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Gastbeitrag: Wider das Gejammer

Die Kritiker der Bologna- Reform idealisieren die Vergangenheit. Von Klaus Landfried

Fragt mich kürzlich eine Studentin aus den Niederlanden, ob ich ihr das Geschimpfe einiger "Akademiker" in Deutschland über die neue Studienstruktur mit BA/MA erklären könne. Ein katholischer Theologe habe aus Ärger über "Bologna" sogar seine Professur niedergelegt. Nein, mit vernünftigen Argumenten sei das nicht zu erklären, sage ich, allenfalls mit verletzter Eitelkeit. Denn fast alles, was die Jammerer im Elfenbeinturm da an Beschwerden vorbrächten, hätten sie selber erzeugt. Auf Geist und Buchstaben der "Bologna-Erklärung" ließen sich die Probleme bei der Umsetzung wirklich nicht zurückführen.

Diese Erklärung von Bologna, vor zehn Jahren von 29 Staaten unterschrieben und entstanden aus dem mehrjährigen Dialog der Europäischen Rektorenkonferenz (heute EUA) mit mehreren europäischen Regierungen, hatte Konsequenzen aus zwei Erkenntnissen gezogen: erstens, dass ein weltweiter Wettbewerb um kluge Köpfe begonnen hatte, der einen einigermaßen einheitlichen europäischen Hochschulraum erfordert. Zweitens, dass Bildung und Ausbildung an Hochschulen für 30 bis 50 Prozent eines Altersjahrgangs nicht mehr so organisiert werden konnten wie noch vor 50 Jahren - als nur zwei bis drei Prozent eines Jahrgangs studierten.

Mit der (für Deutschland) Wiedereinführung des erst im 19. Jahrhundert abgeschafften Bakkalaureus-Grades nach einem Studium von drei bis vier Jahren wird die Aufnahme internationaler Bachelors in Europa und die der europäischen Bachelors "draußen" erleichtert, sowohl in weiterführende Studien als auch in den Arbeitsmarkt. Während sich der Bologna-Prozess in den meisten Ländern, vor allem in Skandinavien, in den Niederlanden, aber auch in der Schweiz oder Polen ohne große Probleme weiter entwickelte, jammern nun in Deutschland die Freunde des angeblich "Bewährten". Ihre Methode ist simpel: die Vergangenheit idealisieren, das Neue schlechtreden.

Beklagt werden die wissenschaftsfremde "Verschulung" beim Bachelor, die angebliche Behinderung von Mobilität, eine bürokratische Handhabung der begleitenden Qualitätssicherung und angebliche Akzeptanzprobleme der Bachelors auf dem Arbeitsmarkt. Und man weint den erst im Dritten Reich eingeführten Diplomabschlüssen nach, deren Weltgeltung nur behauptet, aber nicht ernsthaft nachgewiesen werden kann. Tatsache ist, dass viele (gottlob nicht alle) Fachbereiche einfallslos und voller hochschuldidaktischer Inkompetenz den "Stoff" zusammenpressten und in abprüfbaren Lehrmodulen festschrieben, statt - wie möglich und an einigen Hochschulen auch praktiziert - forschendes Lernen etwa in Projekten und anderen Lernformaten zu organisieren.

Dass man die zu (deutschem) Perfektionismus neigenden Akkreditierer zu mehr Augenmaß zwingen muss, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass, wer nur im selbstreferenziellen Elfenbeinturm belehrt wurde, ohne dabei die in der modernen Unternehmenswelt nötigen Schlüsselqualifikationen zu erwerben, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Probleme hat. Egal ob Magister/Diplom oder Bachelor. Bisher ist nicht zu erkennen, dass Bachelors, wenn ordentlich qualifiziert, bei den Unternehmen nicht angenommen würden. Dass es aber auch in manchen Personalabteilungen Freunde des "Bewährten" gibt, kann man nicht ausschließen. Aber wie in der Schweiz, in den Niederlanden oder Dänemark wird sich das auch bei uns bald legen.

Natürlich gibt es auch in Deutschland Hochschulen, die einsemestrige (Erasmus-/Socrates-) Aufenthalte im Ausland auch innerhalb des Bachelor-Studiums ermöglichen, ja sogar fordern. Voraussetzung ist allerdings eine kreative Gestaltung des Studienprogrammes und die in manchen deutschen Fakultäten unterentwickelte Bereitschaft, anderswo erbrachte Studienleistungen auch anzuerkennen. Bei Erasmus/Socrates-Verträgen ist diese Anerkennung rechtlich geboten. Dass manche Studenten diese Anerkennung erst noch einklagen müssen, ist eine Schande. Zusammengefasst: Fast alle deutschen Probleme mit Bologna sind von den Meistern des Gejammers selbst gemacht und könnten bei gutem Willen und mehr Lehr-Kompetenz bald beseitigt sein.

Klaus Landfried war Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Autor:  KLAUS LANDFRIED
Datum:  14 | 4 | 2009
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