Aus dem Torfhaufen lugt eine behaarte Schnauze hervor. Winzige Äuglein blinzeln in die Welt, vier säbelförmige Zähne machen sich über eine Möhre her. Mit seinem dichten, dunklen Fell sieht der Graumull aus wie eine Kreuzung aus Maulwurf und Maus. Er und 200 seiner Artgenossen leben in torfgefüllten Glaskäfigen an der Uni Essen. Dort studieren Wissenschaftler ihr Sozialverhalten.
In ihrer Heimat im südlichen Afrika leben Graumulle in Kolonien in unterirdischen Gangsystemen. Ihre Körperform ist an das Leben in den engen Gängen angepasst. "Sie sehen aus wie eine Wurst mit kurzen Beinen", sagt die Biologin Marie Therese Bappert.
Das Auffälligste an den Tieren sind die Schneidezähne, die sie zum Graben benützen. Sie ragen vor dem Maul heraus. Denn die Graumulle können ihre Lippen hinter den Schneidezähnen verschließen; so gerät beim Graben keine Erde ins Maul. An der Uni Essen leben die Graumulle in weichem Boden und brauchen ihre Zähne vor allem zum Fressen. "In der freien Natur ernähren sie sich nur von Dingen, die sie unter der Erde finden", sagt Bappert. "Also von unterirdischen Pflanzenteilen wie Knollen, Wurzeln oder Zwiebeln." Ihren Flüssigkeitsbedarf decken sie mit dem Wasser, das die gefressenen Pflanzen enthalten.
Auch die Sinne der Graumulle sind an das Leben unter der Erde angepasst. Weil sie ständig in Dunkelheit leben, sehen sie schlecht. Doch sie nehmen das Magnetfeld der Erde wahr. Diese Fähigkeit haben viele Zugvögel, bei Säugetieren kommt sie aber nur selten vor. In einem runden Käfig boten die Essener Forscher einigen Graumullen Zellstoff zum Nestbau an. Das Ergebnis: Gebaut wurde nicht zufällig irgendwo im Käfig, sondern überwiegend im Südosten. Im zweiten Schritt wurde das irdische Magnetfeld durch ein künstliches Magnetfeld überlagert, erläutert die Biologin Sabine Begall. "Wenn man das Erdmagnetfeld nun um 90 Grad dreht, dann drehen die Tiere mit."
In der unterirdischen Welt, in der Licht kaum eine Rolle spiele, und wo auch nur tiefe Frequenzen weitergeleitet würden, "braucht man einen stabilen Parameter wie das Erdmagnetfeld". Ebenso ungewöhnlich ist das Fortpflanzungssystem der Nager: "Es gibt immer nur ein einziges Paar, das sich in einer Kolonie fortpflanzt. Wir nennen es King und Queen", erläutert Marie Therese Bappert. "Alle anderen Tiere der Kolonie sind ihre Kinder." Ob König und Königin einander treu sind, haben die Forscher allerdings noch nicht herausgefunden.
Statt selbst Nachkommen in die Welt zu setzen, versorgen die älteren Geschwister die jüngeren - und zwar meist ihr ganzes Leben lang. Ein solches Fortpflanzungssystem kennen Biologen von Staaten bildenden Insekten wie Ameisen, Bienen oder Wespen. Unter Säugetieren kommt es nur bei Graumullen und ihren Verwandten, den Nacktmullen, vor. Dabei sind die Graumull-Geschwister nicht unfruchtbar, sondern füreinander nicht sexuell attraktiv.
In der Natur verlassen die Tiere so gut wie nie ihr weitläufiges unterirdisches Gangsystem, das so groß sein kann wie ein Fußballplatz. Ein fremdes Tier können sie nur treffen, wenn die Gänge benachbarter Kolonien aneinander stoßen. "Wenn fremde Männchen und Weibchen aufeinander treffen, fangen sie innerhalb von ein paar Minuten an, sich zu paaren", sagt Hynek Burda, Professor für Zoologie an der Uni Essen. Die Forscher vermuten, dass die neuen Zufallspartner dann ihre Familiengruppen verlassen und eine neue Kolonie gründen. Treffen dagegen gleichgeschlechtliche Graumulle aufeinander, "würden sie sofort angreifen", sagt Burda.
Auch bei anderen Säugetierarten kümmern sich Kinder um den Nachwuchs der Eltern, etwa bei Bibern, Wölfen und Krallenaffen. Allerdings nicht so lange: "Meist sorgen sie für eine oder zwei Generationen der jüngeren Geschwister, verlassen aber dann die Familie", sagt Burda. "Bei den Graumullen zieht dagegen jedes Tier im Durchschnitt sechs Generationen von jüngeren Geschwistern auf. Das ist wirklich sehr selten."
Warum? Graumull-Weibchen können kein Körperfett speichern. Sie müssen also regelmäßig fressen. Doch in der Schwangerschaft schwillt ihr Körper so stark an, dass sie in den Gängen stecken bleiben. Weibchen und Ungeborene überleben nur, wenn sie versorgt werden. Mulle haben darüber hinaus nach der Geburt eine lange Entwicklungszeit. "Die älteren Geschwister sind noch nicht geschlechtsreif, wenn die nächste Generation kommt." Außerdem ist es für die Nagetiere extrem schwierig, unter der Erde einen geeigneten Sexualpartner zu finden. Auf eigene Nachkommen zu setzen, um die Gene weiterzugeben, wäre nicht sehr zielführend.
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