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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

10. August 2012

Gewalt in Teenager-Beziehungen: Erste Liebe mit schlimmen Folgen

 Von Katja Irle
Junge Opfer von Gewalt sind besonders gefährdet, lebenslang an Gewalt und schlechten sexuellen Erfahrungen zu leiden. Foto: dpa

Gewalt, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung in Paarbeziehungen sind immer noch Tabuthemen. Besonders bei Jugendlichen. Was in den USA schon länger als Teen Dating Violence bezeichnet wird, rückt in Deutschland nun in den Blickpunkt der Forschung.

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Marie (15) ist nach dem ersten Mal alles andere als im siebten Himmel. Ihren Freund scheint das weniger zu stören. „Er möchte es immer und immer wieder. Aber ich möchte das nicht. Ich sage ihm das auch klar und deutlich, aber er bettelt immer wieder darum. Was kann ich dagegen tun?“, fragt sie Dr. Sommer auf der Bravo-Website.

Was sich im Fall von Marie vielleicht mit einem Gespräch oder einer Trennung beheben lässt, kann bei anderen Teenagern zu lebenslangen sexuellen Problemen führen. Experten sprechen von „ungesunden Beziehungen“, wenn ein Partner den anderen in Liebesdingen unter Druck setzt, ihn beschämt, verletzt oder physische Gewalt anwendet. Die jungen Opfer solcher Beziehungen sind besonders gefährdet, weil ihnen positive Erfahrungen und Vergleiche fehlen.

Opfer von Teen Dating Violence, wie dieses Phänomen in den USA genannt wird, haben auch ein höheres Risiko, in der Schule zu versagen, zu viel Alkohol zu konsumieren. Außerdem versuchen sie häufiger, sich selbst zu töten.

Anders als in Deutschland, gibt es in den USA zahlreiche Untersuchungen zur Gewalt in ersten Liebesbeziehungen. Bei einer Befragung von High-School-Absolventen im Jahr 2009 (Youth Risk Behavior Survey) gaben fast zehn Prozent an, von ihrem Freund oder ihrer Freundin geohrfeigt, geschlagen oder in andere Form physisch misshandelt worden zu sein. Eine von sechs amerikanischen Frauen berichtete in einer nationalen Studie im Jahr 2000, mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren oder sogar vergewaltigt worden zu sein. Mehr als die Hälfte der Vergewaltigungen geschah vor dem 18. Lebensjahr.

Auch in Deutschland ist die Gewalterfahrung von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in den Blickpunkt der Forschung gerückt, während die von Männern kaum untersucht ist. In einer Studie des Bundesfamilienministeriums von 2005 gab fast jede siebte Befragte an, seit dem 16. Lebensjahr Formen von sexueller Gewalt erlebt zu haben, die strafrechtlich relevant sind. Bei 25 Prozent waren aktuelle oder frühere Beziehungspartner die Täter.

Jugend und Sexualität

Viele Mythen ranken sich um die Jugendsexualität – etwa jene, dass junge Menschen immer früher Sex haben. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat das in ihrer jüngsten Studie von 2010 widerlegt. 15- bis 17-Jährige von heute sind zwar im Vergleich zu 1980 erfahrener. Doch die Entwicklung scheint sich zu verlangsamen.
Sieben Prozent der Mädchen und vier Prozent der Jungen im Alter von 14 Jahren gaben 2010 an, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben (2005 waren es noch zwölf beziehungsweise zehn Prozent). Zwar wurden Gewalterfahrungen nicht erfragt. Es finden sich Hinweise darauf, dass viele Jugendliche ihre Sexualität selbstbestimmt erleben.
Zu diesem Ergebnis kamen 2009 auch Silja Matthiesen und Gunter Schmidt vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf, als sie 60 Frauen unter 18 Jahren interviewten. Ihr Resümee: „Die Vorstellung, dass Sex wechselseitig sein sollte, dass also beide ihn wollen und beide etwas davon haben sollen, hat den Rang einer Selbstverständlichkeit.“

Drogeneinfluss und verbaler Druck

Doch diese Zahlen können nur eine Ahnung davon vermitteln, wie verbreitet das Zusammenspiel von Liebe, Sex und Gewalt bei Jugendlichen ist. Gewalt in Paarbeziehungen ist mit einem großen Tabu belegt – gerade bei Teenagern. „Der sexuelle Missbrauch von Kindern und auch sexuelle Gewalt unter Erwachsenen sind inzwischen im Bewusstsein der Öffentlichkeit als Probleme fest verankert und in der wissenschaftlichen Forschung etabliert“, sagt die Psychologin Barbara Krahé von der Universität Potsdam. Doch über sexuelle Aggressionen unter Jugendlichen sei weit weniger bekannt. Barbara Krahé forscht seit Jahren auf diesem Gebiet, wobei für sie der Begriff „sexuelle Aggression“ über strafrechtlich relevante Taten wie Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung hinausgeht. In zwei Studien griff sie vor einigen Jahren auf Erfassungsinstrumente der US-amerikanischen Sexual Experiences Survey (SES) zurück. Sie fragte nicht nur nach Sex unter Gewaltanwendung und/oder Drogeneinfluss, sondern auch, ob die Jugendlichen durch verbalen Druck zum Küssen, zu Petting oder Geschlechtsverkehr gezwungen wurden.

Die Ergebnisse belegten, „dass sexuelle Aggression unter Jugendlichen einen nicht zu unterschätzenden Verbreitungsgrad hat“, sagt Barbara Krahé. Und die Täter seien nicht durchweg männlich. „Auch junge Frauen und Mädchen können ein übergriffiges Verhalten an den Tag legen“, bestätigt Petra Brzank, Soziologin an der Hochschule Fulda. Die Forschung sollte sich deshalb mit beiden Geschlechtern befassen. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern wird die Soziologin in den kommenden Wochen 14- bis 17-Jährige in Hessen nach ihren Erfahrungen mit der ersten Liebe befragen. Auch diese Erhebung soll neben physischer Gewalt Erfahrungen mit Beschimpfungen, Cyber-Mobbing oder zwanghafter Eifersucht erfassen.

„Studien aus Großbritannien zeigen, dass Teen Dating Violence in Europa keineswegs selten ist. Aber wir haben für Deutschland zu wenige Daten, um zuverlässige Aussagen zu treffen“, sagt Petra Brzank. Ihr geht es vor allem um die Vorsorge: „Gewalterfahrung ist einer der größten Risikofaktoren für die Gesundheit.“ Deshalb will die Hochschule Fulda ein Präventionsprogramm für Schulen entwickeln.

Tester und Täter

Opferverbände und Beratungsstellen warnen schon seit Jahren, dass sexuelle Gewalt durch Gleichaltrige zum Alltag vieler Jugendlicher gehört. „Bis zu einem Viertel aller Tatverdächtigen bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist unter 21 Jahre alt“, sagt Ursula Schele, Leiterin des Präventionsbüros Petze in Kiel. 13 Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen hätten bereits sexuelle Gewalt durch andere Jugendliche erlebt.

Ursula Schele hält es zwar für völlig normal, dass junge Partner eigene Bedürfnisse durchsetzen möchten. Doch die Expertin unterscheidet zwischen „Testern und Tätern“. Die einen versuchen, Grenzen zu überwinden, respektieren aber ein Nein. Die anderen setzen ihren Willen mit Gewalt durch.

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