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Wirkung von Farben: Geheimnisvolles Rot

Es steht für Begehren, löst mitunter unterwürfiges Verhalten aus, und auch der Weihnachtsmann setzt auf Rot. Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen versuchen deshalb, die Wirkung der geheimnisvollen Farbe zu enträtseln.

        

Das Kostüm des Weihnachtsmanns   ist     heute weltweit bekannt.
Das Kostüm des Weihnachtsmanns ist     heute weltweit bekannt.
Foto: Michael Schick

Marthe, die Heldin in Noëlle Châtelets Roman „Die Klatschmohnfrau“, betrachtet ihr Schlafzimmer: „Kann man sich etwas Jämmerlicheres vorstellen als diese einheitlichen, verblichenen Beigetöne der Vorhänge und der Tagesdecke?“ Bei der Einrichtung dürften ihr Witwendasein und ihre Einsamkeit eine Rolle gespielt haben. An diesem Morgen ruft das verblichene Beige, oder anders gesagt, das Fehlen jeder Farbe, bei Marthe richtig Übelkeit hervor. Sie will für ihr Schlafzimmer eine richtige Farbe mit Rot oder Violett darin, wie das Hemd des „Mannes mit den tausend Halstüchern“. Sie wählt einen perlmuttglänzenden Stoff aus, der mit leuchtenden roten Blumen übersät ist, die wie Girlanden oder Sträuße von Kussmündern angeordnet sind.

„Das ist bestimmt Klatschmohn, zumindest eine Art Klatschmohn“, vermutet Felix, „der Mann mit den tausend Halstüchern“, beim ersten Besuch in Marthes Schlafzimmer. Im gedämpften Licht des Klatschmohns lassen sich ihre nackten alten Körper leichter vergessen, findet sie.

Klatschmohn, sagt man, sei die Blume des Begehrens. Marthes Lieblingsfarbe. Die verbotene Farbe. Fünfzig Jahre sind mit einem Schlag aufgehoben. Fünfzig Jahre einer Mauer aus grauem Sand. Im Sommer vor ihrer Verlobung mit Edmond trug Marthe fast jeden Tag ihre klatschmohnfarbene Bluse, bevor diese Bluse erbarmungslos aus ihrer Garderobe verbannt worden war. Edmond, der Farblose, der eintönige Edmond.

Felix schickt ihr seine alte Schallplatte mit Aufnahmen aus dem „Barbier von Sevilla“ in Erinnerung an ihren ersten gemeinsamen Opernbesuch, ein Abend „im Zeichen des Rots.“ Karmesinrotes Plüsch der Sessel, schwere Purpurfalten der Vorhänge, das orange Kleid Rosinas, das hitzige Blut des Grafen Almaviva und schließlich Figaro, der entfesselte Feuergeist, der Brandstifter, der die Herzen entflammt. Mit der Schallplatte schickt der „Mann mit den tausend Halstüchern“ ihr einen Brief. Marthe hat ihren ersten Liebesbrief erhalten. Sie ist siebzig Jahre alt. Auch viele Wissenschaftler haben schon versucht, der Bedeutung der Farbe Rot auf den Grund zu gehen. Psychologen, Evolutionsbiologen, Gehirnforscher, Wirtschafts- und Sportpsychologen kommen dabei zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Die Autorin der „Klatschmohnfrau“ lehrt Kommunikationswissenschaft in Paris und spielt in ihren Romanen und Erzählungen gerne mit Farben. Mit dem Rot lässt sie Liebe, Leidenschaft, Lust und Begehren in das bis dato eintönige Leben der verliebten Marthe zurückkehren.

Rot als Warnfarbe

Im Widerspruch zur „Farbe der Liebe“ steht das Ergebnis einer im Juni veröffentlichten Studie von Hirnforschern und Anthropologen des Dartmouth College: Rot mache vorsichtig und unterwürfig. Auch das ist eine Wirkung von Rot: Nahezu weltweit bedeute Rot Stopp, Gefahr, Hitze, meint Studienleiter Jerald Kralik. In seinen Versuchen mit männlichen Rhesusaffen wollte er klären, ob das zufällig, kulturell überliefert oder evolutionär bedingt ist. „Die Ähnlichkeit unserer Ergebnisse mit denen bei Menschen legt nahe, dass durch Rot ausgelöstes Vermeidungsverhalten und Unterwürfigkeit eine vererbte Anlage ist“, erläutert Kralik.

In den Versuchen näherten sich jeweils ein Mann und eine Frau den Affen, die wie der Mensch rote, grüne und blaue Farbe unterscheiden können. Sie legten einen Apfelschnitz auf den Boden und entfernten sich zwei Schritte. In der Regel rannten die Affen sofort zum Apfelstück, stibitzten es, rannten weg und aßen es auf. Dabei war das Geschlecht der Menschen egal und ebenfalls, ob sie ein grünes oder blaues T-Shirt trugen. Nur wenn eine Person in Rot gekleidet war, ließen die Affen das Obst unberührt. Die Forscher glauben, dass diese Abneigung eine evolutionäre Anpassung ist. „Wir – die Primaten und dann die Menschen – sind sehr optisch und sozial orientiert“, erklärt Kralik. „In beiden Bereichen ist Farbe sehr wichtig: Sagt sie uns doch, welche Früchte essbar sind, oder hilft uns, die Gefühle anderer anhand ihrer Hautrötung einzuschätzen.“ Ein rötliches Gesicht des Gegenübers deute auf starke Erregung hin und mache vorsichtig, erklärt der Studienleiter. Farben hätten vermutlich einen tieferen und weiter reichenden Einfluss auf uns, als wir annehmen.

Nicht umsonst gilt Rot auch dem Menschen als Warnfarbe beispielsweise beim Stoppschild, der Verkehrsampel oder Absperrungen. Rot macht wachsam und konzentriert, konnte die Wirtschaftspsychologin Juliet Zhu in einer Studie an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver nachweisen.

Dafür mussten die Probanden am Computer verschiedene Hirnleistungstests wie Wortfindung, Gedächtnis, Produktbewertung, Korrekturlesen oder kreative Problemlösung absolvieren. Der Bildschirmhintergrund war entweder rot, blau oder weiß. Die Forscherin wollte herausfinden, ob die Bildschirmfarbe das Testergebnis verändert. Es zeigte sich, dass die Farbe Blau sowohl die einzelne Kreativitätsleistung steigert als auch zu mehr kreativen Lösungen führt. Rot hingegen schärft die Wachsamkeit für Details, macht vorsichtig und hilft so, Fehler zu vermeiden.

„Die Farbe Rot macht uns aufmerksam, lässt uns Gefahr wittern und bereitet uns auf Kampf oder Flucht beziehungsweise Vermeidungsverhalten vor“, erklärt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Wenn „die rote Lampe angeht“, vermeiden wir das Risiko. Blau sei der Himmel und das Meer. Diese Farbe stehe eher für Aufgeschlossenheit, Ruhe und Frieden. „Sind Ruhe und Frieden im Gehirn aktiv, dann sollte sich ein entsprechender Neuromodulationszustand einstellen, der weites Assoziieren und damit Kreativität fördert.“ Ganz anders verhält es sich bei Gefahr, die wir zu vermeiden suchen. „Um dies effektiv zu tun, müssen wir genau sein, uns auf das Wichtige beschränken und alles Unnötige ausblenden“, erläutert Spitzer.

Die Wirkung von Rot als Signalfarbe bei Gefahr bestätigen Experimente, die der Psychologe Andrew Elliot von der Universität Rochester im April veröffentlichte: Rot macht schnell und stark – zumindest kurzfristig. In verschiedenen Experimenten ließ Elliot seine Probanden eine Metallklammer oder einen Griff herunterdrücken. Unter dem Einfluss von Rot, im Gegensatz zu blau und grau, stiegen sowohl die Kraft des Zugriffs als auch die Reaktionsgeschwindigkeit deutlich an.

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Autor:  Margit Mertens
Datum:  30 | 7 | 2011
Seiten:  1 2
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