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Gastbeitrag: Ohne Perspektive

Ein Fünftel der Kinder ist arm - und ohne Zuversicht und Lebensfreude. Die Politik muss gegensteuern, bei der Unsterstützung der Eltern, ebenso wie beim Ausbau der öffentlichen Bildungseinrichtungen. Von Klaus Hurrelmann

Vor allem die Arbeitslosigkeit der Eltern bedrückt die Jüngsten.
Vor allem die Arbeitslosigkeit der Eltern bedrückt die Jüngsten.
Foto: dpa

Was würden Deutschlands Kinder zu den Sparplänen der Bundesregierung sagen? Die Frage lässt sich der Tendenz nach beantworten, seit vor wenigen Tagen die zweite Studie des Kinderhilfswerks World Vision Deutschland e. V. vorgelegt wurde.

Die Studie zeigt, wie gespalten die Kinderwelt in Deutschland ist. Die gute Nachricht: Die Mehrheit ist mit ihrer Situation rundum zufrieden. Das sind die Kinder, bei denen die materielle Lage des Elternhauses sehr gut bis gut und Bildung und Selbstbewusstsein von Müttern und Vätern stark sind. Geben die Kinder aber an, in ihrer Familie sei das Geld knapp, dann bleibt von Zuversicht und Lebensfreude nicht mehr viel übrig. Bei 21 Prozent der Kinder von sechs bis elf Jahren ist das offenbar immer der Fall.

Zur Person

Klaus Hurrelmann ist Senior Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Er leitete zusammen mit der Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen von der Universität Bielefeld die beiden World Vision-Kinderstudien. Die aktuelle Studie ist jetzt im Fischer-Verlag als Taschenbuch erschienen.


Foto: dpa

Die aktuelle Studie zeigt, dass sich die Auswirkungen dieser Engpässe auf die Lebensqualität verschärft haben. Das Fünftel der Kinder, das materielle Armut erlebt, klagt mehrheitlich über große Ängste: An erster Stelle steht die Arbeitslosigkeit der Eltern, an zweiter eigenes Schulversagen, an dritter Perspektivlosigkeit.

Diese Kinder sind unzufrieden mit der Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Sie fühlen deren Verunsicherung. Auch die Angst vor schlechten Schulnoten ist bei ihnen stark ausgeprägt. Nicht einmal 20 Prozent trauen sich das Gymnasium zu. Die Kinder vermissen die Unterstützung und Anregung durch die Eltern, etwa bei den Hausaufgaben. Nicht überraschend ist, dass sie der Einführung von Ganztagsschulen positiv gegenüberstehen.

Stichwort Freizeitverhalten: Hier berichten die Kinder aus den relativ armen Haushalten, sie hätten allergrößte Freiheiten. Die Mütter und Väter sind bemüht, sich aus der Gestaltung der freien Zeit ihrer Kinder herauszuhalten, ihnen aber vergleichsweise luxuriöse und teure Medien zu verschaffen. Gameboy und Spielkonsolen sind entsprechend überdurchschnittlich verbreitet, aber Bücher und Internetanschluss sind Fehlanzeige.

Entsprechend einseitig und wenig bildungsförderlich ist das gesamte Freizeitverhalten. Auch die Sportvereine werden gemieden. Zufrieden sind die Kinder hiermit nicht - sie halten ihr Freizeitverhalten selbst für zu passiv und perspektivlos.

Was also wollen uns die Kinder sagen? Der Kern ihrer Botschaft an Politik und Gesellschaft ist eindeutig. Erstens: Unterstützt unsere Eltern darin, erwerbstätig zu sein, genügend Geld zu verdienen und eine anerkannte gesellschaftliche Rolle spielen zu können. Zweitens: Baut die öffentlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen weiter aus, sodass auch diejenigen von uns gezielte Anregungen bekommen, deren Eltern das aus irgendeinem Grund nicht schaffen. Drittens: Bezieht auch die Freizeitangebote bis hin zu den Sportvereinen mit ein.

Aus den Ergebnissen der Studie lässt sich für das, was die Sechs- bis Elfjährigen zu den Sparplänen der Bundesregierung sagen würden, zumindest eine große Linie ableiten. Erstens: Sorgt dafür, dass ein Fünftel von uns nicht weiter abrutscht. Sparen heißt nicht spalten. Unternehmt keine finanziellen Kürzungen bei Familien mit Kindern, solange sie arbeitslos sind. Zweitens: Zieht diejenigen von uns bei Ganztagsschulen mit Übungs- und Lernhilfen vor, deren Eltern überfordert sind. Drittens: Macht auch bei der Förderung von Freizeit- und Sporteinrichtungen Schluss mit der Verteilung durch die Gießkanne.

Die Mädchen und Jungen in Deutschland dürften zufrieden sein, dass Erziehung und Bildung weitgehend vom Sparprogramm ausgeklammert werden. Sie dürften nicht damit einverstanden sein, dass die vorhandenen finanziellen Ressourcen mechanisch und pauschal ausgegeben werden und eine gezielte Förderung der Armen und Schwachen unter ihnen darunter leidet. Sie haben leider völlig Recht: Verfestigt sich dieser Trend bei den Kindern, spaltet er bald die gesamte Gesellschaft.

Autor:  Klaus Hurrelmann
Datum:  12 | 6 | 2010
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