Trennen Sie Müll und ärgern sich über Plastiktüten in der Tonne für organischen Abfall? Oder gehen Sie nach Feierabend durch die Büros ihrer Firma, um Lichter auszuschalten? Dann leiden Sie vermutlich an "Carborexie", auch "Energie-Anorexie" genannt. In den USA wären Sie damit ein Fall für den Psychiater.
Tatsächlich definieren US-Seelenärzte ein neues Krankheitsbild unter diesen Namen. Als Patienten gelten Menschen, die obsessiv die Welt retten wollen. Zwar steht das Syndrom nicht auf der offiziellen Liste behandlungsbedürftiger psychischer Erkrankungen. Doch die Psychologin Elizabeth Carl aus Huntington (US-Staat New York) meint: "Wer nicht bei anderen Leuten essen kann, weil es dort keine Bio-Kost gibt, oder seine Freunde kritisiert, weil sie nicht die eigenen ökologischen Standards einhalten, hat ein Problem."
Ihr Kollege Jack Hirschwirt, der als Psychiater im Neurotiker-Mekka Manhattan praktiziert, vermutet bei solchen Menschen eine psychotische Zwangserkrankung. "Bei carborektischem Verhalten sollten die Warnlampen angehen", konstatiert er. "Wir müssen herausfinden, ob die Grenze zu einer krankhaften Störung schon erreicht ist, die Betroffene beruflich beeinträchtigt oder ihr Denken bestimmt."
Mit der Definition neuer Psycho-Leiden sind die US-Seelenklempner flink bei der Hand. Vor einigen Jahren kreierten forensische Psychiater eine neue Diagnose für Übeltäter, die aus unerklärlichen Gründen morden: Diese seien einfach "bösartig" (evil). Nun also die Kohlendioxid-Phobiker.
Sie könnten der Psycho-Zunft in den USA ein lukratives neues Geschäftsfeld eröffnen. Denn eine Umfrage der New Yorker PR-Agentur Porter Novelli lässt erkennen, wie weit der Drang zur Welterrettung bereits verbreitet ist. Von den 12 000 Befragten bekannten sich sieben Prozent als "tiefgrüne" Öko-Aktivisten - so die höchste erreichbare Stufe.
Anzutreffen ist diese Spezies insbesondere an den höheren Bildungsanstalten. Als prototypisch kann das College im Ort Oberlins in Ohio gelten. Dort funktionierten Design-Studenten ein ganzes Haus in eine Experimentieranlage um. Im Winter läuft die Heizung meist nur mit halber Kraft - die Studiosi ziehen dafür warme Pullover an. Neben der Dusche steht eine Uhr zur Messung der Duschzeit.
Manche Heimbewohner zeigen bereits schwere Symptome der Carborexie. Um Warmwasser einzusparen, sitzen sie oft tagelang ungeduscht in den Vorlesungen. Landesweit verpflichteten sich bereits mehr als 470 US-Hochschulen zur CO2-Neutralität. Die renommierte Harvard University etwa kündigte an, ihre Emissionen des Treibhausgases um 30 Prozent zu reduzieren.
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