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Gebärmutterhalskrebs: Experiment an Gesunden

Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs scheidet die Geister - ein Bundesausschuss fordert die zuständige Impfkommission auf, die Studienlage zu prüfen.

Humane Papillom-Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen.
Humane Papillom-Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen.
Foto: FR-Grafik

Die erste Impfung gegen Krebs sorgt weiter für Auseinandersetzungen. Seit 2007 die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen können, Kassenleistung ist, reißen die kritischen Stimmen nicht ab. Das hat sich auch nicht geändert, als Harald zur Hausen, geistiger Vater der Impfung, Ende 2008 dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Die Impfung reißt längst auch dicke Löcher in die Budgets der Krankenkassen und zwingt sie zum Handeln - der Impfstoff ist mit rund 500 Euro hierzulande so teuer wie nirgends sonst auf der Welt. Techniker und Barmer, die als erste die Impfung bezahlt haben, melden sich inzwischen mit einer gemeinsamen Broschüre zu Wort, in der auch kritische Töne angeschlagen werden.

Gebärmutterhalskrebs

Weltweit ist Gebärmutterhalskrebs mit 230 000 Todesopfern im Jahr die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Deutschland liegt das Zervixkarzinom aber nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts weit abgeschlagen auf Rang zehn: Brust-, Darm-, Lungen-, Gebärmutter-, Eierstock-, Haut-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen- und Nierenkrebs ereilen Frauen hierzulande weitaus häufiger als Gebärmutterhalskrebs. Schätzungsweise 6200 von insgesamt 42 Millionen Frauen in Deutschland erkranken jährlich daran, 1700 sterben. "Von 100 000 Frauen in Deutschland erkranken 15 an einem Zervixkarzinom, 135 an Brustkrebs und 500 an einem anderen Krebs", sagt die Hamburger Gesundheits- wissenschaftlerin, Professor Ingrid Mühlhauser. Wie entsteht der Krebs? Humane Papillom-Viren (HPV) werden durch Geschlechtsverkehr übertragen. Etwa 80 Prozent der sexuell aktiven Menschen kommen im Laufe ihres Lebens mit den Humanen Papillom-Viren in Kontakt. Bei einem Großteil der Frauen bleibt der Kontakt mit HP-Viren folgenlos, bei einigen klingt die Infektion jedoch nicht vollständig ab. Die Viren setzen sich in diesen Fällen in den Zellen des Gebärmutterhalses fest. Hier können Warzen entstehen, im schlimmsten Fall entwickelt sich dann Krebs. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin empfiehlt, Mädchen vor dem ersten Sexualkontakt per Impfung zu schützen, sie rät zur Immunisierung im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren. Die Impfung geschieht in drei Schritten. Nach einem Aufklärungsgespräch und der Erstimpfung muss im Abstand von zwei und sechs Monaten eine weitere Spritze (in den Oberarm) gegeben werden.

Judith Storf, die als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen beim Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (GBA) vor zwei Jahren das Bewilligungsverfahren der Impfung miterlebt hatte, wundert sich noch heute: "So schnell wurde beim GBA noch nichts durch gewunken." Doch jetzt scheint der GBA zurückzurudern. Kurz vor Weihnachten forderte GBA-Vorsitzender Rainer Hess die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) auf, die Studienlage noch einmal kritisch zu bewerten. Wegen der "rechtlichen Verantwortung" des GBA müsse "die Kosten-Nutzen-Relation stimmen, aber genau darüber gibt es Streit", sagte Hess.

Der volkswirtschaftliche Nutzen der HPV-Impfung sei ohnehin noch nicht belegt, ergänzte Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut, das an der Zulassung der Impfstoffe nur indirekt beteiligt war. Die direkte Zulassung des ersten Impfstoffs Gardasil von Sanofi Pasteur MSD erfolgte im September 2006 durch die Europäische Kommission, im darauf folgenden Sommer erhielt auch GlaxoSmithKline (GSK) für sein Präparat Cervarix grünes Licht. Mit lukrativen Folgen: Sanofi-Pasteur machte mit Gardasil binnen einen Jahres 217 Millionen Euro Umsatz, Cervarix bescherte GSK immerhin 14,4 Millionen Euro.

Ein neuer Blockbuster, urteilt der Bremer Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske. Glaeske kritisiert aber die unvollständige Studienlage und die Tatsache, dass die Impfung an 16- bis 26-Jährigen getestet worden sei, nun aber für Zwölf- bis 14-Jährige empfohlen werde. "Zu früh und zu schnell" sei die Impfung eingeführt worden, ärgert sich Glaeske. Mit dieser Haltung steht er nicht allein da.

Mitte Dezember haben 13 renommierte deutsche Forscher ein Manifest unterschrieben, indem sie die Stiko zur Neubewertung der Impfung aufforderten. Die "lebenslange Impfeffektivität", von der die Stiko spreche, sei durch keine einzige Studie belegt, kritisierten sie. Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin, Professor Ingrid Mühlhauser, spricht gar von einem "unkontrollierten Experiment an der gesunden Bevölkerung", weil qualifizierte Begleitforschung fehle.

Wie groß ist der Nutzen nun tatsächlich? Die Stiko geht davon aus, dass in 70 Prozent der Fälle die Hochrisiko-Virentypen HPV 16 und 18 - und nur gegen diese Typen schützt die Impfung zu 100 Prozent - Gebärmutterhalskrebs verursachen und sie kommt deshalb zu der optimistischen Einschätzung, dass die Impfung 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebsfälle verhindern kann.

Analysen, die die Bundesregierung im Mai 2008 als "Drucksache 16/9302" veröffentlichte, zeigen für Deutschland allerdings ganz andere Zahlen: Eine Untersuchung bei 8101 Frauen in Tübingen und Hannover im Jahr 2007 ergab etwa, dass nur 35 Prozent der insgesamt 6,4 Prozent Hochrisikotyp-infizierten Frauen mit den aggressiven Typen 16 oder 18 infiziert waren. Zehn Jahre zuvor wurde in Berlin bei jeder fünften von insgesamt 5022 untersuchten Frauen zwischen 20 und 40 Jahren eine HPV-Infektion nachgewiesen: Dort handelte es sich sogar in nur 6,3 Prozent der Fälle um die gefürchteten Typen 16 oder 18.

Was zudem für die Niedrigrisiko-Virentypen gilt, dass sie nämlich meist ganz von allein wieder verschwinden, gilt übrigens auch für die Hochrisiko-Typen. Schließlich entwickelt sich nicht jeder simple Schnupfen zur schweren Lungenentzündung. Ob die Viren gefährlich werden, hängt zudem weitgehend vom Immunsystem und damit auch vom Lebensstil der Frau ab: Rauchen, jahrelange Einnahme der Pille oder anderer Medikamente, die die Immunabwehr beeinflussen, schlechte Ernährung und ein ausschweifendes Sexleben in sehr jungen Jahren, in denen das weibliche Immunsystem noch nicht ausgereift ist, erhöhen die Gefahr, dass die Virusinfektion chronisch wird und sich zu bösartigem Krebs entwickelt.

Um dieses Risiko zu bannen, macht der Frauenarzt einen Zellabstrich bei der jährlichen Früherkennung - auf die auch Geimpfte übrigens weiterhin nicht verzichten dürfen, denn der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs ist ja nicht vollständig.

Ein anderes Problem der Impfung betrifft das so genannte "Replacement". Darauf machte im August 2008 die norwegische Immunforscherin Charlotte Haug im New England Journal of Medicine aufmerksam. Es gebe Hinweise, schrieb sie, dass eine Unterdrückung der aggressiven HPV-Viren 16 und 18 andere Krebsvorstufen beschleunigen könnte. Man kennt dieses Replacement von Bakterien. "Theoretisch" sei das zwar möglich, entgegnete die Stiko, werde aber von Experten "eher als unwahrscheinlich angesehen". Bisher lägen "keine Daten vor, die ein solches Phänomen statistisch eindeutig belegen würden".

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Autor:  BIRGITTA VOM LEHN
Datum:  31 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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