Und ewig rauscht der Kernspintomograf. Eine halbe Ewigkeit, so kommt es dem Studenten vor, liegt er nun schon in der Röhre. Komische Situation. Irgendwo da draußen müssen die Forscher vor ihren Monitoren sitzen und seinem Gehirn bei der Arbeit zuschauen.
Aber was heißt hier Arbeit? "Machen Sie es sich bequem, tun Sie nichts, aber bleiben Sie bitte wach", hatte die Doktorandin ihm aufgetragen. Und nun liegt er hier, von der Forschung engagiert fürs Nichtstun. Er spürt, wie seine Gedanken umherzuschweifen beginnen.
In eine Art Grundeinstellung (default mode) fällt das menschliche Gehirn, wenn es keine akuten Aufgaben zu erledigen hat, die seine Aufmerksamkeit erfordern.
In diesem Zustand wird ein charakteristisches Netzwerk aktiv, das bei Erwachsenen unter anderem den mittleren präfrontalen Kortex, Teile des Parietal- und des Temporalkortex und den hinteren cingulären Kortex umfasst.
Ist dieser Schaltkreis in Betrieb, widmen sich Menschen meist "inneren" Betrachtungen wie etwa Tagträumen oder dem Durchspielen von Episoden aus ihrem Alltag, wobei sie sich in die beteiligten Akteure hineinversetzen.
Sobald eine Aufgabe zu lösen ist, die außengerichtete Aufmerksamkeit und das Verarbeiten von Sinnesinformationen erfordert, werden im Gehirn andere Netzwerke aktiv.
Der Prüfungstermin nächste Woche fällt ihm ein. Und dass er sich endlich mal wieder bei seinen Eltern melden müsste. Das Abenteuer mit Britta, letzten Sommer am Stand Etwa ein Drittel unseres Wachlebens verbringen wir mit Tagträumen.
Was denken Menschen, wenn sie an nichts Bestimmtes denken? Und was geht dabei in ihrem Gehirn vor? Man sollte erstens annehmen, dass es auf Sparflamme schaltet und sich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich verteilt. Stimmt aber nicht. Wie sich herausgestellt hat, sind beide Annahmen falsch.
Erstens ist das Gehirn in seinem "Ruhemodus" alles andere als ruhig. "Wenn wir tagträumen, sind unsere Gehirne sehr aktiv viel aktiver, als wenn wir mit Routineaufgaben beschäftigt sind", erläutert die Biopsychologin Kalina Christoff von der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver.
Und zweitens zeigen die Gehirne in diesem Zustand des unspezifischen Gedankenschweifenlassens ein erstaunlich spezifisches und einheitliches Aktivierungsmuster: Das Zentralnervensystem fällt dann in eine Art Grundeinstellung zurück, in den "default mode of the brain", wie ihn sein Entdecker Marcus Raichle vor acht Jahren taufte.
Raichle, Neurologe und Radiologe an der Washington University in St. Louis und einer der Pioniere bei der Entwicklung moderner Hirnscan-Verfahren wie der Magnetresonanz- und der Positronen-Emissions-Tomografie, beschrieb im Jahr 2001 ein spezifisches Netzwerk, das im Gehirn immer dann aktiv wird, wenn es keine drängenden Aufgaben zu erledigen und keine Umweltreize zu analysieren gibt.
Es umfasst unter anderem Bereiche im mittleren Stirnhirn, in der Übergangsregion zwischen Scheitel- und Schläfenlappen sowie im hinteren cingulären Kortex.
Aktiver Zustand
Dieses Netzwerk, dessen Existenz inzwischen von Forschungsgruppen rund um den Globus bestätigt wurde, hat unter Neurowissenschaftlern zu lebhaften Diskussionen geführt und ein neues Forschungsfeld eröffnet.
Die Forscher sehen in diesem Schaltkreis heute nicht mehr, wie zunächst vermutet, eine energiesparende Stand-by-Einstellung unseres Denkapparats, eine Art neuronales Dösen, sondern im Gegenteil einen äußerst aktiven Zustand, in den das Gehirn immer dann verfällt, wenn die Anforderungen des Alltags dies zulassen.
Dann hat es Zeit, sich den zwar nicht drängenden, aber wichtigen Fragen des Lebens zuzuwenden. Doch welche Fragen sind das? Worauf verwendet das Gehirn ohne Not so viel Energie, fragt sich auch der Neurophilosoph Evan Thompson von der Universität von Toronto: "Das Gehirn ist ständig aktiv, aus eigener Initiative und auf organisierte Weise. Doch was ist die Bedeutung dieser weitverzweigten Aktivität?" Und er gibt die Antwort gleich selbst: "Während Ruhezeiten, wenn man keine Aufgabe zu bewältigen hat, ist man in einem Zustand, der sich auf das Selbst hin orientiert."
Das Gehirn verändert dann die Richtung seiner Aufmerksamkeit, lenkt sie nach innen. Der Neurologe Leonhard Schilbach und seine Mitforscher an der Universität Köln und am Forschungszentrum Jülich sprechen von einem "robusten Muster innengerichteter Hirnaktivität".
Sobald es die Gelegenheit dazu hat, lauscht das Gehirn in sich hinein. Der Fokus des Nachdenkens richtet sich auf die eigene Person, auf das weitverzweigte Netzwerk des "Selbst". Werden wir in diesen Momenten folglich zu Autisten auf Zeit, kurzgeschlossen in unserer Binnenwelt?
Nicht wirklich, denn wenn wir über uns selbst nachdenken, denken wir automatisch und viel intensiver als in der Hektik des Tagwerks auch über die Menschen nach, die uns nahestehen. Man kann das überprüfen, indem man sich selbst beim Tagträumen beobachtet oder andere fragt, was ihnen durch den Kopf gegangen ist, als sie an "nichts Besonderes" denken sollten.
Hirnforscher fanden aber auch indirekte Belege: So ähnelt das Aktivierungsmuster des Gehirns beim Tagträumen in auffälliger Weise jenem Muster, das Versuchspersonen zeigen, wenn sie sich zum Beispiel an wichtige Ereignisse in ihrem Leben erinnern sollen oder wenn man sie bittet, sich selbst einzuschätzen.
In Momenten der Ruhe ist vor allem der innengerichtete Schaltkreis aktiv aber wohl nicht ausschließlich dieser. Steven Laureys stellte mit seiner Arbeitsgruppe an der Universität Lüttich fest, dass bei ruhenden Versuchspersonen die Zielrichtung der Aufmerksamkeit oft zwischen Selbst und Welt hin und her pendelt, im Schnitt etwa alle 20 Sekunden.
Meditieren ist hilfreich
Hingegen scheinen Menschen, die im Meditieren geübt sind, gut steuern zu können, ob sie den Scheinwerfer ihres Gehirns nach außen oder nach innen richten ob sie also den Schaltkreis des Handelns oder den des sozialen Nachdenkens anknipsen, wie Evan Thompson beobachtete.
Schämen muss sich jedoch niemand, wenn die Gedanken sich ab und zu von ihrem willentlich zugewiesenen Arbeitsplatz entfernen und scheinbar ziellos umherstreunen. "Wenn Sie tagträumen, erreichen Sie vielleicht nicht Ihr unmittelbares Ziel sagen wir, der Handlung des Buches oder dem Unterricht zu folgen", meint Kalina Christoff. "Doch möglicherweise nutzt Ihr Geist diese Zeit, um bedeutsameren Fragen in Ihrem Leben nachzugehen."
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