurückstehen. Um es plakativ zu sagen: Die Mittelschichten sind selbst in der Lage, sich für ihre Kinder einzusetzen. Dabei werden sie von den Gymnasien recht gut unterstützt.
Wir müssen helfen, den Teufelskreis der Bildungsarmut da zu durchbrechen, wo diese Fähigkeit zur Selbsthilfe fehlt. Dazu braucht es neben dem Gymnasium Schulen, die keine Abgänger ohne basale Fähigkeiten entlassen. Das ist ihre Bringschuld. Das heißt auch, dass die Hauptschule sofort abgeschafft gehört.
Dr. Andreas Poltermann leitet die Abteilung Politische Bildung der Heinrich-Böll-Stiftung.
Stephan Ertner ist dort Referent für Bildung und Wissenschaft.
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