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12. Dezember 2012

Goldrausch in Peru: Tödliches Goldfieber

 Von Kerstin Viering
Ein Mann sieht Gold: Mienenarbeiter im peruanischen Dschungel. Foto: dapd

Der hohe Goldpreis auf dem Weltmarkt lässt die Bergbauindustrie brummen - und treibt die Zerstörung der Natur voran, so zum Beispiel des peruanischen Regenwaldes. In der Region Madre de Dios sind der Riesenotter, manche Kolibri- und Affenarten vom Aussterben bedroht.

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Der hohe Goldpreis auf dem Weltmarkt lässt die Bergbauindustrie brummen - und treibt die Zerstörung der Natur voran, so zum Beispiel des peruanischen Regenwaldes. In der Region Madre de Dios sind der Riesenotter, manche Kolibri- und Affenarten vom Aussterben bedroht.

In einem schmucklosen Zweckbau in Lima residiert ein ganzer Zoo aus Gold. Das Goldmuseum der peruanischen Hauptstadt präsentiert nicht nur filigrane Ketten, aufwendig verzierte Masken oder zeremonielle Messer mit Göttergestalten als Griff. In den Vitrinen steht auch die in Metall gebannte Natur des Landes: Detailreich gearbeitete Figuren von Vögeln und Katzen, Eidechsen und Wieseln mit Türkisaugen und Platinzähnen. Die realen Vorbilder dieser jahrhundertealten Kunstwerke aber drohen inzwischen zu verschwinden. Denn das Gold aus den Anden setzt der Tierwelt Südamerikas heute kein schimmerndes Denkmal mehr. Es vernichtet ihren Lebensraum – mit fatalen Folgen für Mensch und Natur.

„Der massiv gestiegene Goldpreis hinterlässt im peruanischen Regenwald immer deutlichere Spuren“, berichtet Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt am Main (ZGF). Denn wer sich von Hitze und Krankheiten, Moskitos und Parasiten nicht abschrecken lässt, kann dort durchaus lukrative Schätze finden. Die Urwaldflüsse haben Goldstaub aus den Anden mitgebracht und ihn mit Sand vermischt im Tiefland wieder abgeladen – eine glitzernde Verheißung, die immer mehr Abenteurer und Verzweifelte anlockt. Allein in der Region Madre de Dios im Südosten des Landes sollen rund 30 000 Goldwäscher unterwegs sein, die im Jahr zwischen 16 und 18 Tonnen des wertvollen Metalls gewinnen. „Arme Bauern aus dem Hochland kommen ebenso wie Arbeitssuchende aus den Küstenorten“, sagt Schenck.

Wie in den USA im 19. Jahrhundert

Der Zoologe hat selbst gesehen, wie sehr sich der Job dieser meist illegal arbeitenden Schatzsucher in letzter Zeit verändert hat. Gemeinsam mit seiner Frau Elke Staib kam er Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal nach Madre de Dios, um das Verhalten der bedrohten Riesenotter zu untersuchen. Da sich diese zwei Meter langen Verwandten des europäischen Fischotters aber nicht so leicht in die Karten schauen lassen, haben die beiden Forscher drei Jahre lang im Regenwald gelebt. Die Goldwäscher, die sie damals trafen, hätten auch in einem Film über den amerikanischen Goldrausch des 19. Jahrhunderts mitspielen können: „Viele waren nur mit Schaufeln und einer einfachen Waschpfanne ausgerüstet“, erinnert sich Schenck.

Wenn der Biologe heute in die Region zurückkehrt, um das ZGF-Projekt zum Schutz der Riesenotter zu besuchen, traut er deshalb oft seinen Augen nicht: „Statt ein paar Pfannen und Schaufeln stehen vor den Zelten etlicher Goldwäscher jetzt Raupenfahrzeuge für 200 000 Euro.“ Der hohe Goldpreis macht es möglich. So mancher ist zu Geld gekommen in Madre de Dios. Und wer dieses Glück hatte, leistet sich oft nicht nur teure Maschinen, sondern heuert auch zusätzliche Arbeitskräfte an. So reißt der Strom von neuen Goldwäschern nicht ab. Und mit ihnen kommt ein Heer von Dienstleistern: von Priestern und Prostituierten bis hin zu Jägern, die den Männern Fleisch liefern und dabei immer tiefer in den Regenwald vordringen.

Scheue und störungsempfindliche Tiere wie der Riesenotter räumen angesichts dieses Ansturms von neuen Nachbarn rasch das Feld. Doch auch die Bäume müssen weichen. Schließlich deponieren die Flüsse ihre wertvolle Fracht nicht nur direkt an ihren Ufern, sondern auch auf den riesigen Flächen, die sie bei Hochwasser überschwemmen. Auch diese weit verteilten Schätze kann man mit schwerem Gerät durchaus heben – wenn man dafür den Regenwald abholzt. Und dieser Aufwand scheint sich seit ein paar Jahren zunehmend zu lohnen.

Die Folgen sind sogar aus dem All zu sehen. Auf Satellitenbildern haben Jennifer Swenson von der Duke University im US-amerikanischen Durham und ihre Kollegen den Schwund des Waldes in den zwei wichtigsten Goldabbaugebieten von Madre de Dios analysiert. Demnach hat die Vernichtung dort seit 2003 parallel zum Goldpreis massiv zugenommen. Mussten zwischen 2003 und 2006 im Durchschnitt noch 292 Hektar Wald pro Jahr dem Goldabbau weichen, hatte sich der Verlust zwischen 2006 und 2009 mit 1 915 Hektar pro Jahr mehr als versechsfacht.
Damit verschlang die Jagd nach dem Edelmetall zu dieser Zeit bereits mehr Land als die wachsenden Siedlungen. Nach Schätzungen der ZGF hat die Region bisher mindestens 32 000 Hektar Regenwald an den Traum vom goldenen Glück verloren.

Die Zerstörung aber trifft einen der artenreichsten Lebensräume der Erde. In diesen Wäldern sind nicht nur die Riesenotter zu Hause, sondern auch Jaguare und Pumas, Tapire und Ameisenbären, Kolibris und Papageien, Kaimane und Anakondas. Durchs Geäst turnen 14 verschiedene Affenarten, vom winzigen Zwergseidenäffchen bis zum stimmgewaltigen Brüllaffen. Dazu kommt noch ein unüberschaubares Heer von Insekten und anderem Kleingetier, das bisher erst in Bruchteilen erforscht ist. In der baumlosen Mondlandschaft, die der Goldabbau hinterlässt, haben all diese Regenwaldbewohner keine Chance mehr.

Quecksilber vergiftet die Umwelt und die Menschen

Doch der Goldboom hat auch weniger offensichtliche Folgen. Denn für ihre anstrengende Arbeit haben die Schatzsucher einen gefährlichen Helfer im Gepäck: Quecksilber. Peru importiert jedes Jahr rund 130 Tonnen dieses giftigen Metalls, die fast komplett in die Goldgewinnung wandern. Wenn man das flüssige Quecksilber nämlich in eine Mischung aus Sand und Gold kippt, verbindet es sich mit dem Edelmetall zu einem schweren Amalgam. Dessen Klumpen setzen sich dann am Boden der Pfanne oder Waschanlage ab, so dass sich der Sand leichter wegspülen lässt.

Um das Gold anschließend wieder vom Quecksilber zu trennen, braucht man das Amalgam nur zu erhitzen. Dann verdampft das Quecksilber und das Gold bleibt zurück. „Im einfachsten Fall klappt das sogar in einer Sardinenbüchse mit einem Bunsenbrenner darunter“, sagt Christof Schenck.
Heutzutage sind im peruanischen Regenwald zwar meist etwas modernere Apparaturen im Einsatz. Doch die haben den gleichen Nachteil wie die primitivste Blechdose: Das verdampfende Quecksilber strömt daraus ungehindert in die Luft – und oft genug direkt in die Atemwege der Goldwäscher.

Das kann zu Erbrechen und Durchfall, in schweren Fällen aber auch zu Nerven-, Leber- und Nierenschäden führen. Zudem reist das giftige Metall mit dem Wind über große Strecken, bis der Regen es irgendwo wieder auswäscht. Dann landet es in den Gewässern, im Boden – und in den Tieren. Christof Schenck und seine Kollegen haben Fische aus den Gewässern von Madre de Dios auf Quecksilber untersuchen lassen. „Selbst im Manu Nationalpark, der zweihundert Kilometer flussaufwärts von den Goldabbaugebieten liegt, haben wir hohe Belastungen gefunden“, berichtet der Zoologe.

Das aber ist eine schlechte Nachricht für alle Lebewesen, die viel Fisch verzehren. Und zu denen gehören in Madre de Dios nicht nur Riesenotter, sondern auch Menschen. Katy Ashe von der Stanford University in Kalifornien hat die Haare von Männern und Frauen aus der Region auf Spuren des giftigen Schwermetalls untersucht. Vor allem in Proben, die direkt aus den Goldwaschgebieten stammten, fanden sich dabei häufig ungesund hohe Konzentrationen von mehr als sechs Millionstel Gramm Quecksilber pro Gramm Haar.

Regulierung der Goldgewinnung scheitert

„Es gibt durchaus Möglichkeiten, diese Belastung massiv zu verringern“, sagt Christof Schenck. Zum Beispiel mit einfachen Aufsätzen für die Quecksilberverdampfer. Diese fangen das giftige Metall auf, so dass es wiederverwendet werden kann, statt in die Umwelt zu gelangen. Doch durchgesetzt hat sich diese Neuerung bisher nicht. „Das ist den Leuten oft zu aufwendig“, weiß der ZGF-Mitarbeiter. „Vor allem aber wollen sie sehen, wie sich als Lohn ihrer Mühen das glänzende Gold im Gefäß absetzt.“ Also kein Deckel, Quecksilberbelastung hin oder her.

Auch andere Versuche, das Goldfieber in für Mensch und Umwelt verträglichere Bahnen zu lenken, haben bislang eher enttäuschende Resultate gebracht. Zwar hat die peruanische Regierung im Februar den Goldabbau außerhalb eines 500 000 Hektar großen Korridors verboten und alle Goldwäscher aufgefordert, sich offiziell registrieren zu lassen. Das führte allerdings zu wütenden Protestaktionen, bei denen drei Menschen getötet und zahlreiche verletzt wurden.

Trotzdem haben Christof Schenck und seine Kollegen in Peru noch nicht resigniert. „Die Regierung muss unbedingt dafür sorgen, dass der Goldrausch nicht auch noch die Schutzgebiete erreicht“, fordert er. Einige Hoffnung setzt er dabei auch auf den Druck von Verbrauchern: „Wenn große Schmuckhändler gezielt umwelt- und sozialverträglich gewonnenes Gold verlangen würden, könnte das einiges bewirken.“ Holz oder Kaffee mit entsprechenden Qualitätssiegeln werden schließlich auch immer beliebter. Vielleicht kann das ja auch mit Edelmetall klappen. Damit es weiter Jaguare im gefleckten Pelz und Vögel mit echtem Gefieder gibt. Und nicht nur goldene Andenken im Museum von Lima.

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