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28. Juni 2012

Geschichte Studie: Demokratie oder Diktatur?

 Von Alice Ahlers
Demokrat oder Diktator? Viele Schüler sind sich da laut einer Studie nicht so sicher. Foto: dpa

Laut einer neuen Studie wissen Schüler wenig über die Geschichte ihres Landes. Doch die Welt dieser Generation ist auch weitaus komplexer. Ob Schüler heute weniger über Geschichte wissen als früher, lässt sich nicht sagen. Dazu fehlen die Vergleichsstudien.

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Angela Merkel als Diktatorin. Und war Hitler ein Demokrat? Laut einer aktuellen Studie sind sich deutsche Schüler da nicht immer so sicher. Sie wissen zu wenig über die Geschichte ihres Landes, ist das Ergebnis einer Untersuchung des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin (FU). Die Wissenschaftler befragten 7 500 Schüler der neunten und zehnten Klasse aus fünf Bundesländern. In den Fragebögen ging es um Wissen über den Nationalsozialismus und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei fiel auf, dass es Schülern besonders schwer fällt, ein Regierungssystem richtig einzuordnen. War die DDR eine Demokratie oder eine Diktatur?

„Das ist erschreckend“, sagt Klaus Schroeder, Professor für Politikwissenschaften und Autor der Studie. „Mich hat vor allem überrascht, wie wenige Schüler die Bundesrepublik für eine Demokratie halten.“ 40 Prozent stuften das wiedervereinigte Deutschland nicht als demokratisch ein. Die DDR war für ein Drittel der Befragten keine Diktatur. Und nur etwa die Hälfte der Jugendlichen bezeichnete das Dritte Reich zweifelsfrei als Diktatur. „Nur wer umfassende Kenntnisse hat, ist in der Lage, ein System richtig einzuordnen“, sagt Klaus Schroeder.

Quer durch alle Schulformen ziehe sich der Befund, dass die Schüler vergleichsweise am meisten über den Nationalsozialismus wissen, deutlich weniger dagegen über die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung sowie die DDR.

Neben Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen wurden auch Jugendliche aus Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt, die bei der Studie am besten abschnitten. Berlin und Brandenburg nahmen nicht teil. Sie hatten aber bereits bei einer Vorgängeruntersuchung zum DDR-Wissen schlechte Ergebnisse erzielt.

Auf die Frage, womit die rot-grüne Bundesregierung das deutsche Sozialsystem reformieren wollte, antworteten 32,1 Prozent: mit dem Solidaritätszuschlag. Immerhin 19,5 Prozent kreuzten die richtige Lösung an: Die Agenda 2010. Der Mauerfall fand für fast die Hälfte im Deutschen Herbst statt. Doch gar nicht mal schlecht für einen Neuntklässler, war das Ergebnis auf die Frage, was am 17. Juni 1953 geschah: 36 Prozent wussten Bescheid – der Volksaufstand der DDR.

Weniger Steinzeit

Der Geschichtsunterricht ist in der Mittelstufe chronologisch aufgebaut. Er beginnt irgendwo in der Steinzeit und arbeitet sich über die Antike und das Mittelalter mit den Schuljahren langsam voran. Erst in der Oberstufe ist der Lehrplan thematisch ausgerichtet. Was nicht mehr in die 10 oder 12 Schuljahre passt, fehlt. Ein Vorgehen, das zunehmend in der Kritik steht. „Man sollte mit der Zeitgeschichte beginnen und dann rückwärtsgehen“, sagt auch Klaus Schroeder. Die Gefahr, dass man am Ende der Schullaufbahn erst bei 1945 ankommt, sei dann nicht mehr gegeben. „Dann weiß man eben über die Steinzeit etwas weniger.“

So einfach ginge das nun aber auch nicht, sagt einer, der sich in der Schule auskennt. Wer sich mit Demokratie befasse, müsse doch schließlich auch schon einmal etwas über das Mittelalter und die Französische Revolution gehört haben, meint Peter Lautzas, Vorsitzender des Verbands der deutschen Geschichtslehrer. Schließlich baue das doch alles irgendwie aufeinander auf.

„Es ist zweifellos so, dass die Geschichte der Bundesrepublik zu wenig Teil des Unterrichts ist“, sagt er. Doch neben Antike, Mittelalter und Neuzeit sei vor allem die unmittelbare Gegenwart so komplex, dass sie dringend mehr Eingang in den Unterricht finden müsse. „Für die Schüler sind die DDR und das Dritte Reich fast so weit weg wie das Mittelalter“, sagt Historiker und Didaktiker Peter Lautzas. Stattdessen stürzten zahlreiche Fragen auf diese Generation ein, auf die sie Antworten suchen. Globalisierung, Finanzkrise, Umwelt. „Man darf die Vergangenheit auch nicht so dominierend behandeln, dass man für die Gegenwart keinen Platz mehr hat.“

Elternhaus beeinflusst

Ob Schüler heute weniger über Geschichte wissen als früher, lässt sich nicht sagen. Dazu fehlen die Vergleichsstudien. Peter Lautzas jedenfalls erlebt Jugendliche als sehr an Historischem interessiert – vor allem am Nationalsozialismus. Besonders dann, wenn sie selbst nachforschen, Zeitzeugen-Interviews führen und Biografien nachspüren könnten, seien sie eifrig bei der Arbeit. „Ich habe ein durchaus positives Bild von den heutigen Schülern.“ Neben all dem Faktenwissen hält Lautzas es vor allem für wichtig, dass Schüler demokratisches Verhalten lernen: Verschiedene Meinungen akzeptieren, den anderen ausreden lassen, zuhören, geschickt argumentieren – das seien Grundregeln, die in jedem Unterricht eingeübt werden sollten.

Die Studie der FU ergab zudem, dass das Geschichtswissen auch mit der Herkunft zusammenhängt. So haben Kinder von Eltern, die in der DDR aufgewachsen sind, ein positiveres Bild von der sozialistischen deutschen Vergangenheit als ihre Altersgenossen mit BRD-Eltern.

„Ostdeutsche Schüler sind stark von ihren Eltern beeinflusst“, sagt Studienautor Klaus Schroeder. „Manchmal glauben sie dann nicht mehr, was in der Schule erzählt wird.“ Lange sei die DDR in den Schulen kaum behandelt worden. Dass sich das langsam ändere, zeigte eine Langzeitstudie, bei der Klassen über anderthalb Jahre begleitet wurden. In der ersten Runde der Befragung charakterisierte ein Drittel der Schüler die DDR als Demokratie. Nach der Behandlung der DDR im Unterricht ging dieser Anteil zurück.

Kinder von Migranten beurteilten sowohl die DDR als auch das Dritte Reich im Schnitt positiver als deutschstämmige Schüler. „Wir sind immer noch viel zu wenig auf die Schüler mit Migrationshintergrund eingestellt“, sagt Peter Lautzas.

Gedenkstätten-Hopping

Eine Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen komme heute in einem Klassenzimmer zusammen. Wenn die Eltern der Schüler aus dem Iran oder Afghanistan stammen, werden zu Hause natürlich andere Geschichten erzählt, als bei einer deutschen Großmutter. Die Themen müssten internationaler und anders angepackt werden. Doch die meisten Lehrer seien dafür nicht ausgebildet worden. „Man kann nicht mehr bei allen einen deutschen bildungsbürgerlichen Hintergrund voraussetzen.“

Zusätzlich untersuchte die Studie auch den Einfluss von Besuchen bei Gedenkstätten. Dabei konnten sie aber keinen eindeutig positiver Effekt dieser Besuche feststellen. Hauptgrund hierfür ist nach Einschätzung der Wissenschaftler die mangelnde Diskussion und Vertiefung der Informationen. Der historische Ausflug müsse im Unterricht auch vor- und nachbehandelt werden, um Wirkung zu zeigen.

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