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Gastbeitrag: Gott in Frankreich

Der Staat bot der Übermacht der katholischen Kirche Einhalt. Von Michel Vuillaume

Die Gretchenfrage der Religion im Unterricht wurde in Frankreich definitiv am 9. Dezember 1905 mit dem Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche geregelt, historisch aber schon 1801 durch Napoleon Bonaparte per Konkordat in die Wege geleitet.

Es ging damals wie heute um Machtfragen, und der Staat bot der Übermacht der katholischen Kirche Einhalt, indem er strikte Neutralität in Religionsfragen und die Garantie der freien Religionsausübung und der Glaubensfreiheit ins Gesetz schrieb. Eine Ausnahme bilden die drei Départements von Elsass-Mosel. Die bewegte Geschichte zwischen der preußischen Besatzung 1870 und die Wiedereingliederung dieser Départements in die französische Republik 1919 ist der Grund dafür, dass in der Grundschule und in der Mittelstufe Religion Pflichtfach ist. Allerdings reicht eine schriftliche Erklärung der Eltern, um die Kinder davon zu befreien.

Ich bin Vater von drei Kindern, Schulleiter eines Gymnasiums im Elsass, und ich bin nicht gläubig. Unsere Kinder haben an keinem Religionsunterricht teilgenommen, haben aber in Geschichte die Geschichte der Religionen gelernt und in anderen Pflichtstunden und in Philosophie in der 13. Klasse über Metaphysik und den Sinn der Welt reflektiert.

Ich hätte es als Vergewaltigung meiner Freiheit und meiner Anschauungen empfunden, wenn meine Kinder dazu gezwungen worden wären, am Religionsunterricht teilnehmen zu müssen, und viele Franzosen sähen es auch so. Wir leben in einem Land, in welchem die Religionsfrage Privatsache ist. Wer die Kirchen finanziell unterstützen will, macht es freiwillig. Wer seine Kinder in die Katechese oder in eine Privatschule mit Religionsunterricht schicken will, darf es. Wer an keinen Gott glaubt, darf über Gott und die Welt mit seinen Mitmenschen im gegenseitigen Respekt sprechen.

Der jetzige Präsident Nicolas Sarkozy hat einmal behauptet, dass ein Lehrer einen Geistlichen nie ersetzen könne, wenn es um die Vermittlung von Gut und Böse ginge, und hat durch die sehr heftigen Reaktionen auf seine Provokation erleben müssen, dass die Franzosen sehr wachsam bleiben, wenn die strikte Neutralität des Staates angetastet wird.

Als Schulleiter würde ich sehr stark an eine berufliche Umschulung denken, wenn ich Religion als Pflichtfach in den Regelunterricht einbauen müsste. Denn es wäre für mich ein Rückschritt ohnegleichen. Mit bösen Konsequenzen. Die Schulen sind der Ort, an welchem die republikanische Moral gehegt und gepflegt wird, um junge Menschen zur sozialen Zusammengehörigkeit zu erziehen.

Das zu verwirkliche, ist heutzutage in Frankreich kein leichtes Unterfangen, denn die multikulturelle Gesellschaft ist eher ein Scheitern als ein Erfolg, und unsere Schulen sind oft die letzten Trutzburgen gegen religionsbedingten Hass. Im Grunde erwarten auch die Menschen, dass die Schule neutral bleibt, und das Verbot des Schleiers oder anderer religiöser Zeichen, um das Paradebeispiel dieser Neutralität zu nennen, wird streng angewandt und von allen beachtet.

Wir würden mit der Rückkehr des Religionsunterrichts die Schulhöfe zu Stätten der Konfrontation machen und den Sinn unserer Republik aufgeben. Die deutsche Sprache nennt den lieben Gott und Frankreich in einem Atemzug, um das Paradies auf Erden zu beschreiben. Dieses Paradies ist deshalb zum Teil erträglich, weil jeder sich soweit frei fühlt, ihn zu begrüßen, oder nicht.

Michel Vuillaume, französischer Bildungsexperte, leitet die Albert-Schweitzer-Schule in Mulhouse.

Autor:  MICHEL VUILLAUME
Datum:  18 | 2 | 2009
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