In der vergangenen Dekade haben sich im Hinblick auf das Verhältnis von Natur- und Sozialwissenschaften einschneidende Veränderungen vollzogen. Durch den großen Wissenszuwachs, insbesondere der modernen Biowissenschaften, gerieten dort Fragen in den Blick, die vormals eher in den Zuständigkeitsbereich anderer Wissenschaftsdisziplinen gefallen waren. Daraus resultierte in vielen Bereichen eine verstärkte Forderung nach Interdisziplinarität.
Die zeitgenössische Erziehungswissenschaft reagiert auf diese Entwicklungen unterschiedlich. Es gibt Vertreter des Fachs, die eine Beschäftigung mit biowissenschaftlichen Erkenntnissen generell für wenig hilfreich halten, denn was sie interessiert, ist nicht das System Gehirn, sondern sind die sozialen Systeme, in denen sich Erziehungs- und Bildungsprozesse vollziehen. Dass dabei Gehirne von Akteuren im Spiel sind, versteht sich zwar von selbst, aber bezweifelt wird, dass man diese Prozesse besser verstünde, wenn man neben den Handlungen auch noch Hirnaktivitäten einbeziehen würde.
Andere Vertreter greifen die popularisierte Variante der Hirnforschung auf: Aussagen wie "das kindliche Gehirn ist plastisch", die in der öffentlichen Mediendiskussion gern von Hirnforschern propagiert werden, nehmen sie gern an. Etwas substantiell Neues sehen sie darin freilich nicht, aber dafür entdecken sie Reminiszenzen an die gute, alte Reformpädagogik.
Auf der Suche nach Selbstbestätigung wird ausgeblendet, was die Hirnforschung noch über Hirnplastizität sagt: Sie dient der Anpassung an die Umwelt, doch um den Preis, dass sich Gehirne auch an nicht-optimale Umwelten anpassen. Schwere Traumatisierung etwa übt deshalb einen nachhaltigen Einfluss auf Hirnentwicklung aus, der sich in subjektiv empfundenem Leid und psychischen Problemen ausdrückt, und den man nicht immer qua Therapie beheben kann. Zudem nimmt neuronale Plastizität mit dem Alter ab und gilt vermutlich nicht für alle Hirnregionen im gleichen Maße.
Biologische Wissensbestände sind besonders dann interessant für die Erziehungswissenschaft, wenn es um "Abweichungen" und nicht so sehr, wenn es ums Prozessieren im "Normalhirn" geht. Die neuronalen Korrelate für psychische Störungen sowie für Verhaltens- und Lernstörungen sind nicht nur deshalb aufschlussreich, weil sie helfen können, die Phänomene besser zu verstehen, sondern auch, weil es Bemühungen gibt, Auswirkungen von therapeutischen Verfahren nicht allein auf Verhaltensebene nachzuweisen, sondern auch die damit einhergehenden Veränderungen auf hirnfunktioneller Ebene zu untersuchen. Aktuelle Beispiele hierzu beziehen sich auf neurophysiologische Auswirkungen psychotherapeutischer Verfahren und auch im Hinblick auf die Genese und Therapie von Leseschwäche liegen erste Studien vor. Studien wären auch im Hinblick auf pädagogische Interventionen denkbar. Weitere Impulse sind von Seiten der Verhaltensgenetik zu erwarten: Sie sucht bereits nach Hinweisen auf die genetische Basis von Lern- und Verhaltensstörungen. Forscher mutmaßen sogar, dass die Widerstandsfähigkeit gegenüber widrigen Umständen genetisch disponiert sein könnte. Das wäre eine Herausforderung an die Resilienzforschung.
Obwohl sich innerhalb und zwischen den einzelnen biowissenschaftlichen Disziplinen kein einheitliches Menschenbild abzeichnet, wird deutlich: Die Erziehungswissenschaft könnte von einer Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Biowissenschaften profitieren. Dazu muss sie sich vom Modus der selbstbestätigenden Rezeption lösen und darauf gefasst sein, auch irritiert zu werden.
Nicole Becker lehrt am Tübinger
Institut für Erziehungswissenschaft.
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