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Genetisches Gedächtnis: In der depressiven Falle

Nie zuvor konnten Forscher derart detailliert zeigen, wie ein Umweltreiz die Stressachse dauerhaft verstellt und was dabei auf molekularer Ebene passiert. "Dadurch eröffnen sich ganz neue Wege der Depressionsbekämpfung", meint Holsboer. "Und das wird höchste Zeit." Seit 50 Jahren sei kein neues Wirkprinzip für Antidepressiva mehr entdeckt worden. Er verstehe seine Arbeit folglich als "ausgesprochen praxisorientierte Grundlagenforschung." Es handele sich zwar um Tierversuche, weil dabei aber grundsätzliche, auf den Menschen durchaus übertragbare Mechanismen aufgedeckt würden, ergäben sich auch Ansatzpunkte für neue Medikamente.

In einem ersten Schritt solle die Pharmaindustrie vermehrt nach möglichst nebenwirkungsfreien Stoffen suchen, die Vasopressin-Andockstellen hemmen. Im Mäuse-Experiment hat ein Entwicklungskandidat mit diesem Wirkprinzip ja "hervorragende Resultate erzielt", sagt Holsboer. Doch das sei letztlich auch nur eine Symptombehandlung. Man solle deshalb auch testen, ob einige schon heute erhältliche Mittel, die direkt in epigenetische Prozesse eingreifen, auch gegen die Schwermut helfen.

Und in Zukunft gebe es vielleicht aufgrund der neuen Erkenntnisse eine völlig neue, vorbeugende Therapie. Die Forscher entdeckten nämlich auch, dass die epigenetischen Veränderung in zwei Schritten abläuft, wie Dietmar Spengler erklärt: Beim ersten Schritt werde ein Eiweiß, das hilft, die Methylgruppen zu erhalten, umgebaut. Es verliere dadurch seine Kontrollfunktion. "Diese Reaktion könnte man vielleicht recht einfach blockieren und damit die Entstehung einer fehlregulierten Stressreaktion im Vorwege verhindern."

Florian Holsboer hat sogar einen sehr persönlichen Antrieb, eine solche "Präventionstablette" gegen Depressionen zu entwickeln. Er musste die Terroranschläge am 9. September 2001 auf das World Trade Center in New York miterleben. Jahre später untersuchte er mit amerikanischen Kollegen 20 Augenzeugen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, zu deren Leitsymptomen Depressionen gehören. Bei diesen Menschen war eine Reihe von Genen, die an der Regulation des Vasopressin-Gens beteiligt sind, vermindert aktiv.

"Es wäre eine große Hilfe, wenn wir traumatisierten Katastrophenhelfern oder Soldaten direkt nach ihrem Einsatz ein Mittel geben könnten, das spätere Depressionen verhindert", spricht Holsboer von seinem nächsten großen Ziel.

Bis dahin wird man den Betroffenen wohl weiterhin mit Psychotherapie und herkömmlichen Antidepressiva helfen müssen. Vermutlich wirken beide zum Teil auch deshalb, weil sie die Epigenome in Gehirnzellen beeinflussen. Und genau an diesem Punkt könnte schon heute eine neue Art von Depressionsvorsorge ansetzen: Krankenkassen, Arbeitgeber und die Politik könnten für eine größere Entlastung von Schwangerer und von Eltern mit kleinen Kindern sorgen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das langfristig bezahlt macht.

Der Freiburger Psychosomatik-Professor Joachim Bauer gibt jedenfalls zu bedenken: "Ein Staat, der Eltern nicht ausreichende Möglichkeiten einräumt, sich in der frühen Lebensphase ihrer Kinder intensiv um diese zu kümmern, zahlt später einen hohen Preis - in Form einer Zunahme psychischer, insbesondere depressiver Störungen und anderer Stresskrankheiten."

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4 von 4
Autor:  Peter Spork
Datum:  20 | 11 | 2009
Seiten:  1 2 3 4
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