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Gastbeitrag: Menschen statt Strukturen

Warum kreisen Bildungsreformen so selten um Beziehungen? Mit besseren Lernmitteln alleine ist Schülern wenig gedient; sie brauchen Erwachsene, die ihnen gerne etwas erklären. Von Michael Felten

Lehrer müssen Schülern auch etwas beibringen wollen.
Lehrer müssen Schülern auch etwas beibringen wollen.
Foto: dpa

Die Bildungsdebatte ist voller bürokratischer Erlösungsgewissheiten: neue Strukturen, bessere Evaluation, mehr Selbstständigkeit. Selbst der plausible Trendbegriff "Individuelle Förderung" ist vor technokratischer Entartung nicht sicher. Ein Schulamtsblatt aus Düsseldorf stellt sich das so vor: Zunächst "Schaffung einer positiven Lernkultur", dann "ressourcenorientierte Beratung auf systemisch-lösungsorientierter Basis", schließlich "bedarfsorientiertes Training nach dem Mini-Max-Prinzip", ergänzt durch die "Vermittlung lernstilorientierter Strategien". Vergleichsweise bescheiden dann die finale Empfehlung für´s konkrete Tun: Die Schüler mögen Lerntagebücher führen!

Warum ist eigentlich - wenn es um bessere Schulen geht - so wenig von Menschen die Rede? Warum kreisen Bildungsreformen so selten um Beziehungen, obwohl das doch den Kern jedes pädagogischen Handelns darstellt? Mit kleineren Klassen und besseren Lernmitteln alleine ist Schülern wenig gedient; sie brauchen Erwachsene, die ihnen gerne etwas erklären; die sich nicht über ihre Begriffsstutzigkeit, ihr pubertäres Rumoren ärgern; die sich für ihre Meinung, für ihre Schwierigkeiten beim Lernen interessieren.

Entscheidend für die Wirksamkeit von Schule ist, wie Lehrer das Verhältnis zu ihrem menschlichen Gegenüber sehen und gestalten. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch, so Joachim Bauer, Entdecker der Spiegelneuronen. Und nicht etwa ein Arbeitsblatt. Lernthemen alleine lösen nur begrenzte Begeisterung aus, das wusste schon Erasmus von Rotterdam: "Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer." Und warum? "Weil man die Liebe zur Wissenschaft von Heranwachsenden noch nicht erwarten kann."

Indes unterschätzt man die Beziehungsdimension des Unterrichts gerne. Psychologie im Klassenzimmer wird entweder beargwöhnt ("Psychokram") oder als naturgegeben angesehen ("ein Händchen für Kinder haben"). Hinzukommt, dass ein hehres Bildungsziel wie Selbstständigkeit - gerät es in die methodischen Niederungen - leicht zum untauglichen Götzen gerät. Gerade schwächere Schüler benötigen auf ihrem Gang in neue Wissenswelten zunächst klare Anforderungen und sensible Unterstützung. Gerade dabei sind viele Lehrer, vielleicht als Spätfolge der 68er-Impulse, gehandikapt: Sie vertreten schulische Ansprüche wie Hausaufgaben und Klassenregeln nur mit Verschämtheit.

Gleichzeitig erwarten sie von den Schülern ein Maß an Selbstständigkeit, das diese schlichtweg überfordert. Bei vielen Lehrern ist auch das psychologische Instrumentarium unausgereift. Weder die eigenen Gefühle beim Unterrichten noch die emotionale Resonanz auf Schülerseite sind ihnen hinreichend bewusst, gute Absichten ertrinken in Ärger und Überforderung.

Was dem gemeinen Lehrer fehlt, sind nicht neue Strukturen oder methodische Spitzfindigkeiten, sondern Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis. Schule richtig denken, das erfordert eine neue Hinwendung zum Pädagogischen - zu Führungsfreude wie zu Einfühlsamkeit.

Denn das, was kürzlich in Malmö gelang, wäre überall möglich: Innerhalb eines halben Jahres schafften es acht aus ganz Schweden angereiste Lehrer, eine desolate Abschlussklasse auf die Landesbestenplätze zu katapultieren. Offenbar hängen Wohl und Wehe der Bildung vor allem von den Lehrern ab.

Michael Felten ist Gymnasiallehrer in Köln. Neu von ihm erschienen: Auf die Lehrer kommt es an. Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule, Gütersloher Verlagshaus, 191 Seiten, 16,95 Euro.

Autor:  Michael Felten
Datum:  8 | 2 | 2010
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