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Gemeinsames Lernen: "Max ist eben Max"

Max hat das Down-Syndrom, seine Schwester lernt schnell. Die Mannweilers machen vor, dass gemeinsames Lernen funktioniert - und stellen fest, dass das staatliche Schulsystem bei der Integration hinterher hinkt. Von Katja Irle

Jana versteht ihren Bruder Max am besten, ohne Worte. Der Dreijährige lernt gerade sprechen und verständigt sich so lange gestisch und mimisch − auch mit seinen Eltern, Andreas und Natascha Mannweiler.
Jana versteht ihren Bruder Max am besten, ohne Worte. Der Dreijährige lernt gerade sprechen und verständigt sich so lange gestisch und mimisch − auch mit seinen Eltern, Andreas und Natascha Mannweiler.
Foto: FR / Arnold

Morgens ist Max immer der Erste. Spätestens um Sieben hält ihn nichts mehr im Bett. Schlaf? Ein notwendiges Übel. Max braucht nicht viel davon - ganz anders als Jana, die ältere Schwester. Sie ist kaum wachzukriegen. Nach dem Aufstehen läuft es dann bei den beiden meistens umgekehrt: Jana ist vorne dran, während Max für viele Dinge ziemlich lange braucht.

Der Dreieinhalbjährige kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt und lernt jetzt gerade sprechen. Jana ist sechs, erkannte schon mit zwei Jahren die ersten bunten Magnetbuchstaben auf dem Kühlschrank. Mit Vier fing sie an zu lesen und zu schreiben.

Inklusive Bildung

Die Behindertenkonvention der Vereinten Nationen (UN), die Deutschland unterzeichnet hat, zielt auf die Chancengleichheit behinderter Menschen. Für die Schulen bedeutet sie, dass behinderte Kinder das Recht haben, gemeinsam mit nicht-behinderten Gleichaltrigen unterrichtet zu werden.

Langfristig würde das das Ende der Sonderschulen in Deutschland bedeuten. Ein Großteil der Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" ist nicht körperlich oder geistig behindert, sondern hat Lernschwierigkeiten − Tendenz steigend. ki

Im Kinderzimmer hocken die Geschwister auf dem Fußboden vor dem Regal. Darin stapeln sich die Bücher bis zur Decke. Oft liest Jana ihrem Bruder vor, aber jetzt blättert er selbst. Max schnappt sich "Die Schnecke und der Buckelwal", rennt damit in die Küche. Es ist die Geschichte einer ungleichen Freundschaft, die eine klein, der andere groß, die eine schleicht, der andere rast durchs Leben. Hochkonzentriert blättert Max um, beobachtet Schnecke und Wal bei ihren Abenteuern.

Jana schleppt unterdessen die Tonsachen aus dem Töpferkurs an. Kunst, Sport, Musik − das ist ihr Nachmittagsprogramm nach der Schule. Anders als im Unterricht langweilt sie sich dabei nie. Das Wort Hochbegabung nehmen Janas Eltern nicht in den Mund. Genauso wenig wie sie nach Defiziten bei Max suchen. Vergleiche zwischen den Kindern ziehen sie ungern. "Geschwister sind eben verschieden", sagt ihr Vater, Andreas Mannweiler. "Max ist sehr langsam und Jana sehr schnell." So einfach ist das. Was den Eltern zu schaffen macht, ist vielmehr eine Gemeinsamkeit der beiden: "Langsam lernen, schnell lernen - beides ist im deutschen Schulsystem nicht vorgesehen."

Vom Küchenbalkon der Darmstädter Altbauwohnung blickt Jana auf ihren Schulhof. Seit sie fünf ist, besucht sie dort die zweijährige Eingangsstufe − das Überbleibsel einer hessischen Reformbewegung Ende der 60er Jahre, bei der die Kinder früher eingeschult und an das schulische Lernen gewöhnt werden sollen. Individuelle Förderung inklusive.

Vom Konzept her die ideale Schule für ein Kind, das schon mit vier Jahren den Notruf der Feuerwehr auswendig wusste und mit fünfeinhalb ans Multiplizieren und Dividieren ging, während Gleichaltrige noch eins plus drei an den Fingern abzählten. "Die Eingangsstufe könnte ein prima Modell sein, weil die Lehrer an die unterschiedlichen Begabungen der Kinder gewöhnt sind", sagt Janas Mutter, Natascha Mannweiler. Doch ihre Tochter langweilt sich im Unterricht.

Deshalb wechselt sie im Sommer auf eine freie reformpädagogische Schule, die die Eltern zunächst für Max im Auge hatten. "Da darf ich lernen, was ich will", hofft Jana. Der Unterricht ist jahrgangsübergreifend, die Lehrer unterrichten drei Klassen gemeinsam. So wäre es theoretisch möglich, dass Jana und Max irgendwann gemeinsam in einer Klasse sitzen. Es wäre ein bisschen so wie die Schnecke und der Wal bei ihrer Reise um die Welt.

Wäre. Theoretisch. Denn die Plätze an der integrativen Privatschule sind begehrt. Und das staatliche Schulsystem, so kritisiert die Familie, hinke bei der Integration weit hinterher. Was die Mannweilers in ihrem Alltag wie selbstverständlich leben, ist für die meisten Schulen immer noch eine enorme Herausforderung. Das dreigliedrige Schulsystem ist mit Ausnahme der Grundschulen traditionell auf homogene Gruppen ausgerichtet, nicht auf einen pädagogisch und didaktisch anspruchsvollen Balanceakt, bei dem schwächere und stärkere Schüler voneinander lernen.

Wie gut das funktionieren kann, erleben die Mannweilers gerade im integrativen Kindergarten, den Max besucht. Anfangs war da die Angst, dass der Junge nicht mithalten kann, dass es ihn frustriert, wenn Gleichaltrige in der Entwicklung viel weiter sind als er. Aber die Sorge war unbegründet. Max ist beliebt, wird zu Kindergeburtstagen eingeladen und hat gleichzeitig den fürsorglichen Mädchen in seiner Gruppe klar signalisiert, dass er nicht betütelt werden will.

Manchmal fragen die Kinder, warum Max kaum spricht, noch nicht richtig kauen kann und ihm noch so viele Zähne fehlen. Max ist eben langsamer. Das reicht als Erklärung. Sie haben gelernt, Max’ Gebärdensprache zu verstehen. Denn wenn ihm die Worte fehlen, was meistens der Fall ist, dann redet er mit den Händen.

Aber nicht alles ist gut. Nicht jeder Tag läuft reibungslos für Max, den Kurzschläfer. Manchmal frustriert es ihn, dass er an Grenzen stößt, dass die anderen Kinder nicht reagieren, wenn er mit Gestik und Mimik spricht.

Niemand kann vorhersagen, wie sich Max entwickeln wird. Für seine Eltern ist das manchmal schwer auszuhalten. "Er wird auf jeden Fall sprechen lernen", sagt Andreas Mannweiler dann aber ohne eine Spur von Zweifel in der Stimme: "Wir brauchen nur viel Geduld." Und eine gute Schule.

Im Kinderzimmer steigt der Geräuschpegel. Max trommelt, er krächzt wie ein großer starker Vogel, der sich etwas heiser gesungen hat. Wie Jana geht auch Max zur Musikschule. Manchmal machen sie zusammen Musik. Jana versteht Max blind, besser als ihre Eltern. Sie weiß fast immer, was ihr Bruder will.

Als Max auf die Welt kam, war Jana fast drei Jahre alt. Die Eltern erklärten, dass Max behindert ist und Unterstützung braucht. Alles andere ist für die Sechsjährige bis heute nicht greifbar: Max wächst langsamer, lernt langsamer und isst am liebsten Joghurt, weil er nicht richtig kauen kann. Warum mehr erklären? Auch Max’ Eltern suchen nicht nach Erklärungen. "Max ist eben Max", sagt Natascha Mannweiler und lacht. Es klingt ehrlich und unbeschwert.

Auf seine Behinderung waren sie und ihr Mann nicht vorbereitet. Eine Fruchtwasseruntersuchung hätte das Down-Syndrom diagnostizieren können, aber die Mannweilers hatten sich schon vor Janas Geburt dagegen entschieden. "Es hätte keine Konsequenzen gehabt, wenn wir es gewusst hätten", sagt Natascha.

Übel nimmt sie dem Krankenhaus allerdings bis heute die unsensible Behandlung nach der Geburt. Der Arzt schickte den Vater mit dem Baby zur Kinderklinik, ohne ihm den Verdacht mitzuteilen. Natascha blieb im Kreißsaal zurück. Eine Hebamme brachte Tee und die Nachricht vom Down-Syndrom. Dann ließ sie die Mutter allein - glücklich über das Kind, aber geschockt über das Unvermögen des Personals.

Vielleicht hätten Sie ihr sagen sollen, dass Max vermutlich ein ganz normales Leben führen wird. Es hätte in diesem Moment Mut gemacht. Stattdessen hörte die Mutter, dass Down-Kinder nicht an der Brust trinken, dass viele Herzprobleme haben. Max’ Herz ist gesund. Und er ließ sich problemlos stillen.

Natürlich gibt es Grenzen. Die Förderung, die Max erhält, wird ihn weit bringen. Aber wie weit? Er wird mit 18 vermutlich nicht einfach ausziehen wie vielleicht Jana. Die Förderschule ist bei der Planung nur die letzte Möglichkeit. Knapp drei Jahre sind noch Zeit − sie arbeitet für die Familie, weil nach der neuen Behindertenkonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland unterzeichnet hat, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollen. Bisher ist das fast überall nur Theorie.

Max und Jana rasen in die Küche. "Bla, bla, bla", sagt das Mädchen. Sie hat jetzt genug vom Palaver. Papa wirft erst Jana hoch in die Luft, dann Max. Der streckt die kurzen Arme bis an die Decke. Wenn alles gut läuft, dann werden beide Riesen.

Autor:  Katja Irle
Datum:  7 | 7 | 2010
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