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Gastbeitrag: Die Stände-Schule

Die Zweigliedrigkeit, also das Gymnasium und eine Schule für die, die es dahin nicht schaffen, sollen's richten. Doch Vorsicht, meint FR-Gastautor Lothar Sack

Lothar Sack ist Bundesvorsitzender der Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG)
Lothar Sack ist Bundesvorsitzender der Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG)
Foto: Privat

Beim Pisa-Bundesländervergleich hat uns jetzt Sachsen gezeigt, wie wir unser Schulsystem gestalten müssen. Die Zweigliedrigkeit, also das Gymnasium und eine Schule für die, die es dahin nicht schaffen, sollen's richten. Doch Vorsicht: die gelobte Zweigliedrigkeit ist in Wirklichkeit dreigliedrig: Die Förderschulen, die auch nicht an der Pisa-Untersuchung teilnehmen, blendet man einfach aus.

Dabei wissen wir es längst: Je geringer die Anzahl der Schularten, je später die Aufteilung auf Schularten, desto besser sind Schulleistung und Chancengleichheit. Die Konsequenz daraus, nämlich eine Schule für alle, hat aber bisher kein einziges Bundesland gezogen. De facto wird an einem ständischen Schulsystem festgehalten mit einer Schule für die möglichst guten Schüler aus gutem Hause und mehreren Schularten für den Rest.

Der Autor

Lothar Sack ist Bundesvorsitzender der Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG) - Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens. Der Verein setzt sich für eine gemeinsame demokratische Schule ein.

Dabei ist die gemeinsame und demokratische Schule für alle auch bei uns keine Erfindung der vergangenen 50 Jahre, dieser Kampf dauert schon mehrere Jahrhunderte: über Comenius, Wilhelm von Humboldt, die polytechnische Oberschule der ehemaligen DDR und die Gesamtschule bis zur heutigen Auseinandersetzung über Gemeinschafts- und Stadtteilschule sowie der Diskussion über die Einforderung von Menschen- und Kinderrechten.

Die Gegner des längeren gemeinsamen Lernens sprechen von "sozialistischer Einheitsschule", meist diffamierend gemeint. Sie übertragen dabei ihre Sicht von Pädagogik auf die gemeinsame Schule: ein von außen gesteuertes, gleichschrittiges Vorgehen mit gleichzeitigem Aufrücken, mit Aussortieren der "Fußkranken" bei Verwahrlosen der Leistungsstarken. Das ist ein Verfahren, das Kinder verachtet. Trotzdem wird es in den traditionellen Schulen des gegliederten Systems praktiziert. Das vertraute Elend ist vielen offenbar lieber als die Anstrengung für eine bessere Schule.

Den Kritikern der Schule für alle sei entgegengehalten: Wer demokratische Prinzipien auf formale Gleichbehandlung reduziert, hat diese Prinzipien missverstanden. Vielmehr gehört dazu, dass jeder Einzelne zu seinem Recht kommt - unabhängig vor allem von seiner Herkunft. Die Vielfalt der Menschen gilt es zur Grundlage des schulischen Lebens und Lernens zu machen, nicht die Illusion der vermeintlich homogenen Gruppe. Gemeinsam leben kann man nur gemeinsam lernen.

Lernen kann nur dann nachhaltig sein, wenn der Lernende selbst handelt und sich nicht als Objekt eines Unterrichts erfährt, der ihm die passive Rolle (Aufpassen, Zuhören, Zuschauen) zuweist.

Lernen statt unterrichtet werden: Die Preisträger des Deutschen Schulpreises zeigen, wie es geht: die Helene-Lange-Schule Wiesbaden, die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund oder die Jenaplanschule in Jena. Das Selbstverständnis aller bisherigen zehn Preisträger ist das der gemeinsamen Schule für alle. Doch obwohl preisgekrönt, orientiert sich die offizielle Schulpolitik nicht an diesen Vorbildern. Sie bleiben Ausnahmen.

Die Schulstrukturfrage (zusammen mit der Forderung nach einer anderen Pädagogik) steht zwar auf der Tagesordnung. Bei der Zweigliedrigkeit soll es neben dem Gymnasium eine neue Schule geben, in der alle anderen Schulformen (außer den Förderschulen) aufgehen: Hauptschule und Realschule, also die minderen Schulformen des gegliederten Systems, aber auch die Gesamtschule. Diese Idee gibt jedoch nur vor, durch Reduzierung der Gliederung des Schulsystems unerwünschte Folgen zu beseitigen. In Wahrheit bleibt das ständische Schulsystem bestehen, bleibt es bei ungleichwertigen Schulen für Oben und für Unten, das Gymnasium wird nicht angetastet.

So entpuppt sich am Ende die Propagierung eines angeblich zweigliedrigen Schulsystems als grandioser Versuch, das Gymnasium aufrecht zu erhalten, ja zu retten. Aber versuchen Sie mal, von einer Medaille nur eine Seite einzuschmelzen!

Autor:  LOTHAR SACK
Datum:  8 | 12 | 2008
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