Wer am Wochenende etwas für den Kopf tun will, ist gut aufgehoben bei den Helmholtz-Humboldt-Sonntagsvorlesungen. In wenigen Tagen beginnt ein neuer Zyklus. Im Mittelpunkt steht, passend zur Thematik des Wissenschaftsjahres 2013, der demografische Wandel. Den Auftakt macht die Dresdner Ärztin und Forscherin Vjera Holthoff mit einem Kurzvortrag über den Erhalt der geistigen Vitalität.
Frau Professor Holthoff, mit welchen Beschwerden kommen die Leute in Ihre Gedächtnissprechstunde?
Viele sind beunruhigt, weil sie sich Dinge nicht mehr so gut merken können wie früher. Dem einen ist der Name eines Bekannten auch nach ausgiebigem Grübeln nicht mehr eingefallen, die andere hat mehrfach ihre Brille verlegt und sie erst nach langem Suchen wiedergefunden.
Jeder Mensch ist anders, deshalb werden auch keine zwei Menschen genau die gleichen Symptome haben. Dennoch gibt es typische Anzeichen, die auf Demenz hindeuten, oder auf Alzheimer, die häufigste Form der Demenz.
1. Vergesslichkeit
Besonders ein abnehmendes Kurzzeitgedächtnis gehört zu den häufigsten Symptomen von Alzheimer-Demenz. Betroffene vergessen Dinge und können sich auch später nicht mehr erinnern. Ist es normal, den Namen des Nachbarn vergessen zu haben, mit dem man nachmittags geplaudert hat, vergessen Alzheimer-Patienten nicht nur den Namen. Sie wissen nicht mehr, dass die Begegnung überhaupt stattgefunden hat.
Foto: dpaMuss man sich bei solchen Allerwelts-Symptomen Sorgen machen?
In der Regel nicht. Sie sind Teil des normalen Alterungsprozesses, der ja nicht nur den Körper erfasst, sondern auch das Gehirn. Bedenklich wird es aber, wenn wir uns nicht mehr daran erinnern können, woher wir eine bestimmte Person kennen und was wir mit ihr erlebt haben. Oder wenn nach dem Verlust der Brille eine wirre Suche beginnt, weil uns jeder Anhaltspunkt fehlt. Am Ende liegt die Brille vielleicht im Kühlschrank und keiner weiß, wie sie dahin gekommen ist. Das deutet auf den Ausfall einer Verknüpfung im Gehirn hin und möglicherweise auf eine beginnende Demenz.
Auch in diesem Frühjahr lädt Deutschlands größte Forschungsorganisation, die Helmholtz-Gemeinschaft, zusammen mit der Humboldt-Universität interessierte Bürger zu drei Sonntagsvorlesungen in Berlin ein. In Rede und Gegenrede beleuchten jeweils zwei Wissenschaftler ein Thema aus verschiedenen Perspektiven.
Jeder Einzelne kann viel für die Hirngesundheit im Alter tun, so lautet Vjera Holthoffs These. Die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie hat in Köln studiert und kam 1995 an das Universitätsklinikum der Technischen Universität Dresden. Heute ist sie dort stellvertretende Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie leitet zudem die Forschungsgruppe „Kognitive Neuropsychiatrie“ innerhalb des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen.
Die Rolle der Wohnung und des Wohnumfelds für die geistige Vitalität wird heute vernachlässigt, kontert Ilse Helbrecht. Sie fordert eine neue Stadtkultur, die auch den Bedürfnissen alter Menschen entspricht. Helbrecht ist Professorin für Kultur- und Sozialgeographie an der Humboldt-Universität. Zuvor forschte und lehrte sie an den Universitäten Bremen, Amsterdam und an der Technischen Universität München. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit dem Stadtmarketing, ihre Habilitationsschrift trägt den Titel „Die kreative Metropolis“.
Die Sonntagsvorlesung „Wir werden alt – und das Gehirn bleibt jung?“ findet am 17. März im Senatssaal des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität statt (Unter den Linden 6, 10117 Berlin-Mitte). Beginn: 11 Uhr. Nach den Vorträgen gibt es Gelegenheit, Fragen zu stellen und zu diskutieren. Der Eintritt ist frei; Kinder werden kostenlos betreut. Dies gilt auch für die beiden nächsten Vorlesungen am 28. April (Ernährung) und 26. Mai (Volkskrankheiten).
Weitere Informationen: www.helmholtz.de/sonntagsvorlesung
Bei wie vielen Ihrer Patienten haben Sie diesen Verdacht?
Ein Drittel derjenigen, die in die Gedächtnissprechstunde kommen, kann ich guten Gewissens nach dem ersten Gespräch nach Hause schicken: Ihre kleinen Beschwerden sind alterstypisch und nicht krankhaft. Die anderen zwei Drittel untersuchen wir genauer. Denn Vergesslichkeit kann viele Ursachen haben: eine Depression etwa oder eine Unterfunktion der Schilddrüse. Auch Beruhigungsmittel aus der Klasse der Benzodiazepine beeinträchtigen auf Dauer das Erinnerungsvermögen. Zum Schluss bleibt ein Drittel zurück, bei denen eine beginnende Demenz zu vermuten ist.
Wie überprüfen Sie den Verdacht?
Dafür haben wir eine Reihe von Tests, die etwa eine Stunde dauern. Wie gut kann der Patient sich Fakten merken? Kann er sie auch nach einer halben Stunde noch abrufen? Kommen die Sätze flüssig oder ringt er um Worte? Wie gut ist die räumliche Orientierung? – Werden bei diesen Aufgaben bestimmte Grenzwerte unterschritten, deutet das auf krankhafte Abbauprozesse im Gehirn hin. In meiner Abteilung entwickeln wir übrigens die Grundlagen für noch einfachere, aber mindestens ebenso aussagekräftige Tests.
Was kann man tun, um die Denkfähigkeit möglichst lange zu erhalten?
Bewegung ist unheimlich wichtig. Wir empfehlen zum Beispiel einfache Balance-Übungen: Wer öfter mal auf einem Bein steht, tut seinem Kopf etwas Gutes. Und Tanzen fordert das Gehirn gleich dreifach: Man muss sich auf den Partner einstellen, auf die Musik und lernt immer wieder neue Schrittmuster. Lernen ist überhaupt die beste Medizin gegen den geistigen Abbau. Wer früh damit angefangen hat und ein Leben lang neugierig geblieben ist, verfügt im Alter über genügend Reserven, um leichte Verluste zu kompensieren.
Was halten Sie von Kreuzworträtseln zur Prävention?
Das ist eine gute Sache, wenn das Gehirn dabei wirklich gefordert wird. Dreimal pro Woche zwanzig Minuten und so schwer, dass man zum Lösen ein Lexikon braucht – das raten wir unseren Patienten. Auch Worträtsel sind gut geeignet, um das sprachliche Vermögen zu trainieren. Künftige Generationen werden hoffentlich geeignete Computerspiele entwickeln – heute sehe ich da noch eine große Marktlücke. Aber zu viel sollte man sich von der Rätselei auch nicht versprechen. Denn Denksport erhöht zwar die Fertigkeit bei bestimmten Aufgaben, verbessert jedoch nicht die gesamte Hirnleistung.
Beobachten Sie familiäre Häufungen von Demenzen?
Erblich ist nur eine sehr seltene Form von Alzheimer, die schon in jungen Jahren einsetzt. Unser jüngster Patient war 31 Jahre alt. Dennoch scheint es eine familiär bedingte Empfänglichkeit für Demenzleiden zu geben, wie die Häufung in manchen Familien vermuten lässt. Die Ursachen sind noch nicht klar. Aber auch hier ist eine früh einsetzende Therapie von Vorteil.
Eine Demenz ist nicht heilbar. Warum werben Sie trotzdem für die Früherkennung?
Weil der Krankheitsverlauf in der Anfangsphase deutlich gebremst werden kann. Wichtig ist, dass der Patient Menschen hat, die sich um ihn kümmern und einen guten Hausarzt, der die körperliche Gesundheit im Blick hat. Auch die beiden in Deutschland zugelassenen Arzneimittelgruppen sind im Frühstadium besonders wirksam: Unruhe, Aggressivität und Depressionen, die die Krankheit oft begleiten, treten dadurch seltener und später auf. Für die Zukunft versprechen wir uns viel von den Trainingsprogrammen, die wir in Dresden zusammen mit anderen Teams entwickeln. Es geht darum, die Patienten zu aktivieren – mit Sport, Beschäftigungsprogrammen und gezieltem Ausschöpfen von Reserven. Manchmal sind die Potentiale verschüttet, dann muss man sie aufspüren.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Einer unserer Patienten war früher Fotograf. Er hatte komplett mit dem Fotografieren aufgehört, weil er es körperlich nicht mehr schaffte. Als wir genauer nachfragten, stellte sich heraus, dass er den Auslöser nicht mehr fühlen konnte. Etwas Krepppapier brachte die Wende zum Positiven: Auf den Auslöser geklebt, konnte der Fotograf ihn wieder erfühlen. Auf einmal hatte er erneut Freude am Spazierengehen und am Kontakt mit Menschen – er konnte ja wie früher Bilder machen.
Wie lange lässt sich die Krankheit aufschieben?
Genaue Zahlen liegen nicht vor. Dafür bräuchte man Langzeitstudien und die fehlen. Was ich sage, basiert auf langer praktischer Erfahrung. Wir haben jetzt zum Beispiel einen Demenzpatienten in Behandlung, der unbedingt allein zu Hause leben will und das auch seit fünf Jahren schafft – unterstützt durch ambulante Dienste.
Ist das eine Ideallösung?
Nein, aber sie zeigt, was möglich ist. Die heute Hochbetagten scheuen sich, Hilfe von außen zu beanspruchen. Sie wollen so lange wie irgend möglich zu Hause leben. Meist gelingt das auch, weil ihre Familien für sie da sind und die Ehepartner mit großer Selbstverständlichkeit und Opferbereitschaft die Pflege übernehmen. Meine Assistenten bewundern das oft.
Wer wird sich in Zukunft um die Pflege kümmern?
Die nachwachsende Generation alter Menschen hat weniger Skrupel, sich Hilfe ins Haus zu holen. Sie können mit Computern und Medien umgehen und organisieren sich Unterstützung durch ambulante Dienste. Da werden uns noch viele gute Lösungen einfallen: attraktive Mehrgenerationenhäuser in zentraler Lage, schlaue Technik für die Wohnung, schicke Rollatoren und vieles mehr.
Interview: Lilo Berg
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